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Ulf Poschardt in einem seiner Sportwagen in Berlin, am 28. Januar 2026 Foto: Jens Gyarmaty

Springers WeltMit Vollgas gegen die Brandmauer

Springer macht Schlagzeilen – und nicht alle sind gut für den Verlag. Ein Treffen mit Ulf Poschardt, seit einem Jahr Herausgeber der „Premiummarke“.

Nicholas Potter

Aus Berlin

Nicholas Potter

V or dem Axel-Springer-Neubau in Berlin-Mitte, einem modernen Glaswürfel mit diagonalem Einschnitt, weht die Israelfahne an diesem frischen Dezembernachmittag nicht mehr. Im Sommer hatten Palästina-Protestler versucht, sie zu entwenden. Vergeblich. Sicherheitskräfte des Medienkonzerns verhinderten die Aktion.

Ob der Flaggenraub inzwischen gelungen sei? „Nein, das überlebt niemand“, sagt, ohne zu zögern, Ulf Poschardt auf dem Weg zu seinem Büro im fünften Stock des Gebäudes. „Also im übertragenen Sinne“, schiebt er ein paar Sekunden später nach. Die blau-weiße Fahne mit Davidstern, die immer wieder vor dem Springer-Sitz gehisst wird, sei nach der Freilassung der israelischen Geiseln und dem Waffenstillstand in Gaza im Oktober eingeholt worden, erklärt er. „Es gibt keine Fahne, die mir so viel bedeutet wie die israelische in Berlin.“

Für Ulf Poschardt selbst scheint es aber keinen Waffenstillstand zu geben. Er, Jahrgang 1967, wähnt sich im Krieg gegen die vermeintlichen und tatsächlichen Feinde des Westens im Allgemeinen und des jüdischen Staats im Besonderen. Gegen einen aus seiner Sicht übergriffigen, überregulierenden Staat, der hierzulande den Bürgern die Freiheit raube.

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Selbst Poschardts unaufgeräumter Schreibtisch wirkt wie ein ideologisches Miniaturschlachtfeld. Darauf stehen ein Modell des World Trade Centers aus Messing, ein Armee-Patch mit den Lettern „Poschardt“, ein ukrainischer Orden, Davidstern-Manschettenknöpfe des jüdischen Sportvereins Makkabi und eine knallgelbe „Shitbürgertum“-Tasse – voller Bonbonpapiere. Monitor oder Tastatur: keine. Nur ein MacBook, in das er dann mit Furor den nächsten Leitartikel tippt.

Er sucht gern Provokation

Insgesamt drei Stunden spricht die taz mit Ulf Poschardt, einem höflichen, neugierigen Gegenüber mit Hang zu steilen Thesen. Einem Mann, der keinen Hehl aus seiner linken Sozialisierung macht, um heute einen libertären Kulturkampf zu führen. Und der dabei genau zu verstehen scheint, wie sowohl seine treuen Fans als auch seine vielen Gegner ticken.

Poschardt sucht gern die Provokation und findet leicht Provozierbare. Er gendert im Gespräch mit der taz durchgehend mit theatralischen Glottisschlag-Pausen, die er „dadaistisch“ nennt. Er lobt die Klimaaktivistin Luisa Neubauer, weil sie „den Wahrnehmungs- und Meinungsmarkt besser verstanden hat als wir hier“. Denn das „Shitbürgertum“ habe ja den Kulturkampf gewonnen. Die taz lese er gern, sagt Poschardt.

Als er im Februar vergangenen Jahres bei der rechtspopulistischen Schweizer Weltwoche zu Gast war, klang das noch weniger differenziert: Die Omas gegen Rechts seien „weiße Biokartoffeln“. Nichts sei „nationalbefreitere Zone“ als eine Fahrraddemo. Und der öffentlich-rechtliche Rundfunk eine „rot-grüne Propagandamaschine“.

Wie viel ist dabei Performance – und wie viel ist Poschardt?

„Der Westen ist eigentlich das, was mir am meisten als Ideenlandschaft verteidigenswert erscheint“, sagt Poschardt, auf einem Vitra-Stuhl in seinem Büro sitzend. „Und das Judentum steht als Chiffre für all die Sachen, die ich geil finde: Hedonismus, Schönheit, Avantgarde. Wenn das jemand angreift, dann ist er mein Feind.“ Ob das nicht eine philosemitische Projektion sei? – „Philosemitismus ist so ein Unwort.“

Poschardt pflegt ein Image als Bad Boy der Publizistik. Sein „Shitbürgertum“, 176 Seiten, brachte er zunächst selbst über Amazon heraus, weil der zu Klampen! Verlag die geplante Veröffentlichung gestoppt hatte – der Band war dem Verlagshaus am Ende zu polemisch.

Für das Buch erwies sich diese Entscheidung als PR-Geschenk, als hätte das „Shitbürgertum“ selbst Poschardts Abrechnung zu zensieren versucht. 40.000-mal hat sich allein schon die Erstausgabe verkauft, bevor es der Westend Verlag ins Programm nahm – ein eher linker „Alternativverlag“, der mit einer Nähe zu Querdenkern und Verschwörungsfans auffällt. Seitdem tourt Poschardt mit seiner Streitschrift durch die Bundesrepublik und das Internet. Inzwischen sei es 120.000-mal verkauft worden, sagt er.

„Shitbürgertum“ wirkt vor allem wie ein endgültiger Abschiedsbrief an ein Milieu, aus dem Poschardt selbst stammt. Punkiger als die Rio Reisers dieser Welt sind für ihn heute die Mileis und die Musks. Trotzdem steht auf der Rückseite des Buchs die Ton-Steine-Scherben-Zeile „Macht kaputt, was euch kaputt macht“.

Poschardt warnt in seiner Polemik vor einer regressiven Gesinnungspolitik, die ideologische Konformität verlange. Er plädiert für weniger Staat und vor allem weniger „Staatsliebe“, für mehr Marktwirtschaft und radikalen Individualismus. Eine Ablehnung des Liberalismus und eine Neigung zu Autoritarismus vereine die Linke und Rechte, schreibt er.

Was Menschen über ihn sagen

Über diese Kernthesen des Buchs könnte man streiten. Eine messerscharfe Analyse aber bieten sie nicht, denn Poschardt setzt gleich die Kettensäge an; er will eine politische Krankheit diagnostiziert haben und befürwortet die sofortige Vollamputation.

Manche Thesen hätten genauso gut von rechts außen kommen können. Etwa wenn er schreibt, die Brandmauer zur rechtsextremen AfD sei ein „Strick“ des „Shitbürgertums“ um den Hals der CDU, „mit dem ein politisch abgewähltes Milieu die letzten bürgerlichen Kräfte höhnisch durch die politische Manege zieht“.

Poschardt ist ein Mann, der sich ausführlich und intensiv mit dem beschäftigt, was Menschen über ihn sagen. Er zählt unaufgefordert alle Porträts und Rezensionen auf, die er für gelungen oder verfehlt hält. „Die besten Besprechungen kamen von links“, sagt er und erwähnt eine Rezension in der Jungle World. Ein Spiegel-Porträt von sich nennt er „beschissen“.

Doch Poschardt kann auch lachen über sich selbst. Er lobt Jan Böhmermanns Satirefigur seines unehelichen Neffen „Alexander Poschardt“ im „ZDF Magazin Royale“: „Super gemacht.“ Poschardt hat den Clip selbst mit seinen 110.000 Followern auf Instagram geteilt. Anfang Dezember war er wieder in Micky Beisenherz’ Podcast zu Gast. In den sozialen Medien gab es eine Mischung aus Lob und Ekel für den Auftritt. Poschardt antwortete auf jeden einzelnen Kommentar, auch die negativen; weniger aus Dünnhäutigkeit als aus Trolllust.

Schadet Poschardt der „Welt“, oder nutzt er ihr?

Ende November kündigte Poschardt in einem Instagram-Video, gefilmt in seinem Büro, ein „Denunziationsportal“ an, um Buch­händ­le­r*in­nen zu verpetzen, die von seinem Buch abraten oder es im Laden verstecken. 20.000 Likes hat der Clip. „Wenn man da die Ironie nicht kapiert, dann weiß ich es auch nicht mehr“, sagt er, darauf angesprochen, und schüttelt den Kopf. Doch viele seiner Fans scheinen die Aufforderungen durchaus ernst zu nehmen.

Das ist der eine Poschardt – der Bestsellerautor, Onlinetroll und Politfluencer.

Der andere Poschardt zählt zumindest auf dem Papier zu den mächtigsten Medienmännern der Bundesrepublik. Acht Jahre lang war Poschardt Chefredakteur der Welt-Gruppe, seit genau einem Jahr ist er Herausgeber einer neuen „Premiummarke“ der Axel Springer SE, zu der neben Welt auch Politico Deutschland und Business Insider Deutschland gehören.

Es gibt Spekulationen, dass Poschardt damit wegbefördert worden sein könnte – mit einem glänzenden Titel, dafür aber weniger publizistischer und personeller Macht.

Wir sehen Ulf bei einer Radikalisierung zu, er wird immer extremer und fühlt sich so bedroht

Eine frühere „Welt“-Kollegin über Ulf Poschardt

Ein Mitarbeiter sagt der taz, er habe der Welt enorm geschadet. Eine zweite Person, die mehrere Jahre mit Poschardt zusammengearbeitet hat, sagt: „Wir sehen Ulf bei einer Radikalisierung zu, er wird immer extremer und fühlt sich so bedroht.“ Ein inzwischen ehemaliger Mitarbeiter erzählt: „Er wirkte schon als Chefredakteur eher wie ein Herausgeber, war aber bei den teils kontroversen Morgenkonferenzen durchaus präsent und gab eine Linie vor.“ Vielleicht habe der Verlag jetzt jemanden gebraucht, der „nicht nur edgy Kommentare schreibt“, spekuliert er.

Poschardt selbst sagt, er habe den Job als Chefredakteur länger gemacht als jeder andere vor ihm und sei stolz, die Zeitung „von einem defizitären Betrieb hin zu einem Schwarze-Null-Betrieb“ entwickelt zu haben.

Die digitale Strategie des Verlags, der früh in seinen Onlineauftritt investierte, scheint aufgegangen zu sein. Die Zahl der Printabos sinkt wie branchenüblich, dafür steigt jene der Welt-E-Paper-Abos stark. Bei der Welt am Sonntag gibt es inzwischen mehr E-Paper- als Printabos: 72.000 zu 56.000. Hinzu kommen mittlerweile mehr als 225.000 digitale Weltplus-Abos.

Autor und Journalist Ulf Poschardt Foto: Jens Gyarmaty

Medienwirksame Gesichter für die Außendarstellung

Zur Strategie gehören auch medienwirksame Gesichter, die die Springer-Marken nach außen vertreten. Im März 2025 kündigte der Verlag ein neues globales Reporternetzwerk an, mitaufgebaut von Poschardt, geleitet von Tim Röhn. Bild-Veteran Paul Ronzheimer sollte zum Netzwerk gehören, ebenso Hauptstadtkenner Robin Alexander, Ex-„Tagesschau“-Sprecher Constantin Schreiber, die somalisch-niederländische Autorin Ayaan Hirsi Ali sowie der New-York-Times-Meinungsautor James Kirchick. Ein weiteres, prominentes Gesicht des Verlags ist zweifelsohne Poschardts eigenes.

Mit der wirtschaftlichen Entwicklung zeigt sich der Herausgeber zufrieden. „Es war ein sehr erfolgreiches Jahr.“ Sein Nachfolger, Welt-Chefredakteur Jan Philipp Burgard, mache einen „Granatenjob“, sagt Poschardt noch beim Gespräch im Dezember.

Worin Poschardts Aufgabe im Verlag genau besteht, bleibt auch nach einem Jahr diffus. „Das Geile an dem Job des Herausgebers ist, jeder spielt die Rolle anders“, sagt Poschardt auf Nachfrage. Er sei auch nie ein typischer Chefredakteur gewesen, eher die „Nachkriegsrandalegeneration“, die „den Chefredakteur militärisch als Avantgarde verortet und sich freut, wenn ein paar hinterherlaufen und mitkämpfen“.

Und als Herausgeber? „Ich bin ja irgendwie so ein geländegängiges, fränkisches Mäuschen“, sagt der gebürtige Nürnberger. „Man kann mich auf Podien schicken, man kann mich zu Anzeigenkunden schicken, man kann mich mit dem Betriebsrat reden lassen, und ich repräsentiere die Marke nach außen.“ Er versuche, „der nahbarste Herausgeber ever“ zu sein. „Ich laufe durch die Redaktion und spreche mit allen.“ Kol­le­g*in­nen bietet er bei einer Begehung mit der taz buddymäßig die Faust zur Begrüßung.

Vor allem aber hat Poschardt jetzt Zeit zum Schreiben. 60 PS-starke Meinungsbeiträge hat Poschardt für die Welt verfasst, seit er Herausgeber ist. Etwa jenen darüber, dass die Brandmauer gegen die AfD vor allem dem strategischen Machterhalt des rot-grünen Milieus diene. Oder darüber, dass antisemitische Ressentiments bei der Linkspartei noch aggressiver als bei der AfD vorkämen. Oder dass die FDP die „rationalste Partei der Gegenwart“ sei. Wenig später erklärte er die liberale „Ampelpartei“ für „tot“. Die Marke Poschardt – mit solchen Beiträgen zahlt sie sich für den Verlag wohl aus.

Immer weniger Gegenwind

Das Meinungsressort der Welt, für das Poschardt oft schreibt, wurde 2025 offiziell in „Meinungsfreiheit“ umbenannt, nun geleitet vom „Chefkommentator“ Andreas Rosenfelder. Sind solche neuen Titel nicht etwas albern? „Ich finde es total richtig“, sagt Poschardt. „Es macht deutlich, dass wir eine Zeit erleben, in der immer wieder versucht wird, den Raum des Sagbaren einzuengen – und das halte ich für höchst problematisch.“

Polarisierende bis polemische Kommentare wie die Poschardts dürften viel angeklickt werden, die Zahl der Onlineabos dürften sie noch gesteigert haben. Hört man sich in der Redaktion um, scheint die Frustration über diesen Kurs aber zu wachsen. Eine Person sagt: „Es gibt immer weniger Gegenwind.“

Im November 2025 lobte Poschardt in einem Kommentar den ehemaligen Neonazi, neurechten Ideologen und AfD-Bundestagsmitarbeiter Benedikt Kaiser mehrfach als „clever“, „kühl“ und „nüchtern“. Eine gezielte Provokation? Poschardt sagt, dass Kaiser ihn und sein Buch „Shitbürgertum“ wegen der Liebe zu Israel und den USA ablehne.

Ulf Poschardt im Axel Springer Hochhaus in Berlin Foto: Jens Gyarmaty

Kurz vor der Bundestagswahl, vor Poschardts Wechsel vom Chefredakteur zum Herausgeber, erschien im Dezember 2024 in der Welt am Sonntag ein Gastkommentar von Elon Musk, in dem er unverhohlen Wahlwerbung für die rechtsextreme AfD machen durfte: eine Partei, die der reichste Mann der Welt als „letzten Funken Hoffnung“ für Deutschland bezeichnete.

Wer den Gastbeitrag eingefädelt hat – darüber gibt es widersprüchliche Aussagen. Ob Poschardt selbst den Musk-Beitrag durchgeboxt habe, gegen den Willen der Redaktion? „Ich musste gar nichts durchboxen, sondern wir haben uns einfach gemeinsam entschieden, dass es ein Interesse daran gibt, so was zu lesen.“ Welt-Mitarbeiter*innen, mit denen die taz gesprochen hat, bestreiten das. Die interne Stimmung sei danach „unfassbar schlecht“ gewesen, sagt eine Mitarbeiterin und spricht von einem „Tabubruch“.

Auf den Musk-Beitrag folgten einige Abgänge im Haus. Sie zeigen ein Muster. Meinungschefin Eva Marie Kogel kündigte schon am Erscheinungstag aus Protest. Der Investigativreporter Hans-Martin Tillack schmiss ebenfalls hin. Auch der politische Korrespondent Jörg Wimalasena sowie der Investigativreporter Ulrich Kraetzer verließen seitdem die Zeitung. Im Juni 2025 gab Jennifer Wilton, seit fast 20 Jahren bei Springer und seit 2022 Chefredakteurin der Welt, aus unbekannten Gründen überraschend ihren Rücktritt bekannt. Sie war zu diesem Zeitpunkt die einzige Frau in der Chefetage.

Ein Jahr später scheint Poschardt die Sprengkraft des Musk-Beitrags immer noch nicht ganz bewusst zu sein. Oder vielleicht sind ihm die Folgen schlicht egal. „Ich würde es heute genauso machen. Und wenn jetzt Elon Musk mich morgen anruft und sagt, ich halte Annalena Baerbock für die beste Politikerin Europas, kann ich darüber schreiben? Dann würde ich sagen: Klar, gern.“

Der Musk-Beitrag ist nur ein Beispiel für einen Trend. Manche Welt-Redakteur*innen rütteln mittlerweile kräftig an der Brandmauer nach rechts außen. Ein Feuilletonredakteur fand neulich freundliche Worte für eine AfD-nahe Buchmesse in Halle, auf der rechtsextreme Verlage wie Antaios, Jungeuropa und Compact vertreten waren. Erst kürzlich soll die Redaktion einen geplanten Gastbeitrag des AfD-Ehrenvorsitzenden Alexander Gauland verhindert haben. Den Text, in dem Gauland keine rechtsextreme Radikalisierung seiner Partei sehen will und die Brandmauer kritisiert, druckte am Ende die Berliner Zeitung.

Robin Alexander will nicht mehr mitmachen

Sieht Poschardt den Rechtsruck bei der Welt? „Das ist eine Frage des Standpunkts“, antwortet er. „Das einzig relevante kritische Buch über die AfD in diesem Jahr kommt von einem Kollegen von uns.“ Damit meint er Frederik Schindlers Spiegel-Bestseller „Höcke“. Poschardt nennt außerdem seine Kollegen Deniz Yücel und Robin Alexander, wie Schindler sind auch sie ehemalige taz-Redakteure und dienen Poschardt als Belege dafür, dass das mit dem Rechtsruck nicht stimme – die beiden habe er zu Springer geholt, sagt er.

Doch bilden solche Stimmen nicht eher die Minderheit bei Springer? „Nö, ich bin die Minderheit“, erwidert Poschardt.

Zwei Wochen nachdem Poschardt diesen Satz sagt, gibt auch Robin Alexander, stellvertretender Chefredakteur der Welt, seinen Rücktritt bekannt. Die Diskussion über den Gauland-Beitrag soll für die Entscheidung ausschlaggebend gewesen sein.

Einen Monat später, Mitte Januar, kommt der nächste Paukenschlag im Haus: Jan Philipp Burgard, Poschardts Nachfolger, legt ebenso überraschend sein Amt nieder – „aus gesundheitlichen Gründen“, vermeldet der Verlag in einer äußerst knappen Abschiedserklärung.

Mehrere Medien berichten jedoch vom angeblich „unangemessenen Verhalten“ Burgards gegenüber Mitarbeiterinnen auf der Weihnachtsfeier. Bei einer internen Befragung soll er sich nicht mehr daran erinnert haben, was genau passiert sei. Burgards Anwälte weisen die Vorwürfe auf taz-Nachfrage zurück, der Rücktritt sei allein aus medizinischen Gründen erfolgt. Ein Springer-Sprecher sagt, dem Unternehmen lägen keinerlei Beschwerden wegen Belästigung oder eines übergriffigen Verhaltens gegen Burgard vor.

Unstrittig ist: Poschardts Nachfolger war erst ein Jahr im Amt und hinterlässt einen Scherbenhaufen. Der bisherige „Tagesthemen“-Chef Helge Fuhst soll den Posten jetzt übernehmen.

Poschardt will Burgards Rücktritt nicht direkt kommentieren. Was er aber per E-Mail dazu schreibt: „Wenn wir weiterhin so aufeinander losgehen, geht das Land vollends kaputt, und das sage ich als jemand, der vor Polemik wahrlich nicht zurückschreckt. Wenn es so weitergeht, werde ich wider Willen zum Brückenbauer werden müssen.“

Über einen anderen prominenten Abgang aus dem Hause Springer spricht Poschardt schon im Dezember – vom Ferrari-Ledersitz aus. Es ist der Abend nach dem taz-Interview im Springer-Haus, Poschardt dreht eine Feierabendrunde auf der Autobahn in seinem Ferrari 430 Scuderia, einem von vier schwarzen Sportwagen der italienischen Luxusmarke in seinem Besitz.

Mehr als vier Jahre nach dem Rauswurf von Bild-Chefredakteur Julian Reichelt aufgrund einer MeToo-Affäre scheint Poschardt fast Mitleid mit seinem früheren Kollegen zu haben.

„Ich finde es bemerkenswert, dass er als totaler Outlaw gilt“, sagt Poschardt. Er würde Reichelt gerne in mehr öffentlich-rechtlichen Talkshows sehen, „um den Diskurs breiter zu machen“. Und er findet, dass die ARD auch in dieselbe Richtung wie Nius recherchieren solle, das rechtspopulistische Hetzportal, an dessen Spitze Reichelt steht. Dieses sei nicht tendenziöser als der Deutschlandfunk, sagt Poschardt.

Auch er selbst inszeniert sich ja als Outlaw des medialen Establishments. Geht es dabei noch um Springer oder nur noch um die eigene Marke? „Ich spiele für die Mannschaft“, sagt Poschardt. „Sagen Sie mir ein politisches Sachbuch, das in den Bestsellerlisten der letzten Jahre war, das so eng an den fünf Essentials von Axel Springer ist, und zwar an jedem einzelnen.“

Diese sogenannten Essentials – ein Bekenntnis zu Demokratie, Israels Existenzrecht, transatlantischen Beziehungen und sozialer Marktwirtschaft sowie eine Ablehnung jedes Extremismus – sind Leitplanken, zu denen sich alle Springer-Mitarbeiter*innen bekennen müssen. Eigentlich.

„Shitbürgertum“ sei erst der Anfang, sagt Poschardt im rasenden Sportauto, das Buch sei Teil einer Trilogie. Der zweite Band soll „Bückbürgertum“ heißen und im Juni erscheinen, 200 Seiten habe er schon geschrieben. Der dritte: „Fightbürgertum“. Er habe außerdem schon ein Buch über Enzo Ferrari angefangen. „Ich habe mehrere Berge von Papier zu Hause rumfliegen.“

Ob er mit „Shitbürgertum“ nicht schon alles gesagt habe? „Nö“, sagt er – der Rest des Satzes geht im Motorgebrüll unter, als er demonstrativ auf das Gaspedal tritt. „Es geht darum: Wer hat dem Shitbürgertum das Land überlassen?“, schreit er, um gehört zu werden. „Die Bückbürger!“

Der Ferrari schießt über die Autobahn. Auf dem Tacho stehen inzwischen 200 km/h, Scheinwerfer rasen vorbei. Poschardt fährt wie ein überambitionierter Rennfahrer, findet jede Lücke, gibt Vollgas, bremst hart. Er grinst, wirkt glücklich. „Ich fahre jetzt für Sie ganz zivil“, sagt er. Und spottet gleich hinterher über „Lastenfahrrad-taz-Freund*innen“.

Hatte er schon Unfälle?

„Ja“.

Viele?

Kind of, aber seit Langem nicht mehr.“

Dann sagt er: „Ich weiß auch, dass es Kollegen gibt, die wirklich fremdeln mit dem, was ich mache.“

Als der schwarze Ferrari Scuderia wieder das ruhige Villenviertel am Rande Berlins erreicht, in dem Poschardt wohnt, wird er nachdenklich. „Ich war bei Makkabi der schlechteste Fußballer und im Nachtleben wahrscheinlich der unbegabteste DJ. Ich kann eigentlich nichts“, sagt er. „Nur schreiben und Auto fahren.“ Was er heute Abend vorhat? „Weiterschreiben.“

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1 Kommentar

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  • Arbeiten WELT und BILD nicht schon seit einiger Zeit daran, dass die Brandmauer bröckelt? -- Zu Poschardt: Traurig, dass solche Typen - clever, prinzipienlos und ohne Verantwortungsbewusstsein - so viel Macht haben.