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Debatte um ArbeitDoch, Teilzeit ist ein Lifestyle

Die Union hat eine emotionale Debatte um das Recht auf Teilzeit ausgelöst. Der Kampf um die Arbeitszeit ist eine komplexe Verteilungsfrage.

Zu glauben, der Gipfel der Gleichberechtigung sei erreicht, wenn alle gemeinsam noch mehr schufteten, ist eine Falle Foto: Oliver Helbig/plainpicture

H ier soll jetzt gleich eine fluffige Kolumne über Teilzeit und Lifestyle stehen. Und das in einer Vollzeitwoche, in der die Kinder krank sind, die Wärmepumpe streikt (danke, Robert Habeck) und die Schule bestreikt wird (danke, Gewerkschaften). Also wieder Überstunden am späten Abend. In der taz haben wir die Worte des Bundeskanzlers vernommen, und als fleißiger Bürger wird nun in die Hände gespuckt und auf die Tastatur und alles gegeben, um den Standort mit einem weiteren neunmalklugen Text voranzubringen.

Zum Thema: In Deutschland gibt es (noch?) ein Recht auf Teilzeit. Sprechen keine betrieblichen Gründe dagegen, muss der Arbeitgeber sie erlauben. Und so viele Menschen wie noch nie, 29 Prozent der Erwerbstätigen, machen davon Gebrauch. Jeder neunte Mann und fast jede zweite Frau.

Die Mittelstandsunion (Triggerwort Nummer eins) fordert deshalb, das Recht auf Teilzeit als „Lifestyle“ (Triggerwort zwei) einzuschränken. Und wie das so ist mit Triggerwörtern und den Debatten, die auf sie folgen: Sie verlaufen reflexhaft.

wochentaz

Dieser Text stammt aus der wochentaz. Unserer Wochenzeitung von links! In der wochentaz geht es jede Woche um die Welt, wie sie ist – und wie sie sein könnte. Eine linke Wochenzeitung mit Stimme, Haltung und dem besonderen taz-Blick auf die Welt. Jeden Samstag neu am Kiosk und natürlich im Abo.

Das fängt damit an, dass Lifestyle so klingt, als hätte jemand in der Union das Wort im Lexikon für Jugendsprache gefunden. Aber auch viele vermeintlich linke und liberale Reaktionen auf den Vorschlag waren erwartbar. Eine Unverschämtheit sei der Vorstoß, hieß es, und dann kamen die bekannten Argumente: die Teilzeitfalle der Frauen, die fehlende Kinderbetreuung und so weiter und so fort. Das ist alles nicht falsch und doch ein bisschen unehrlich.

Kita, Care und Katzen

Ja, es gibt viele Menschen, die gern mehr arbeiten würden, aber nicht können – weil es ihre Lebensumstände nicht zulassen oder ihr Arbeitgeber sie nicht lässt. Es gibt aber ebenso viele Menschen, die nicht mehr arbeiten wollen oder am liebsten weniger arbeiten würden als bisher. Weil sie lieber auf Geld verzichten als auf Zeit. Weil sie die Nasen ihrer Kinder lieber sehen als die ihrer KollegInnen.

Es ist deshalb defensiv und etwas scheinheilig, so zu tun, als würden ja alle liebend gern 40 Stunden arbeiten, nur – leider, leider – ginge das nicht, weil: Kita, Care, Katzen. Denn mit dieser Argumentation unhinterfragt übernommen wird das Ideal der Vollzeitarbeit. Zu glauben, der Gipfel der Gleichberechtigung sei erreicht, wenn alle gemeinsam noch mehr schufteten, ist eine Falle.

Besser wäre es doch, offensiv dagegenzuhalten. Ob man das nun Lifestyle oder Work-Life-Balance nennt oder schlicht Freizeit. Wie viel davon zur Verfügung steht, ist schließlich nicht gegeben, sondern wurde von Gewerkschaften und Arbeiterinnen erkämpft. Das gilt für die 40-Stunden-Woche wie für das Recht auf Teilzeit. Statt sich über sie zu empören, kann man der Mittelstandsunion dankbar sein und ihr selbstbewusst zustimmen: Ja, Teilzeit ist oft eine bewusste Entscheidung, ist auch Ausdruck von Wohlstand in einer Gesellschaft, ist Lifestyle. Und wenn Arbeitgeber und Bundesregierung wollen, dass mehr gearbeitet wird, müssen sie dafür etwas bieten.

Letztlich ist der Kampf um die Arbeitszeit dann eine dreifache Verteilungsfrage: zwischen Unternehmen und Angestellten zur Höhe des Lohns, zwischen Staat und Bürgern zu Arbeitnehmerrechten und einer öffentliche Infrastruktur, die das Arbeiten erst möglich macht – und nicht zuletzt ein Kampf zwischen Männern und Frauen.

Denn wenn weniger Frauen in Teilzeit arbeiten sollen, kann das nur funktionieren, wenn Männer Arbeit abgeben und stattdessen andere Aufgaben übernehmen. Solche, die sinnvoller sind, als nachts Welterklärerkolumnen zu schreiben.

Vollzeit für alle? Ja, aber mit 30 Stunden, bitte. Das wäre ein guter Lifestyle.

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Kersten Augustin
Ressortleiter Inland
Kersten Augustin leitet das innenpolitische Ressort der taz. Geboren 1988 in Hamburg. Er studierte in Berlin, Jerusalem und Ramallah und wurde an der Deutschen Journalistenschule (DJS) in München ausgebildet. 2015 wurde er Redakteur der taz.am wochenende. 2022 wurde er stellvertretender Ressortleiter der neu gegründeten wochentaz und leitete das Politikteam der Wochenzeitung. In der wochentaz schreibt er die Kolumne „Materie“. Seine Recherchen wurden mit dem Otto-Brenner-Preis, dem Langem Atem und dem Wächterpreis der Tagespresse ausgezeichnet.
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4 Kommentare

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  • Zitat:"Wie viel [Freizeit] davon zur Verfügung steht, ist schließlich nicht gegeben, sondern wurde von Gewerkschaften und Arbeiterinnen erkämpft."



    Nein, das kann man so leider nicht sagen!! Unsere Freizeit von der Arbeit wurde erkämpft durch erfolgreiche Unternehmen mit guten Produkten und diese weltweit gefragt. Sie ist Resultat einer hohen Produktivität, also Warenausstoß durch hohen Grad an Maschinisierung und Effizienz. Dies ist ein Wettbewerbsvorteil gegenüber anderen Produzenten, die das know how und die Effizienz nicht haben.



    Jetzt zu argumentieren, dass das in Stein gemeißelt sei und man nur intern, also auf der Insel der Glückseeligen das Vorhandene 'intern' gerecht verteilen könnten ist letztlich ignorant. Nein, wenn wir den Wohlstand erhalten wollen, müssen wir eben in definierten Bereichen unsere Spitzenpositionen halten. Sonst wird woanders produziert und wir kaufen eben zukünftig nicht nur Elektronikprodukte aus China oder sonstwo her, sondern auch überwiegend Autos, Maschinen, Chemische Produkte usw. Dann ist es vorbei mit Umverteilungsfantasien auf bestehendem Status Quo. Dann geht's rückwärts... für uns alle.

  • So verkürzt die Aussage mit der Lifestyle-Teilzeit ist - es gibt sie. Und zumindest in Mangelberufen ist das ein gesamtgesellschaftliches Problem. Und ja, die meisten haben individuelle Gründe dafür. Was aber auch gesagt werden muss: unser progressives Steuersystem macht mehr Arbeit finanziell nicht unbedingt attraktiv. Am übelsten ist es in der Gehaltsgruppe. 50-60.000 Euro: kurz vorm Spitzensteuersatz und noch unterhalb der Beitragsbemessungsgrenze. Von jedem zusätzlich verdienten Euro 0,60 € an Steuern und Sozialabgaben weg. Das Verhältnis aus investiert der Lebenszeit und mehr netto stimmt einfach nicht mehr. Man sollte das diskutieren, und nicht komplett die Augen davor verschließen. Die Lifestyle Teilzeit zu leugnen ist genauso falsch wie der verkürzte Vorschlag der Union.

  • Leider fehlt der letzte Punkt: Vollzeit ist auch eine Frage der Steuern. Wenn man von jedem weiteren Euro, den man verdient 42 an Steuern und unter Umständen noch weitere 20ct an Sozialabgaben zahlen muss, muss man für jeden weiteren netto Euro drei brutto Euro verdienen. Das lohnt sich nicht. Dann lieber Teilzeit. Man profitiert von allen staatlichen Leistungen muss aber weniger dazu beitragen. Der Staat muss schlanker werden, weniger Aufgaben übernehmen, damit es Anreiz gibt, etwas beizutragen.

    PS: Die Selbstironie "....um den Standort mit einem weiteren neunmalklugen Text voranzubringen." hat mir gut gefallen ;)

  • Sehr guter Text der da am Abend entstand.



    Ich arbeite selbst Teilzeit. 25 Stunden. Freiwillig. Früher der Kinder wegen, heute Pflege eines Elternteils. Ich könnte auch 30 Stunden. Aber ich habe Angst, dass wenn ich jetzt höher gehe später nicht mehr runtergehen kann.



    Und: es reicht ja auch so. Finanziell. Und sozial.



    Und da ist die Krankheit des Systems. Mehr arbeiten? Gern. Aber ich brauche ein WOFÜR, lieber Herr Merz.



    Zum Abbau des Schuldenbergs Deutschlands? Das reizt mich nicht. Wahrscheinlich niemanden.



    Also WOFÜR? Steuerlich wäre es für mich unrentabel, das haben wir durchgerechnet. Zum Gesundheitssystem habe ich vollen Zugang, egal ob 25, 30 oder 40 Stunden. Und Rentenpunkte😅, mir egal, außer verbeamtet kann man von der gesetzlichen Rente eh nicht gut leben. Wir haben privat vorgesorgt. Ob genug wird sich dann zeigen🫣



    Zur Teilzeitdebatte sage ich: Merz und Kollegen müssen einsehen, dass ohne Anreiz keiner mehr arbeiten wird.



    Und die Teilzeitbefürworter müssen einsehen, dass volle Sozialabsicherung für 20 oder 30 Stunden ein defizitärer Luxus ist.



    Ein 'Vollzeit-Sozialstaat' kann von Teilzeit nicht bewirtet werden. Teilzeit heißt soziale Standards für ALLE Nutzer runter.