Verhaltensweisen der Gegenwart: Mut zu Lässigkeit und Schwäche
Obszöne Gesten der Stärke beherrschen die internationale Politik. Was wurde aus der Coolness? Über Gefühle an der Schwelle zu einer neuen Weltordnung.
A ls Foto und im Bewegtbild war in den Nachrufen auf das Fußballidol Franz Beckenbauer vielfach eine Szene wiedergegeben, in der dieser 1977 in New York auf Muhammad Ali traf. Der Box-Champion lag auf einem Hotelbett und befragte Beckenbauer nach dessen Trainingsmethoden. „Mit dem Ball?“, fragte der verdutzt und in holprigem Englisch zurück. Nein, ohne. Der Boxer wollte wissen, wie er seinen Körper bewege.
Galten die beiden hinsichtlich ihrer Erfolge als die Größten ihres jeweiligen Fachs, so schienen sie habituell durch ihre Lässigkeit verbunden. Bei Beckenbauer war es die Leichtigkeit im Umgang mit dem Ball. Der Kopf blieb dabei stets oben, als ginge es darum, die Ausführung der nächsten Finte zu planen. Anerkennend attestierte man seiner Art zu spielen Eleganz, von Überheblichkeit und Arroganz war ebenfalls die Rede. Beckenbauer war schnell, schön und populär. Es sind die Merkmale der Lässigkeit als ästhetische Kategorie.
Lässigkeit ist die Haltung derer, die nichts zu verlieren und das meiste noch vor sich haben. Imposant verkörpert wurde sie durch den jungen Muhammad Ali, der boxerisches Talent mit Schönheit und Intelligenz vereinte. Seine Schnelligkeit, sein Tänzeln und seine herunterhängenden Arme, die ihn als einen Boxer ohne Deckung erscheinen ließen, machten ihn zu einer Ikone nicht nur der schwarzen Rebellion, sondern des jugendlichen Aufbegehrens insgesamt.
Der Schriftstellerin Joyce Carol Oates war nicht entgangen, was hinter Muhammad Alis oft zur Schau getragenem Unernst steckte. „Die süße Kunst zu verletzen ist ein Hohelied auf den männlichen Körper“, schreibt sie. „Obwohl männliche Zuschauer sich mit dem Boxen identifizieren, verhält sich kein Boxer, sobald er im Ring ist, je wie ein normaler Mann, und keine Kombination von Schlägen ist natürlich. Alles ist Stil.“
Des Narzissmus verdächtigt
Lässigkeit birgt die Gefahr des Misslingens, die demonstrative Lockerheit des jeweiligen Akteurs scheint ein Verhängnis geradewegs herausfordern zu wollen. Ist aber offen von Lässigkeit die Rede, schwingt meistens ein Ton von Bewunderung mit.
Allerdings kann der Lässige kein Vorbild abgeben, es fehlt ihm dazu die Tugendhaftigkeit. Er scheint von einer Art radikalen Egoismus beseelt, schon deshalb galt Lässigkeit als auffälliges Merkmal in der Hochphase des Neoliberalismus, in der Risiko und Arglosigkeit als Schlüssel zur Erschließung neuer Märkte galten. Der Lässige war seit jeher ein des Narzissmus verdächtiger Persönlichkeitstyp. Bei aller ästhetischen Attraktivität wird Lässigkeit primär als Abweichung wahrgenommen.
Als Geste und Variante der Selbstgestaltung gehört sie zum Verhaltensrepertoire der Coolness, die besonders in Jugendkulturen seit Beginn des 20. Jahrhunderts einen erstrebenswerten Zustand darstellt. Man ist bemüht, kühl zu bleiben, gelassen, nonchalant, souverän, kontrolliert.
So verstanden ist Coolness die antizipierte Unabhängigkeit derer, die gesellschaftlich auf der Schwelle stehen. Man gehört noch nicht dazu, sei es durch Ausschluss oder durch Selbstausgrenzung. Lässigkeit und Coolness sind stets auch Abwehrgesten. Allerdings zielt Coolness keineswegs auf einen stillgestellten Zustand, etwas, in das man sich dauerhaft einzurichten hofft. Coolness ist nicht auf materialistische Werte ausgerichtet, sondern vom Augenblick beherrscht.
Coolness ist durchdrungen von retardierenden Elementen. Man muss abwarten können, und es kommt auf das Gespür für den richtigen Augenblick an. Andererseits gilt: Wer nicht heiß gewesen ist, kann nicht cool werden. So gesehen gehören Coolness und Lässigkeit zum Abc der reduzierten Gefühle und kennzeichnen nicht zuletzt einen allgemeinen Umgang mit emotionaler Verletzlichkeit.
Prepper im Vorkrieg
Es spricht einiges dafür, dass es sich um auslaufende Verhaltensformen handelt. Das Kokettieren mit Schwäche ist nicht mehr gefragt, obszöne Gesten der Stärke beherrschen die Szene. In psychologischer Hinsicht ist der sogenannte Prepper, der in unwegsamem Gelände den Ernstfall antizipiert und deshalb bereit ist, die Existenz eines Bunkerwesens zu führen, keine gesellschaftliche Randfigur mehr.
Prepper wähnen sich im Vorkrieg, und es scheint nicht länger nur eine düstere Prognose von Militärexperten, dass die lange Friedensphase in der westlichen Welt an ihr Ende gelangt ist. Stromausfälle, Schneekatastrophen – es kommt zunehmend darauf an, vorbereitet zu sein, mögen sich die Arten, die Konservenbüchsen zu stapeln, auch unterscheiden.
Für Prepperpioniere hat der Überlebenskampf längst begonnen, ihr Dasein ist ein Leben zum Tode. Auch wenn der Prepper – eine keineswegs ausschließlich männliche Figur – nicht cool ist, fühlt er sich durch die Todesnähe mit der Coolness verbunden.
An die Stelle der Coolness scheinen unterdessen die Begleiterscheinungen einer politischen Ökonomie der Disruption getreten, als dessen lärmender Götterbote sich der aus Südafrika stammende amerikanische Entrepreneur Elon Musk inszeniert.
Vorm Mutwillen nirgends sicher
Als dieser im Oktober 2022 mit einem Waschbecken in die Twitter-Zentrale einmarschierte, ging es ihm nicht darum, die Hygienebedingungen des Betriebs zu verbessern. Vielmehr wollte er wahrgenommen werden als einer, der anpackt. Wenig später machten die Mitarbeiter der bald danach in X umbenannten Plattform die Erfahrung, vorm Mutwillen des neuen Eigentümers nirgends sicher zu sein.
Das Waschbecken veranschaulichte keineswegs, dass alles fließt. Vielmehr signalisierte es Musks Bereitschaft, alles herauszureißen, eine Haltung, in der er als Chef der von US-Präsident Donald Trump eingesetzten Organisation DOGE, die vorgeblich die Regierungseffizienz und -produktivität erhöhen sollte, der liberalen US-Gesellschaft das Fürchten lehrte.
Politik wurde von Musk als Krawall und Party inszeniert, an der er das Interesse schnell wieder verlor. Alles an dieser Figur ist anti-cool, abwarten bedeutet für sie ein Graus, jeglicher Wille zur Selbstkontrolle scheint ihr zu fehlen. Aufgedunsen und übergewichtig macht Musk explizit den öffentlich eingestandenen Drogenkonsum sichtbar. Er feiert die Attraktivität der Zügellosigkeit. Wenn es dabei doch so etwas wie Selbstkontrolle gibt, dann besteht sie im Microdosing, mit dem Musk laut Selbstauskunft die jeweiligen Substanzen zu sich nimmt. Diese Art von Drogengebrauch ist das Privileg der Reichen.
Argumente spiele keine Rolle
Das dazugehörige unternehmerische Leitbild ist seit Kurzem hinlänglich als Disruption bekannt. Im „Glossar der Gegenwart 2.0“ (Edition Suhrkamp) hat der Soziologe Ulrich Bröckling beschrieben, wie Donald Trump im Verlauf seiner ersten Amtszeit sein Verständnis von Disruption als anarchisches und anti-institutionalistisches Herrschaftsinstrument im politischen Feld implementiert hat. „Wo Argumente keine Rolle spielen, ‚alternative Fakten‘ die Berufung auf Tatsachen obsolet machen, geregelte Verfahren außer Kraft gesetzt werden und die Verwaltungsapparate geschwächt sind, bleibt nur die Fixierung auf den starken Mann.“
Schon vor Beginn der zweiten Amtszeit Trumps wurde deutlich, dass die Kanäle der gesellschaftlichen Kommunikation nun erneut mit den Mitteln disruptiver Destabilisierung geflutet werden. Geschäftspraktiken und neoimperialistische Eroberungsfantasien gingen in der obsessiven Ausdrucksweise unter, in der Trump davon sprach, Grönland zu kaufen, den Panamakanal wieder unter US-Kontrolle zu bringen und Kanada zu einem Bundesstaat der USA zu machen.
„Disruptionen werden forciert“, so Bröckling, „um Wettbewerbsvorteile zu erlangen, oder strategisch genutzt, um autoritäre Ambitionen durchzusetzen – wahrgenommen und traktiert werden sie aber auch als Sicherheitsprobleme.“ Nun also Disruption im Weltmaßstab geopolitischer Sicherheitsarchitektur.
Was im politischen Raum umgehend als Furor der Entgrenzung betrachtet wurde, mit dem der Trumpismus die alte Weltordnung demoliert, folgt einer Verhaltensweise, die die Soziologin Stefanie Graefe (ebenfalls im „Glossar der Gegenwart 2.0“) als Merkmal eines agilen Managements kenntlich gemacht hat.
Ein negativer Bezugspunkt sei dabei das Wasserfallmodell, „bei dem am Ende eines detailliert geplanten Arbeitsprozesses ein fertiges Produkt entsteht, das nicht mehr verändert werden kann: Die Kundin oder der Kunde wird gleichermaßen vom Produkt überschwemmt.“ Das Tech-Unternehmertum fluten den Markt mit Einfällen und Störmanövern, sodass diese zumindest vorübergehend so wirken, als seien sie in der Lage, kapitalistische Machtstrukturen unsichtbar zu machen.
Die wilden Kinder des Silicon Valley
Bei allem, was die wilden Kinder des Silicon Valley tun, sind sie bemüht, den Gestus des Unkonventionellen und Revolutionären beizubehalten. Dabei geht es nicht um Kreativität und Erneuerung, sondern um etwas, das später als kreativ gedeutet werden kann. „Auf der politischen Agenda steht nicht, was zukünftig anders sein kann oder sollte, sondern was ohnehin anders kommen wird als gedacht.“
Graefe beschreibt, wie sich unter dem Gebot der Agilität das Schlechte aus zwei Welten miteinander verbindet: „die hierarchische Struktur des industriegesellschaftlichen Kommandosystems mit den Entgrenzungszumutungen der postfordistischen digitalen Ökonomie“. Falls Politik dann überhaupt noch möglich ist, wird sie sich auf einem „Disruptionsbewältigungsparcours“ (Ulrich Bröckling) zu begeben haben.
Gegen das Ausagieren disruptiver Durchsetzungs- und Herrschaftsfantasien scheint derzeit kein Gegengift anzuschlagen. Kältelehren, wie sie Helmut Lethen einst für das frühe 20. Jahrhundert diagnostiziert hat, greifen nicht mehr. Wo Regelbruch und Unbeherrschtheit regieren, muss es daher kurios erscheinen, auf Schwäche als ästhetische Kategorie und Lösung zu verweisen. Die neuen Machtdarsteller haben nicht aus Fehlern gelernt, sondern geben vor, keine zu machen.
So ähnlich hat es auch Miley Cyrus in ihrem Song „Golden G String“ gesehen. Die „old boys“, singt sie, halten alle Karten in der Hand und sind nicht gerade zimperlich, wenn es darum geht, sie auszuspielen. Das Stück hatte die unter dem Namen Hannah Montana berühmt gewordene Pop-Rebellin ganz ausdrücklich auf Donald Trump bezogen. Der „mad man in the big chair“ habe ein eisernes Herz und rufe allen zu: „Wenn du nicht über die Runden kommst, dann liegt der Fehler vermutlich bei dir.“
Im Populismus dreht sich alles um Verluste
Eine Parole, die längst wie ein amtliches Dekret daherkommt, sei es in Folge der verheerenden Feuerbrunst von Los Angeles zum Jahresbeginn 2025 oder nach der willkürlichen Erschießung der Lyrikerin Renee Nicole Good durch einen Beamten der Einwanderungs- und Grenzschutzbehörde ICE in Minneapolis. Pech gehabt. Alles Weitere wird zynisch zurechtgelogen.
Es gibt gute Gründe, das von Phantasmagorien Einzelner angetriebene Streben nach Macht als destruktive Bedrohung zu fürchten. Im Populismus, schreibt der Soziologe Andreas Reckwitz in seiner Studie über „Verlust“ als Grundproblem der Moderne, drehe sich alles um Verluste. „Die immer neuen Verlustängste kommen dem Populismus dabei gerade recht, ja sie werden von ihm systematisch genährt. Populismus ist politisches Verlustunternehmertum.“
Verlust ist für Reckwitz eine unterschlagene Antriebsfeder moderner Gesellschaften. In der alternden Gesellschaft werden deshalb Praktiken eines sogenannten „doing loss“ nötig, „eine Verlustkompetenz im Umgang mit Fragilität und Endlichkeit, die von Praktiken des Rückzugs über die Sorge um den fragilen Anderen bis zum Abschiednehmen reicht“.
In diesem Sinne markiert das Verhaltensrepertoire der Lässigkeit eine Kippstellung. Sie behauptet keine Unverwundbarkeit, sondern kokettiert mit Verletzlichkeit. Das Spiel mit der Schwäche tendiert nicht zum Aufgeben und den Verzicht aufs Gelingen. Vielmehr bereitet es Finten zum Gegenschlag vor, Lösungen aus der Erfahrung der Schwäche.
Die Redewendung „Ich habe eine Schwäche für Nougatpralinen oder einen gut gereiften Merlot“ wird in der Regel der Bereitschaft zu Verführung und Genuss zugeschlagen. In den Arenen der Selbstbehauptung hält sie jedoch eine Verletzlichkeit im Spiel, die es nicht primär als Makel zu beheben gilt, sondern als Ressource der Freiheit und des „Anders weiter“ Aufmerksamkeit verdient. Eine erst noch zu entfaltende Würde der Schwäche könnte für eine Zukunft sensibilisieren, deren wichtigstes Ziel in der Adorno-Maxime aufgeht, ohne Angst verschieden zu sein.
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