Stellenabbau bei Bosch: Wie ein Erdbeben
Seit Jahrzehnten prägt Bosch das Leben in Bühl. Nun will der Konzern 1.550 Stellen abbauen. Ein Schock für die Arbeiterfamilien der Region.
G egen 17 Uhr geht in Bühlertal das Licht an. Fünf Druckbuchstaben leuchten in roter Signalfarbe durch den Nebel am Ortseingang des Schwarzwaldstädtchens. Ist man auf den Hügeln und Rebhängen der rund 8.000-Einwohner-Gemeinde unterwegs, wandert der Blick fast automatisch hinunter ins Tal, wo der Schriftzug „Bosch“ auf dem Dach eines grauen Industriegebäudes thront. Der Schornstein pustet in unregelmäßigen Abständen Rauchschwaden in den Abendhimmel. Abgesehen davon ist es hier idyllisch, das Bühlertal zieht Wanderausflügler aus der ganzen Region an. Doch in diesen Dezembertagen liegt ein Schatten über der Idylle.
Die Verunsicherung ist groß, seit die Robert Bosch GmbH, einer der wichtigsten Arbeitgeber der Region und der weltweit größte Zulieferer für die Automobilindustrie, Ende September angekündigt hatte, bis Ende 2030 1.550 Stellen am Standort Bühl/Bühlertal abzubauen. Mehr als die Hälfte der dort Beschäftigten könnte so ihren Arbeitsplatz verlieren. Insgesamt arbeiten heute noch rund 2.900 Menschen in den beiden Werken.
In der Gegend vergleicht man die Ankündigung der Firma mit einem Erdbeben: Seit den 1960er Jahren steht Bosch in der ansonsten von Landwirtschaft geprägten Region am Oberrhein für Wachstum, sichere Arbeitsplätze und Wohlstand. Der Stellenabbau betrifft nicht nur den Standort im Südwesten: Deutschlandweit plant das Unternehmen, bis Ende 2030 22.000 Stellen zu streichen. Weltweit beschäftigt Bosch über 400.000 Mitarbeitende.
Kompetitive Kommunikation
Am späten Nachmittag zieht sich eine Lichterkette aus Autoscheinwerfern durch den Ort, vom Untertal hinauf Richtung Obertal. Hinter vielen Lenkrädern sitzen Bosch-Mitarbeiter auf dem Heimweg. Jeden Tag dasselbe Bild – und doch wirkt es in diesen Wochen anders. Die roten Buchstaben auf dem Werksdach scheinen weniger heimelig denn unheilvoll zu leuchten.
Heiko Tilgner wohnt direkt an der Landesstraße gegenüber dem Bosch-Werks. Seit 23 Jahren arbeitet der gelernte Mechatroniker im Werk im sechs Kilometer entfernten Bühl. „In der Vergangenheit hat es immer Krisen gegeben“, sagt der 40-Jährige an seinem Küchentisch, die Hände um eine Tasse gelegt. „Aber einen größeren Schock wie den im September gab es noch nicht. Viele haben noch gar nicht verinnerlicht, was gerade passiert.“
Neben ihm sitzt sein Onkel Franz Tilgner. Von 1970 bis 2016 war er bei Bosch, ab 1987 als Betriebsrat. Auch sein Sohn arbeitet seit der Ausbildung bei Bosch. Der Rentner hat in seinen Jahren bei Bosch viel erlebt – Höhen und Tiefen. „Es hat immer Wandel gegeben“, sagt er. „Aber was jetzt passiert, ist extrem. Wichtig ist, mitzugestalten, sofern man denn auch mitgestalten kann.“ Hier liegt eines der Probleme bei Bosch, das viele Mitarbeitende benennen: Der Weltkonzern aus Stuttgart agiert heute anders als noch vor ein paar Jahren.
In Krisenzeiten habe die Geschäftsführung früher gemeinsam mit dem Betriebsrat versucht, Lösungen zu finden. Heute sei das anders, sind sich die beiden einig. Statt eines Miteinanders liefe die Kommunikation heute eher kompetitiv, sagt Heiko Tilgner, Mitglied im Bosch-Betriebsrat. Franz Tilgner, der im Bühlertäler Gemeinderat aktiv ist, nennt ein Beispiel aus seiner Zeit beim Unternehmen: Die Weltwirtschaftskrise im Jahr 2007. „Damals haben wir gemeinsam entschlossen: Wir reduzieren die Arbeitszeit für alle Mitarbeiter für eine Zeit lang um 10 Prozent“, sagt er. Heute habe die Geschäftsführung an einer gemeinsamen Lösungsfindung kaum noch Interesse, wirft Heiko Tilgner ein. Man merke, dass für die Konzernspitze Stellschrauben wie Lohnkürzungen oder Arbeitszeitreduzierung gar nicht mehr zur Debatte stünden. „Die Köpfe müssen weg“, sagt Tilgner, heißt: Personalabbau. Das sei das Signal.
Ein tiefer Bruch
Der Ton bei Bosch sei heute ein anderer, das hört man von Boschlern immer wieder. „Früher hieß es: Bosch ist eine Familie“, sagt Heiko Tilgner. Das sage die Geschäftsführung nun nicht mehr, erzählten der taz mehrere Bosch-Mitarbeiter:innen. Vielmehr sei nun die Botschaft, dass man das „Familiengefühl“ hinter sich lassen und ein „leistungsorientiertes Unternehmen“ werden wolle, sagt Tilgner. Vom einstigen Ruf Boschs als sozialem Unternehmen sei wenig geblieben, bestätigt auch der Bosch-Betriebsratsvorsitzende Francesco Tramonti. „Bosch führt das Unternehmen wie ein kapitalistisches Aktienunternehmen.“
Wie tief der Bruch sitzt, zeigt ein Rückblick auf die zweite Jahreshälfte 2025. Im Juli feierte man bei Bosch in Bühl-Bühlertal 60-jähriges Jubiläum. Kurz vorher kündigte das Unternehmen Ende Juni die Standortvereinbarung, die Beschäftigten ihren Arbeitsplatz im Werk garantierte, zum 1. August 2028. Ebenfalls im Sommer wurden Jubiläumsprämien gekündigt, dann die Zielzahlen für Azubis für das nächste Jahr halbiert. Im September folgte dann der bislang größte Schock, der angekündigte Stellenabbau. Die Reaktion bei der Betriebsversammlung, als man die Hiobsbotschaft überbrachte? „Leichenhalle“, sagt Tilgner. „Totenstille.“ Kurz herrscht an Tilgners Küchentisch an diesem Abend zwei Monate später erneut Stille.
Von Tilgners Terasse aus kann man das Bühlertäler Bosch-Werk gut sehen, es liegt nur wenige Meter Luftlinie entfernt. Im ursprünglich ersten Industriegebäude von Bosch hier in der Region, das einst um die 1.000 Menschen beschäftigte, wurde es über die Jahre immer stiller. Erst Ende November mussten von nur noch 200 Mitarbeitern 90 weitere ihre Kisten packen, für einen Ortswechsel ins jetzige Hauptgebäude nach Bühl, der benachbarten Kreisstadt.
Doch auch das Werk in Bühl wurde in den letzten Jahren immer leerer. Manche befürchten, dass der Standort Bühl-Bühlertal nach 2030 ganz geschlossen werden könnte. „Früher war es laut“, sagt Heiko Tilgner. „Da war ein Klackern zu hören. Und jetzt ist es in der Nachtschicht einfach dunkel in der Nachbarabteilung. Das ist schon komisch.“ Dabei produzierte der Standort noch 2019 auf einem Rekordniveau, 100 Millionen Motoren wurden fertiggestellt. Fensterheber, Antiblockiersysteme, Sitzversteller, Zusatzwasserpumpen gehörten zum Repertoire – sogar der erste E-Bike-Motor von Bosch kam aus Bühl.
Heiko Tilgner, Mechatroniker, seit 23 Jahren bei Bosch
Kleinmotoren sind seit jeher das Steckenpferd des Werks. Vor sieben Jahren arbeiteten noch 4.200 Menschen auf dem Gelände. Danach folgte der schleichende Abbau: Verträge liefen aus, neu eingestellt wurde kaum. „Seit Corona ging es abwärts“, sagt Tilgner. In der Bühler Fertigung produziert man nach dem Motto „local for local“, also fast ausschließlich für den europäischen Markt. Seit dort die Fahrzeugkäufe zurückgehen, ist auch die Nachfrage nach den Produkten des Automobilzulieferers gesunken.
Verhandlungen unter Zeitdruck
Das Unternehmen äußert sich zum Stellenabbau in Nordbaden auf taz-Anfrage so: Bosch Mobility wolle am Standort Bühl/Bühlertal Stellen abbauen, „als Teil eines weltweiten Programms zur Schließung einer Kostenlücke von rund 2,5 Milliarden Euro in der Unternehmenssparte“. Grund dafür seien Überkapazitäten in Verwaltung, Entwicklung und Produktion, „die durch stark rückläufige Nachfrage entstanden“ seien.
Francesco Tramonti, Betriebsratsvorsitzender bei Bosch Bühl, findet deutliche Worte: „Man hat den Fokus auf die Menschen verloren, auf Innovationskraft.“ Stattdessen gehe es nur noch um das operative Geschäft. Vor Ort, am Werk in Bühl, geht er mit schnellen Schritten durch auffallend leere Gänge, den Laptop unterm Arm. An diesem Freitagmorgen hat er nur wenig Zeit. Anfang Dezember befindet man sich bei Bosch in der Informationsphase, in der die Geschäftsführung den Betriebsrat und die Gewerkschaft IG Metall darüber in Kenntnis setzen, wie genau sie sich den Stellenabbau vorstellen. Als Betriebsratsvorsitzender ist Tramonti fast dauerhaft in Gesprächen.
„Wir haben jetzt die Informationsphase in einer Höllengeschwindigkeit. Da treibt die Firma auch ganz stark. Die will so schnell wie möglich, dass wir in die nächste Phase, in die Verhandlung reinkommen“, sagt Tramonti über den aktuellen Verlauf. „Die Firma macht Druck“, bestätigt auch Katrin Mayer, Geschäftsführerin bei der Gewerkschaft IG Metall in Offenburg. „Angesichts der Größe des Standorts sind wir ohnehin schon wahnsinnig schnell. Bis man so was ordentlich bearbeitet hat, geht viel Zeit ins Land.“ Der Arbeitgeber „habe massiven Zeitdruck, man wolle aber auch im Sinne der Arbeitnehmer nicht Monate aufwenden, um zu einer Einigung zu kommen.“
„Wir werden die Zeit, die notwendig ist, einsetzen“, sagt Mayer. Den Stellenabbau verhindern könne man nicht – aber man werde alles dafür tun, ihn auf ein kleineres Maß zu beschränken, sind sich Betriebsrat und IG Metall einig.
Blinder Kapitalismus
Dass es überhaupt so weit kommen musste, ärgert Francesco Tramonti: „Hier am Standort wurden sehr viele Managementfehler gemacht.“ Dabei habe der Betriebsrat über die Jahre hinweg immer wieder gewarnt. „Wir haben gesagt: Leute, wir haben keine Innovation, wir haben keine Produkte, wir haben Produkte verlagert. Wie wollt ihr denn in Zukunft die Menschen beschäftigen hier am Standort? Und es hieß immer: Alles gut, wir sind on track.“
Rund 40 Prozent des Bühler Produktportfolios wurde mit den Jahren ins Ausland verlagert, unter anderem nach Ungarn und Serbien – darunter auch die Herstellung des Fensterhebermotors, der über 30 Jahre hinweg in Bühl gefertigt wurde. „Das war ein industriepolitisches Experiment, das komplett schiefgegangen ist“, sagt Tramonti. Der angestrebte Kostenvorteil des Unternehmens sei nicht erreicht worden. „Es fehlte die Erfahrung, die wir hier über Jahre hinweg erlangt haben. Ein Produkt wächst ja nicht von heute auf morgen, es wächst an einem Standort.“ Heute sind es vor allem die vom Konzern aufgebauten Parallelstrukturen in China, die die Mitarbeiter bei Bosch in Deutschland teuer zu stehen kommen. Dort produziert man billiger, hat gleichzeitig aber auch das Know-how verlagert. Das fällt der Branche heute auf die Füße.
Tramonti sieht hier auch die Automobilhersteller in der Verantwortung: „China hat alles gekauft, was einen deutschen Stempel gehabt hat. Und die Chinesen haben das ganze Wissen aufgesaugt und dann im Schatten eine Automobilindustrie aufgebaut, die uns überholt hat. Und jetzt kaufen sie unsere Autos nicht mehr.“ In Deutschland habe man auch die deutsche Automobilproduktion nicht nachhaltig gedacht. „Die Unternehmen haben nur das Geld gesehen, sind blind zum Kapital gerannt. Am Ende sind sie abgestürzt und haben uns mit reingezogen. Dieser blinde Kapitalismus macht uns kaputt.“
Die Entwicklung in Bühl schmerze gerade deshalb, weil der Standort alles habe: „Produktentwicklung, Forschung, Verfahrens- und Prozessentwicklung“, meint Tramonti. „Ich habe das Gefühl, dieses Potenzial wird gerade kaputtgemacht, und das möchte ich verhindern“, sagt er, der sich selbst als „Don Quijote, der gegen Windmühlen kämpft“, bezeichnet.
Ein Leben ohne Bosch?
Auf Tramontis Laptop klebt ein Sticker: „Bosch bleibt ‚Made in Bühl‘“ steht darauf, daneben der Kopf von Robert Bosch mit dem traditionellen Schwarzwälder Bollenhut. In diesen Tagen begegnet es einem überall. In der Bühler Innenstadt klebt es auch auf Straßenlaternen und Parkscheinautomaten, seit Ende November ein Demonstrationszug mit 2.000 Teilnehmenden vom Bosch-Werk in Richtung Europaplatz, eines der zentralen Plätze der 29.000-Einwohner-Stadt, zog.
Für die Gewerkschaft IG Metall ist es hier in der Region die größte Demonstration, zu der jemals aufgerufen wurde. Dort zeigte man sich über die hohe Teilnahme und die vielen Solidaritätsbekundungen aus der Region überrascht. „Viele sind es nicht gewohnt, sich zu engagieren“, sagt Katja Wüsten, die seit über 30 Jahren bei Bosch arbeitet und damals aus dem Werk im thüringischen Eisenach nach Bühl kam.
Lange Zeit habe Bosch-intern der Spruch gegolten: „Hättsch die Gosch gehalten, hätt dich der Bosch behalten.“ Das Bild vom sozialen Unternehmen, das sich über Jahrzehnte hinweg getragen hat, sieht sie differenziert. „Wenn man sich dem System unterordnet und nicht auffällig wird, kann man lange zufrieden sein bei Bosch“, sagt die 47-Jährige. Die Menschen hätten über viele Jahre hinweg Entscheidungen hingenommen, die sie eigentlich nicht gut gefunden hätten. Vieles habe man einfach ertragen.
Am Eingang des Werks hängt noch immer ein Banner vom Jubiläum: „Wir feiern 60 elektrisierende Jahre am Standort Bühl/Bühlertal“. Dahinter der Hashtag „Like a Bosch“ – für viele klingt es in diesen Zeiten wie Hohn. An einem Freitagnachmittag zur Feierabendzeit reicht die Stimmung auf dem Parkplatz des Betriebs von niedergeschlagen bis optimistisch. Im Hintergrund ragt ein dreistöckiger Gebäudekomplex des Betriebs, der erst vor wenigen Jahren für mehrere Millionen Euro gebaut wurde, in den grauen Winterhimmel. „Wir hoffen, dass es wieder bergauf geht oder, wenn abgebaut wird, dann zumindest sozialverträglich“, sagt Sergej, der seit 23 Jahren bei Bosch als Industriemechaniker arbeitet. Er habe auch noch einen Nebenjob, auf den er notfalls setzen könne. „Es gibt auch ein Leben ohne Bosch“, meint der 45-Jährige.
Für den 63-jährigen Athanasios hat die Zeit beim Betrieb in Bühl sowieso bald ein Ende – in drei Jahren gehe er in Rente. Wie viele „Boschler“ hat Athanasios seine gesamte Karriere beim Unternehmen verbracht. 43 Jahre waren das, mit 17 habe er im Betrieb angefangen, nachdem seine Eltern in den 1960er-Jahren aus Griechenland in die Region gekommen seien. Besonders traurig sei er wegen der vielen Jungen, die zu Bosch gekommen seien. „Es ist schade für die Generation, die kommt.“ Zu den Jüngeren gehört auch der 36-jährige Nico, der erst seit vier Jahren eine feste Stelle bei Bosch hat. „Ich hatte eigentlich gedacht, dass ich mit dem Vertrag meine Rente unterzeichne.“
Im Schnellimbiss gegenüber dem Werk, wo viele Boschler ihre Mittagspause verbringen, sagt eine Führungskraft, die anonym bleiben will: „Es ist traurig, was hier passiert, aber man sieht deutlich, dass die nächsten Generationen weniger Autos kaufen. Das ist nicht überraschend, sondern logisch. Meine Kinder, die alle um die 30 sind, haben kein Auto. Das ist an sich eine gute Sache, es ist ein neuer Zyklus.“
Im Januar 2026 gehen die Gespräche bei Bosch weiter. Betriebsrat und IG Metall wollen dann mit der Geschäftsführung verhandeln. Je nachdem, wie die Gespräche verlaufen, will man in Bühl weiter lautstark auf sich aufmerksam machen. Ein Zurück gibt es nicht mehr. „Wir kämpfen“, sagt Heiko Tilgner.
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