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Zwischen Schmeichelei und WiderstandMacrons Doppelspiel gegenüber Trump

Macron verwahrt sich gegen die Drohungen und verbalen Attacken von US-Präsident Trump. Doch hinter den Kulissen möchte auch er mit ihm verhandeln.

Frankreichs Präsident Emmanuel Macron trägt bei seinem Auftrifft in Davos eine Sonnenbrille wegen eines entzündeten Auges Foto: Markus Schreiber/ap
Rudolf Balmer

Aus Paris

Rudolf Balmer

Das Weltwirtschaftsforum in Davos war für Frankreichs Präsident Emmanuel Macron am Dienstag die Gelegenheit, mit bisher ungewohnter Schärfe auf neue aggressive Äußerungen von US-Präsident Donald Trump zu antworten. Dieser hat die Kritik aus Europa an seiner Idee eines „Friedensrats“ nicht verdaut und namentlich mit Strafzöllen von 200 Prozent für französische Wein- und Champagnerimporte gedroht. Das konnte nicht unwidersprochen bleiben.

Er ziehe „den Rechtsstaat der Brutalität“ vor, protestierte Macron in Davos. „Wir wollen nicht eine Weltordnung, die von denjenigen beschlossen wird, die glauben, die lautere Stimme und den stärken Knüppel zu haben.“ Er warnte, ohne jemanden beim Namen zu nennen, vor Annexionsplänen: „Wir haben keine Zeit mit verrückten Ideen zu verlieren, wir dürfen die Büchse der Pandora nicht öffnen.“

Trump hatte zuvor eine SMS Macrons auf seinem Netzwerk Truth Social publiziert. Da diese Kurzbotschaft normalerweise nicht für die Öffentlichkeit bestimmt war, stellt sich die Frage, ob Trump damit für mehr Transparenz im diplomatischen Tauziehen sorgen oder nicht doch eher Macrons Widersprüche aufzeigen und ihn in Verlegenheit bringen wollte. Das Präsidialamt in Paris bestätigte die Echtheit der Botschaft, kommentierte sie aber nicht weiter.

In Europa hat Macron derzeit die Rolle eines Wortführers des Widerstands gegen Trumps Drohung, Grönland zu annektieren. Zusammen mit anderen europäischen Staaten hat Macron nicht nur eine erste Delegation von Elitesoldaten auf das dänische Territorium entsandt, sondern auch schon Verstärkung durch Truppen aller Waffengattungen angekündigt. Zudem hat er Trumps Einladung in dessen „Friedensrat“, sei es für Gaza oder gar als Konkurrenz zur UNO, entschieden abgelehnt.

Anbiedernde gespielte Freundlichkeit

Seine SMS an Trump tönte da viel konzilianter. „Mein Freund“, spricht er den Amerikaner vertraulich an und versichert, in vielen Konflikten wie Syrien oder Iran sei er doch ganz „auf der Linie“ der USA. Nur was Trump in oder mit Grönland tue, verstehe er nicht, schrieb Macron mit gespielter Naivität. Unter „Freunden“ sollte man doch miteinander reden können – ohne bei Differenzen gleich mit Sanktionen zu drohen.

Macron regte für Donnerstag einen Pariser Gipfel im G7-Format nach dem vorgesehenen Treffen in Davos an. Und damit es freundschaftlich klingt, folgte noch eine Einladung zum Dinner im Élyséepalast vor Trumps Rückflug. Doch zu beidem kommt es nun nicht.

Bezeichnend für Macrons Ringen um diplomatisches Gewicht ist, dass er „am Rande“ des in Aussicht gestellten Treffens in Paris auch „die Russen“ einladen wollte. Diese Karte spielt er immer wieder aus, damit Frankreich im Poker der Großmächte noch ernst oder wenigstens auf der Weltbühne zur Kenntnis genommen wird. Auch wenn Macron damit bei seinen EU- und Nato-Partnern aneckt, hat er immer wieder das Gespräch mit Wladimir Putin gesucht. Erreicht hat er mit seiner Telefondiplomatie bisher aber nichts.

Trump verspottet das Bemühen des französischen Präsidenten, als Europas Leader aufzutreten und Europas Unabhängigkeit in der Verteidigung zu fordern. Der US-Präsident hatte Macron imitiert und damit lächerlich gemacht. So zeigte er öffentlich, welche Geringschätzung er für Frankreichs Präsident hegt. Lange werde Macron sich ihm ja nicht widersetzen, meinte Trump, denn er werde ohnehin nicht mehr lange im Amt sein, weshalb niemand mit ihm diskutieren wolle.

Macrons innenpolitische Lage schwächt ihn

Das alles scheint Macron nicht zu entmutigen, der sich zu einem diplomatischen Doppelspiel vor und hinter den Kulissen mit manchmal widersprüchlichen Tönen und Positionen gezwungen sieht. Hinzu kommt, dass er innenpolitisch sehr geschwächt ist, was die Glaubwürdigkeit seiner Außenpolitik nicht fördert, wie Trump hämisch unterstreicht.

Macrons kumpelhafter SMS-Tonfall kontrastiert mit seinem Vorpreschen in der EU. Er wünscht als Antwort auf Trump eine Gegendrohung eines geschlossenen Europas mit der „Bazooka“ des Antizwangsinstruments (ACI), das von den Mitgliedsstaaten mit qualitativer Mehrheit beschlossen werden müsste. Noch ist offen, welcher Macron mehr oder überhaupt etwas erreichen kann: der schmeichelnde Freund oder der offensive Gegenspieler.

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