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Konflikt um RojavaSchlaflos in Al-Hasakah

Unsere kurdisch-syrische Autorin wartet. Darauf, was in diesen vier Tagen Waffenruhe verhandelt wird und es für ihr Leben in Nordostsyrien bedeutet.

Protest in Qamischli: Das Plakat bezieht sich auf das Video eines Soldaten, der den Zopf einer Kurdin als Trophäe abschnitt Foto: Baderkhan Ahmad/ap

Aus Al-Hasakah

Hadeel Salem

Seit mehreren Nächten haben die Menschen in Städte Al-Hasaka und Al-Qamischli nicht mehr geschlafen. Nicht wegen des üblichen Lärms großer Städte, sondern aus einer Unruhe heraus. Eine Unruhe, die über alle Häuser herrscht. Die sich in den Augen spiegelt, die auf die Bildschirme der Smartphones starren – in Erwartung neuer Nachrichten.

Nachrichten über eine bevorstehende politische Einigung, die das Schicksal der Region verändern könnte: Am Dienstagabend hat eine viertägige Waffenruhe begonnen, die die Kämpfe zwischen der kurdischen Selbstverwaltung im Nordosten Syriens und der Zentralregierung in Damaskus zumindest relativ befriedete. In diesen vier Tagen sollen sich die beiden Parteien auf ein weiteres Vorgehen einigen. Bald laufen sie ab.

In den Nächten wachen wir. Nicht, weil wir nicht schlafen könnten, sondern weil wir befürchten, in einer neuen Realität aufzuwachen. Die uns um Jahre zurückwirft. Die den harten Weg, den wir in den letzten zehn Jahren zurückgelegt haben, zunichte macht.

Was, wenn?

Als syrisch-kurdische Journalistin, die im Nordosten Syriens lebt und arbeitet, ist das, was um mich herum geschieht, nicht nur Nachrichtenmaterial. Mein Beruf und meine Identität sind miteinander verflochten. Ich versuche zu verstehen, ob wir uns auf echte Stabilität zubewegen – oder auf eine Wiederholung alter Krisen in neuer Form. Nicht nur, um eine gute Analyse abzugeben. Sondern auch, weil ich privat betroffen bin.

Das Scheitern der Verhandlungen über die Umsetzung des Abkommens vom 10. März 2025 zwischen der syrischen Übergangsregierung in Damaskus und den kurdische dominierten Syrischen Demokratischen Kräften (SDF) sahen viele Bewohner der Region als einen Rückschlag an. Doch nicht nur das: Dieses Scheitern wurde als Beginn einer neuen Phase der Unsicherheit wahrgenommen. Schnell spiegelte sie sich in der tatsächlichen Sicherheitslage wider.

Wir Kurdinnen und Kurden wollen nicht, dass unsere Gebiete zu einem neuen Kriegsgebiet werden

Wir wurden in den letzten Tagen Zeugen davon, wie die syrischen Regierungsstreitkräfte in den Gebieten Raqqa und Deir ez-Zor den SDF-Kämpfern mehr und mehr Territorium abrangen. Dass die SDF Gebiete verlor, versuchte die kurdische Führung als eine bewusste Entscheidung dazustellen: Man wolle so Blutvergießen beenden und eine groß angelegte Konfrontation vermeiden, so die Erklärung.

Als Journalistin sehe ich diese Rechtfertigung aber als Teil einer politischen Erzählung, die versucht, Verluste zu verarbeiten. Und als Mensch, der in dieser Region lebt, macht mir diese Entwicklung Sorgen.

Unsere Autorin liebt Damaskus, trotz allem

Um meine Gefühle als kurdische Syrerin verständlich zu machen, muss ich die Lesenden mitnehmen nach Damaskus – vor dem Jahr 2011. Dort studierte ich damals. Ich liebe diese Stadt. Aber ihre damaligen Herrscher zwangen uns ihr Modell auf: Das Feiern von Nowruz war unter der mittlerweile gestürzten Assad-Diktatur zwar nicht vollständig verboten. Aber die Feiern waren immer von Vorsicht und Angst begleitet. Unsere kurdische Sprache und unsere kulturellen Programme waren aus dem öffentlichen Raum getilgt. Es gab keine Anerkennung unter ihrer Präsenz. Unserer Identität war nur teilweise erlaubt.

Als ich nach 2011 von Damaskus nach Al-Hasakah zog, wurde mir bewusst, was es bedeutet, wenn meine Identität Teil meines Alltags ist. Ich sah, wie in meiner Muttersprache Kurdisch geschrieben und gelehrt wurde. Wie sie neben Arabisch nicht nur auf den Märkten, sondern auch in den Institutionen verwendet wurde. Ich fühlte mich gewürdigt und anerkannt.

Heute wächst bei mir die Befürchtung, dass jede erzwungene oder unüberlegte Veränderung diese Einzigartigkeit auslöschen könnte. Dass wieder eine monochrome Ära hergestellt wird. Dass Unterschiede nicht mehr zugelassen werden.

Wie können wir an Syrien festhalten, wenn wir befürchten, dass es uns wieder marginalisieren wird?

„Unsere Angst basiert auf Erfahrung“

Was diese Tage noch schwieriger, noch beängstigender für uns macht sind die Fotos und Videos, die uns aus anderen Gebieten Syriens erreichen. Sie dokumentieren, wie die bewaffneten Gruppen, die mit der Regierung in Verbindung stehen, mit ihren Opponenten umgehen, und zeigen rohe Gewalt und außergerichtliche Hinrichtungen. Diese Szenen sind hier keine Nachrichten aus der Ferne, sondern werden als unmittelbare Warnungen verstanden. Unsere Angst basiert auf Erfahrung.

Wir Kurdinnen und Kurden rufen nicht zur Konfrontation auf und wollen auch nicht, dass unsere Gebiete zu einem neuen Kriegsgebiet werden. Unsere Forderung ist ein friedliches Abkommen, das die Zivilbevölkerung schützt und neue Gewalt in diesem erschöpften Land verhindert.

Der Nordosten Syriens lässt sich vom Rest des Landes nicht trennen. Wir als syrische Kurden fordern keine Abspaltung oder den Austritt aus dem Staat Syrien. Unsere Forderung war immer mit Rechten verbunden: verfassungsrechtliche Anerkennung unserer Identität, Schutz von Sprache und Kultur, ein Ende der Politik der Marginalisierung.

Das Modell eines starren, zentralistischen Staates, wie er vor 2011 existierte, kann diesen Forderungen nicht gerecht werden. Wir fragen uns: Wie können wir an Syrien festhalten, wenn wir befürchten, dass es uns wieder marginalisieren wird?

Furcht vor einem kurdisch-arabischen Konflikt

Eine meiner größten Sorgen ist heute, dass Syrien in einen kurdisch-arabischen Konflikt abgleitet. Diese Region ist seit Langem für ihr Zusammenleben von Kurden, Stämmen und Syrern bekannt. Wenn sich aber nun die Kurdenfrage von einer Menschenrechtsfrage in einen Identitätskonflikt wandelt, ist das soziale Gefüge in großer Gefahr.

Was wir als Kurdinnen und Kurden anstreben, sind nicht Sonderprivilegien. Letztlich sind wir alle Syrerinnen und Syrer und haben alle, unabhängig von unserer Zugehörigkeit, unter Unterdrückung und Entbehrungen gelitten. Vielleicht besteht die Herausforderung heute darin: von einer Logik der Dominanz zu einer Logik der Partnerschaft überzugehen. Von einer bloßen Bewältigung der Angst zum Aufbau von Vertrauen.

Die Erfahrungen der Vergangenheit werden nicht so leicht verblassen. Die Sprache, die eine ganze Generation spricht, kann nicht durch eine politische Entscheidung ausgelöscht werden. Aber während wir auf eine Entscheidung warten, setzen wir darauf, dass der Dialog über den Klang der Waffen siegen wird.

Übersetzung aus dem Arabischen (mit Hilfe von KI): Lisa Schneider

Die Autorin ist Alumni des Workshops „Her Turn II“ der taz-Panter-Stiftung.

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