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Machtkampf um Syriens NordostenWie die USA die Kurden fallen ließen

Geheimtreffen sollen den Weg für die syrische Offensive in Rojava geebnet haben. Gefangene IS-Kämpfer sollen nun im Irak vor Gericht gestellt werden.

Zerstörtes Fahrzeug der SDF nach Kämpfen mit den syrischen Regierungstruppen in der Provinz Hasaka am 21.01.2026 Foto: Ghaith Alsayed/ap

Reuters /AFP | Der schnellen Eroberung kurdischer Gebiete im Nordosten Syriens durch ⁠syrische Regierungstruppen gingen offenbar geheime diplomatische Absprachen mit den USA voraus. Einem Bericht der Nachrichtenagentur Reuters vom Freitag zufolge, der sich auf neun mit den Vorgängen vertraute Personen stützt, ebneten Treffen in Damaskus, Paris und dem Irak den Weg für die Offensive. Demnach haben die USA der syrischen Offensive keine Steine in den Weg gelegt – und damit ihre einstigen Verbündeten geopfert, die von Kurden geführten Syrischen Demokratischen Kräfte (SDF).

Die Absprachen ermöglichten es dem neuen syrischen Präsidenten Ahmed al-Scharaa, das gesamte Land ⁠unter seiner ‍Führung zu einen: diese Absicht hatte er zuvor mehrmals kundgetan. Zudem brachte er sich als bevorzugter Partner der US-Regierung unter Präsident Donald Trump in Stellung, hieß es ⁠aus diesen Kreisen weiter. Der US-Gesandte Tom Barrack erklärte später, Washington werde mit dem syrischen Staat zusammenarbeiten und habe kein Interesse mehr an einer separaten Rolle für die SDF. Die Offensive bedeutet das faktische Ende der autonomen Zone namens Rojava, die die kurdischen Kräfte im Nordosten Syriens errichtet hatten.

Anfang Januar wurden offenbar die Weichen für die Offensive gestellt. Nachdem Gespräche über eine Integration der SDF in die syrische Armee gescheitert waren, reiste eine Delegation der syrischen Zentralregierung nach Paris. Dort sollen sie bei von den USA vermittelten Gesprächen mit Israel für eine begrenzte Militäroperation geworben haben. Laut einer syrischen Quelle soll es dagegen keine Einwände gegeben haben. Ein israelischer Diplomat, der israelische Botschafter in den USA, Yechiel Leiter, wies diese Darstellung jedoch entschieden zurück.

Kurden fühlen sich von USA verraten

Kurdische Vertreter fühlen sich nun von den USA verraten. Am 17. Januar soll der US-Gesandte Barrack dem ⁠SDF-Kommandeur Mazloum Abdi in einem Treffen im Irak mitgeteilt haben, dass die Präferenzen der USA nun bei Präsident al-Scharaa lägen. Zwar habe das US-Militär die syrischen Truppen später ermahnt, ihre Offensive zu stoppen. Dies sei jedoch weit hinter den ‍kurdischen Erwartungen zurückgeblieben. „Sind Sie ⁠wirklich so bereit, Ihre Verbündeten zu verraten?“, fragte die kurdische Politikerin ‌Hadiya Youssef.

Kurzzeitig schien es, als würde Ahmed Al-Scharaa, der nach dem Sturz von Baschar al-Assad Ende 2024 in Damaskus die Macht übernommen hat, seinen Bogen überspannen. Trotz eines Waffenstillstands rückten seine Truppen im Nordosten Syriens weiter vor, was in Washington für Verärgerung sorgte. Erst als Al-Scharaa am Dienstag überraschend ‌einen neuen Waffenstillstand ausrief und der SDF eine Frist für einen Integrationsplan setzte, beruhigte sich die Lage. Minuten später veröffentlichte Tom Barrack eine Erklärung, in der er erläuterte, der ursprüngliche Grund der USA, die SDF als Kampftruppe gegen den „Islamischen Staat“ zu unterstützen, sich weitgehend erübrigt habe.

Der Irak hat unterdessen Gerichtsverfahren gegen IS-Kämpfer aus Syrien angekündigt. Im Zuge der Verlegung von inhaftierten mutmaßlichen Mitgliedern der Dschihadistenmiliz Islamischer Staat (IS) in den benachbarten Irak haben die irakischen Behörden rechtliche Schritte gegen die IS-Gefangenen in Aussicht gestellt. Die irakische Justiz werde „die üblichen Gerichtsverfahren gegen die Angeklagten einleiten, die in den entsprechenden Justizvollzugsanstalten untergebracht werden“, erklärte der Oberste Justizrat des Landes am Donnerstag.

IS-Kämpfer im Irak vor Gericht?

Die USA hatten am Mittwoch damit begonnen, IS-Gefangene aus Syrien in den Irak zu verlegen. Zunächst seien 150 IS-Kämpfer überführt worden, teilte das für den Nahen Osten zuständige US-Zentralkommando Centcom mit. Insgesamt könnten demnach bis zu 7000 mutmaßliche IS-Gefangene verlegt werden. So soll sichergestellt werden, dass die gefangenen Islamisten „in sicheren Hafteinrichtungen bleiben“.

Hintergrund der Verlegung ist der Rückzug kurdischer Kräfte aus der kurdischen Autonomieregion im Nordosten Syriens infolge des Vormarschs syrischer Regierungstruppen. In Syrien sitzen tausende mutmaßliche Dschihadisten in sieben Gefängnissen, darunter viele Ausländer. Al-Hol ist das größte Lager für Familien von IS-Kämpfern in der Region. Dort leben etwa 24.000 Menschen, darunter 15.000 Syrer sowie rund 6300 ausländische Frauen und Kinder aus 42 Ländern.

Das Lager war von kurdischen Streitkräften eingerichtet worden, die den Kampf gegen den IS angeführt hatten und von einer internationalen Koalition unterstützt wurden. Nun hat Washington allerdings seine kurdischen Verbündeten fallen gelassen.

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