Hamburgs FDP droht die Pleite: Ausgerechnet bei Pfeffersacks
Hamburgs FDP geht das Geld aus. Klar, das ist lustig. Aber wollen wir wirklich politisch heimatlose Zahnärztinnen und Steuerberater in den Straßen?
D as wird nun manche:n überraschen: Als „Partei der Arbeit“ verstand sich Hamburgs FDP schon mal, war gegen „monopolartige Besitzhäufung in der Hand kleiner Gruppen“ und gegen „Privatschulen, welche die Kinder nach Stand, Vermögen und Bekenntnis der Eltern absondern“. Gut: Das war 1946, seitdem ist reichlich Wasser die Elbe hinuntergeflossen. Und nicht nur die FDP ist heute nicht mehr, was sie damals sein wollte, und das auch nicht nur in Hamburg.
Ausgerechnet hier aber, wo ein diffus liberales Selbstverständnis auch die Sozialdemokratie in Anspruch nimmt, wo eine weiß Gott nicht zuletzt Geschäfte erleichternde Weltoffenheit in steifer Brise flattert und man sich im Selbstbild gefällt, einander grundsätzlich erst mal machen zu lassen statt reinzuregulieren: Ausgerechnet hier könnte nun der erste FDP-Landesverband kentern, und Schuld ist – das Geld.
Beziehungsweise dessen Fehlen: „Zwei gescheiterte Wahlkämpfe und hohe laufende Kosten“, schrieb dieser Tage die Bild, hätten die Elb-Liberalen „an den Rand der Zahlungsunfähigkeit gebracht“, die Rede ist gar von einem „Teufelskreis aus Sparzwang und mangelnder Sichtbarkeit, der weitere Landesverbände erfassen könnte“. Das Großbuchstabenmedium war nach eigenen Angaben in den Besitz „interner Papiere“ gelangt, wonach im vergangenen November die Zahlungsunfähigkeit drohte.
„Zu hohe Personalkosten und eine Landesgeschäftsstelle auf politischem Champions-League-Niveau fressen das Vermögen auf“, lesen wir, und dass die Basis wiederholt Reformvorschläge eines vormaligen Landesschatzmeisters habe durchfallen lassen.
Tumulte in der Partei der Freiberufler:innen
So hatte jener Alexander Fröhlich von Elmbach offenbar den Mindest-Mitgliedsbeitrag anzuheben versucht: Statt 10 Euro würde er dann 15 Euro betragen. Und so was führt allen Ernstes zu Tumulten in der Partei der demokratischen Freiberufler:innen? Vergangenes Wochenende soll es Fröhlich von Elmbach dann gereicht haben, der gelernte Ökonom legte sein FDP-Amt nieder, Frau und Jagdhündin haben also künftig möglicherweise etwas mehr von ihm.
Die von ihm diagnostizierten Probleme bleiben, der Landesvorsitzende Finn Ole Ritter wird mit den Worten zitiert: „Es kann kein Stein auf dem anderen bleiben, damit die Partei wieder auf einem finanziell sicheren Fundament handeln kann“, auch gibt es wohl einen Kredit in mittlerer fünfstelliger Höhe, angeboten von der Bundes-FDP – nicht, dass es der rosig ginge. Und mit dem Schuldenmachen haben es die Liberalen ja überhaupt nicht so.
Sicher: Es wäre von schöner Ironie, wenn ausgerechnet bei Pfeffersacks die Landes-FDP die Grätsche machen würde – und das auch noch wegen Gezänks um Kleingeld und eines Unwillens zur Veränderung. Reformstau waren doch immer die anderen?!
Sicher auch: Der allzu oft auf Steuertricks und Tempolimitlimits zusammenschnurrende Schmalspurliberalismus der FDP bietet wenig an in Zeiten, da wir übers Post-Wachstum reden müssen. Aber was wäre, wenn da ein ganz bestimmtes Milieu plötzlich keine politische Heimat mehr hätte? Wir müssten wohl nicht gleich mit bewaffneten Zahnärztinnen oder Steuerberater-Mobs in den Straßen rechnen – wobei: Die besseren Barrikaden wären von Architekt:innen ehrlich gesagt schon zu erwarten.
In der Krise sucht die FDP schon lange ihr Heil nicht in mehr Gemeinschaft oder dem Abfedern sozialer Härten, ganz im Gegenteil. In seinem letzten Wahlkampf witzelte Ex-Bundesparteichef Christian Lindner – ist der nicht auch Wahlhamburger? – über die Antifa, während rechts außen offenbar durchweg heimzuholende, halt etwas in die Irre gegangene Schäfchen grasten. Sollten ihren verbliebenen Unterstützer:innen die FDP abhanden kommen: Wohin werden die sich wohl wenden?
Dass es mit Populismus kann, auch wenn der richtig schmuddelig daher kommt, das hat ja gerade Hamburgs Bürgertum schon mal bewiesen.
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