Verteidigung der Erinnerungskultur: Aufarbeitung von unten
Zwischen herausgerissenen Stolpersteinen einerseits und Vereinnahmungstendenzen andererseits: Warum es ein Weiter-so in der Erinnerungskultur braucht.
Erinnerungskultur gilt vielen als gescheitert. Der Vormarsch der Antidemokrat:innen scheint zu belegen, dass aus der Geschichte nichts gelernt wurde. „Gedenken neu denken“ und „Alles auf Anfang“ sind aktuelle Buchtitel, die Ratschläge geben, wie Erinnerungskultur neu gestartet werden könne.
Dabei fällt auf, dass der Inhalt der Bücher wesentlich zurückhaltender ist als ihre provokanten Titel. Es scheint, als sei die Fundamentalkritik von Erinnerungskultur ein Verkaufsargument, als gäbe es ein gesellschaftliches Bedürfnis, mit der Gedenklandschaft einmal ordentlich aufzuräumen. Das fällt in eine Zeit, in der die Erinnerungskultur längst vielerorts mit dem Rücken zur Wand steht.
Zeitgenössische Titel können dabei an eine lange Tradition der Kritik an Erinnerungskultur anschließen. Als Mitte der 1980er Jahre ein zögerlicher Paradigmenwechsel von der Abwehr der Erinnerung an die deutschen Verbrechen hin zu ihrer Anerkennung stattfand, formulierten kritische Autor:innen Einwände gegen die Inkonsequenz dieser Veränderung.
Tom Uhlig hat über politische Bildung gegen Antisemitismus promoviert und ist Vertretungsprofessor für Demokratieförderung und Methoden am Fachbereich Sozialwesen der Hochschule RheinMain.
Nikolas Lelle beschäftigt sich mit der Aufarbeitung des Nationalsozialismus, mit Erinnerungskultur und Antisemitismuskritik. Er arbeitet bei der Amadeu Antonio Stiftung.
Moniert wurden die Instrumentalisierung des Gedenkens zwecks Selbstnobilitierung, aber auch konkret die fehlenden materiellen „Entschädigungen“ von NS-Opfern, die ausbleibende Strafverfolgung der TäterInnen sowie die Missachtung jüdischer Stimmen bei der Ausgestaltung staatlichen Gedenkens.
Vorwurf des ritualisierten Gedenkens
In den gegenwärtigen Kritiken der Erinnerungskultur findet sich das Echo dieser Einwände. Dabei lassen sich zwei Stränge der Kritik verfolgen: Erstens der Vorwurf des ritualisierten Gedenkens, also der Verdacht, Erinnerungsgesten seien vorrangig sinnentleerte nationalistische Selbstversicherungen. Und zweitens die Vorstellung, Erinnerung an die Shoah sei von Konkurrenzen gegenüber anderem Gedenken geprägt und müsse anderen, insbesondere postkolonialen Perspektiven geöffnet werden.
Beide Stränge der Erinnerungskritik müssen dahingehend befragt werden, ob sie die älteren Einwände, die maßgeblich gegen staatstragende Erinnerungskultur der frühen Berliner Republik formuliert wurden, sinnvoll in die Gegenwart übersetzen. Beginnen wir mit dem Vorwurf der verengten Perspektive.
1981 lädt ein Flugblatt zum gemeinsamen Schweigemarsch am 19. Juni zur KZ-Gedenkstätte Hamburg-Neuengamme ein. Vor Ort soll es eine Kundgebung „mit Vertretern von Gruppen, die im Nationalsozialismus verfolgt wurden“ geben, Jüdinnen:Juden, politisch Verfolgte, Menschen mit Behinderung und Homosexuelle. Eingeladen waren zudem Vertreter der Sinti und Roma sowie der religiös Verfolgten. Erst drei Monate später, am 18. Oktober eröffnete das Dokumentenhaus der Gedenkstätte, mit einer ersten, ständigen Ausstellung über die Geschichte des Lagers und grundlegenderen Aspekten des KZ-Systems und des Nationalsozialismus.
Solidarität zwischen den Opfergruppen prägt die Gedenkstätte also seit ihrer Urstunde. Ihr Verhältnis war von dem gemeinsamen Ziel geprägt, an die Verbrechen zu erinnern. Beispiele dieser Solidarität finden sich nicht nur in der Institutionalisierungsgeschichte der Erinnerungslandschaft zuhauf, sondern ebenso in der Gegenwart, wo etwa die Landesverbände der Sinti und Roma eng im Austausch mit jüdischen Gemeinden oder dem Zentralrat agieren.
Knapp 30 Jahre nach dem Schweigemarsch auf Neuengamme formuliert Michael Rothberg in seinem Buch „Multidirektionale Erinnerung“ aber den programmatischen Anspruch „Erinnerung als multidirektional“ zu verstehen, im „Gegensatz zu einer Konzeption, die kollektive Erinnerung als einen Fall von Erinnerungkonkurrenz – als Nullsummenspiel und Kampf um knappe Ressourcen“ – denkt.
Es dauert weitere zehn Jahre, bis Rothbergs Buch in Deutschland zur Kenntnis genommen wird. Im Kontext US-amerikanischer Erinnerungskultur mögen seine Überlegungen womöglich Sinn ergeben, in Deutschland ignorieren sie die jahrzehntelange Zusammenarbeit von Opfergruppen.
Kolonialismus und Nationalsozialismus
Auch die hiesigen Versuche, deutschen Kolonialismus und Nationalsozialismus erinnerungspolitisch zu verbinden, können nicht überzeugen. Zu verschieden sind die beiden Herrschaftsformen. Eine geradlinige Verbindung zu ziehen, wie etwa Jürgen Zimmerer sie 2011 vorgenommen hat, ist geschichtswissenschaftlich äußerst fragwürdig. Zimmerers Arbeit wurde von seinen akademischen Peers selektive Quellenauswahl vorgeworfen. Es sei nicht plausibel, warum die deutsche Kolonialherrschaft für den NS wichtiger sei als beispielsweise der Erste Weltkrieg oder die Weimarer Zeit.
Unklar bleibt bis heute, was genau die Kontinuitätsthese am Kolonialismus oder am Nationalsozialismus überhaupt erhellen soll. Bislang trägt sie weniger zur Aufklärung als zur Verschleierung der Besonderheiten bei. Es muss beidem gedacht werden und insbesondere die deutschen Kolonialverbrechen sind im öffentlichen Bewusstsein unterrepräsentiert.
Die Ausblendung der Spezifika der Verbrechen fördert aber nicht das Gedenken, sondern die Verdrängung. Demnach ist auch an Kulturstaatsminister Weimers neuem Gedenkstättenkonzept nicht zu kritisieren, dass er ein gesondertes Konzept für den Kolonialismus plant, sondern dass er den Nationalsozialismus und die SED-Diktatur zusammen behandelt.
Der zweite Strang der Kritik zeitgenössischer Erinnerungskultur betrifft das sinnentleerte Gedenken. Der Vorwurf lautet, Erinnerungspraxen wie staatliche Gedenkveranstaltungen und -reden dienten allein der Selbstversicherung als Erinnerungsweltmeister, ließen aber an emotionaler wie politischer Ernsthaftigkeit zweifeln.
Häufig ist dieser Kritikstrang mit der Folgerung verbunden, Erinnerungskultur müsse ihre Form ändern, damit sie ihre „Zwecke“ besser erfüllen könne. Gemeint ist zumeist politische Bildung, also Demokratieförderung, die der historischen Bildung untergeschoben wird. Die AfD lässt sich aber nicht wegerinnern, und historische Bildung ist nicht gleich politische Bildung.
Frei von äußerlichen Zwecken gedenken
Wenn auch oft beides miteinander einhergeht und Gedenkstätten hervorragende politische Bildung machen, ist doch auf dem Recht zu beharren, frei von äußerlichen Zwecken dem Geschehenen zu gedenken. Den Erfolg historischer Bildungsarbeit von ihren demokratisierenden Effekten abhängig zu machen, überschätzt ihre Möglichkeiten.
Zudem hat sich die gesellschaftliche Ausgangslage für solche Kritiken in den vergangenen 30 Jahren fundamental verändert. Die Gedenkstättenarbeit wird parlamentarisch wie außerparlamentarisch von der AfD und ihrem Umfeld existenziell bedroht. Ihr Bundeswahlprogramm sieht einen fundamentalen Umbau der Erinnerungslandschaft vor. Man dürfe sich „nicht nur auf die Tiefpunkte unserer Geschichte konzentrieren“, heißt es dort. Nationalsozialismus und Schoah kommen in dem Wahlprogramm nicht vor.
Praktisch übersetzt sich die Geschichtspolitik der AfD in Angriffe gegen Gedenkstättenleiter:innen, in störende Besuchsgruppen und politisch-rechtliche Einschüchterungsversuche, die den Alltag der Gedenkstättenarbeit zusehends erschweren. Herausgerissene Stolpersteine und beschädigte Erinnerungsorte gehören zum neuen Normal. In diesem Klima hat das Massaker vom 7. Oktober zudem eine Welle antisemitischer Enthemmung und Entsolidarisierung ausgelöst, die auch die Erinnerungsarbeit diskreditiert und erschwert, nicht zuletzt durch eine falsche Gleichsetzung von Erinnerungskultur und staatlicher Geschichtspolitik.
Angesichts der ständigen Angriffe ist hervorzuheben, dass auch die ritualisierte Erinnerungskultur einen Fortschritt gegenüber dem darstellt, was Adorno als „kaltes Vergessen“ beschrieben hat. Staatliche Erinnerungspolitik ist auch ein Produkt der Erinnerungsarbeit von unten, gegen die sie sich gerade zu Beginn allerdings auch vehement abgrenzte. Kritik am staatstragenden Erinnerungsdiskurs sollte sich gewahr sein, dass selbst die formale Anerkennung deutscher Schuld politisch prekär geworden ist.
Die notwendige Kritik erinnerungspolitischer Instrumentalisierung und folgenloser Phrasen verfehlt zudem ihren Gegenstand, wenn sie keine Unterscheidung zur tatsächlichen Erinnerungsarbeit trifft. Bundespräsidiale Reden sind nicht das Gleiche wie Gedenkstättenarbeit. Täter, Opfer, Zuschauer, Orte – die frühen Kritiken der Erinnerungskultur hatten eines immer im Blick: Erinnerung muss konkret sein.
Der Autor Eike Geisel hat nicht nur das Wort von der „Wiedergutwerdung der Deutschen“ geprägt, sondern selbst in einer Ausstellung und einem Buch das jüdische Leben im Berliner Scheunenviertel rekonstruiert. Der jüngst verstorbene Micha Brumlik hat nicht nur die selbstgefällige deutsche Erinnerungspolitik kritisiert, sondern auch zum Beispiel den Frankfurter Börneplatz besetzt, um die Überreste des jüdischen Ghettos zu erhalten. Michal Bodemann ist nicht bei der Kritik des Gedächtnistheaters stehengeblieben, sondern hat jüdischer Biografiearbeit zu ihrem Recht verholfen.
Diese konkrete Erinnerungsarbeit wird von Hunderten Initiativen und Einzelpersonen seit Jahrzehnten betrieben. Erst 2022 eröffnete der Geschichtsort Adlerwerke, in dem an das Frankfurter KZ Katzbach erinnert wird. Der Einrichtung gingen seit den 1990er Jahren zivilgesellschaftliche Kämpfe, schulische Projekte und private Forschungsarbeiten, Demonstrationen, Protestaktionen und Einladungen Überlebender voraus. In Leipzig erinnert seit 2001 die Gedenkstätte für Zwangsarbeit auf dem Gelände des damals größten sächsischen Rüstungsbetriebs Hasag an das Gesellschaftsverbrechen der zivilen Zwangsarbeit, das bislang kaum erinnert wird und doch sehr genau zeigt, wie die Deutschen in die nationalsozialistischen Verbrechen verstrickt waren. Die Gedenkstätte geht auf eine Initiative ehemaliger Zwangsarbeiter:innen zurück.
Dass die erkämpfte Erinnerung auch nach ihrer Institutionalisierung prekär bleibt, zeigt das Berliner Denkmal für die im Nationalsozialismus ermordeten Sinti und Roma. Seit Jahren setzen sich Menschen dagegen ein, dass das erst wenige Jahre zuvor eröffnete Denkmal durch den Bau eines S-Bahn-Tunnels gesperrt oder abgebaut wird.
Erinnerungsarbeit von unten braucht keine Aufforderung, sich kritisch gegen Vereinnahmungstendenzen zu stellen, weil sie von Anfang an widerständig war. Erinnerungskultur muss nicht neu gestartet, sondern gegen Angriffe wie Vereinnahmungen gestärkt werden. Ihre Autonomie braucht finanziellen Rückhalt, aber eben auch öffentliche Anerkennung. Die Kritik erinnerungspolitischer Instrumentalisierung darf nicht die Erinnerungskultur von unten treffen.
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