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Nachhaltig Sanieren„Der Dachfläche ist egal, wie viele unter ihr wohnen“

Estland kennt sich aus bei der seriellen Sanierung, nur hohe Wohnblocks waren bisher herausfordernd. Ein Pilotprojekt in Tartu hat Lösungen gefunden.

Die sowjetischen Wohnblocks in Annelinn sollen künftig nicht mehr Energie verbrauchen, als sie selbst erzeugen können Foto: Tiit Grihin
Clara Dünkler

Interview von

Clara Dünkler

taz: Frau Urbas, Sie managen das Pilotprojekt Annelinn+. Dieses könnte stellvertretend für 50 Millionen Wohnungen in Europa stehen. Was testen Sie hier?

Annika Urbas: Annelinn liegt in der estnischen Stadt Tartu, hier im Viertel ist man praktisch umgeben von fünf- bis neunstöckigen Häuserblocks. Sie alle wurden zur Zeit der sowjetischen Besatzung zwischen 1970 und 1990 erbaut. In unserem Projekt wollen wir nun bis 2027 herausfinden und erproben, wie wir Viertel, die wie dieses von der industriellen Massenbauweise der Sowjetunion geprägt sind, energetisch sanieren und dadurch nachhaltig umbauen können.

Im Interview: Annika Urbas

Annika Urbas hat erneuerbare Energien studiert. Seit Mai 2025 leitet sie das EU-Projekt Annelinn+ in Tartu, Estland. Davor war sie Analystin bei einem regionalen Energieunternehmen.

taz: Was heißt in dem Fall nachhaltig umbauen?

Urbas: Das Ziel ist, Gebäude so umzurüsten, dass ihr Nettoverbrauch praktisch gegen null geht, weil sie die benötigte Energie selbst erzeugen können. Das entspricht auch der Zielsetzung des EU-Projekts, zu dem Annelinn+ gehört.

taz: Das oPEN-Lab, zu dem auch Projekte im spanischen Pamplona und im belgischen Genk zählen.

Urbas: In drei unterschiedlichen Nachbarschaften will die Initiative konkrete Ideen testen, um sogenannte PENs – also Positive Energy Neighborhoods – zu errichten. So werden nachhaltige Quartiere bezeichnet, die es schaffen, mehr Energie zu erzeugen, als sie verbrauchen.

taz: Für so einen Umbau nutzen Sie die Technik des seriellen Sanierens, bei dem Dämmung und Photovoltaikanlagen wie Schablonen industriell produziert und von außen angebracht werden.

Urbas: Genau, und weil die sowjetischen Bauten aufgrund der industriellen Fertigung sehr ähnlich sind, eignet sich das Verfahren hier besonders gut. Was wir an einem Gebäude erfolgreich testen, können wir auf die Nachbarschaft übertragen.

taz: Und warum wurde gerade Annelinn für das Projekt ausgewählt?

Urbas: In Annelinn wohnen etwa 30.000 Menschen, das ist knapp ein Drittel der Ein­woh­ne­r:in­nen von Tartu. Manche der Gebäude bestehen aus bis zu 144 Wohnungen – das Viertel ist also dicht besiedelt und der Energieverbrauch entsprechend hoch. Es ist eine besondere Aufgabe, hier eine PEN zu errichten, da die Fläche für die eigene Energieproduktion im Verhältnis zum Bedarf gering ist. Aber genau das macht Annelinn auch so interessant.

taz: Welche konkreten Herausforderungen gibt es?

Urbas: Die Gebäude wurden seit ihrer Errichtung nicht mehr energetisch saniert. Dann ihre Höhe: Zwar ist Estland schon relativ erprobt darin, niedrigere Gebäude seriell zu sanieren, neu ist das aber bei Gebäuden mit mehr als fünf Stockwerken. Bei denen sind besonders zwei Dinge schwierig.

Zum Einen, die vorgefertigten Dämmelemente so zu verankern, dass es die Statik nicht gefährdet, und zum anderen, ausreichend Photovoltaikplatten anzubringen, um genug Energie für das Gebäude zu erzeugen. Gewöhnlich bringt man die Photovoltaikelemente auf dem Dach an. Für die Dachfläche ist es aber egal, ob ein Gebäude fünf Stockwerke oder zehn hoch ist. Sie bleibt dieselbe, nur die Zahl der Menschen, die unter ihr wohnen, ist dann höher – und dementsprechend ihr Energiebedarf.

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taz: Welche Lösung haben Sie für das Problem gefunden?

Urbas: Wir haben eine Technik entwickelt, bei der die Photovoltaikelemente in die vorgefertigten Fassadenelemente integriert und somit vertikal, also an der Gebäudewand angebracht werden können. So wird die Fläche größer.

taz: Und für die statischen Probleme?

Urbas: Mit unserer neu entwickelten Technologie werden die Dämmelemente ab dem vierten Stockwerk nicht mehr im Fundament befestigt, wie vorher, sondern werden durch ein Tragelement in der Mitte des Gebäudes gestützt.

taz: So eine Sanierung stellt man sich durchaus anstrengend vor. Wie läuft das für die Be­woh­ne­r:in­nen ab?

Urbas: Wir bekommen die Rückmeldung, dass diese Sanierweise die Menschen viel weniger belastet. Bei der herkömmlichen Art muss in Estland aufgrund der Witterungsbedingungen ein Gebäude praktisch ein Jahr in eine riesige Plastiktüte eingepackt werden. Es ist nicht angenehm, in so einem Haus zu leben.

Mit der seriellen Sanierung haben wir lediglich zwei Monate gebraucht – ohne Plastikhülle und vor allem ohne Gerüst. Die Elemente wurden per Kran angebracht. Und das serielle Vorgehen hatte noch einen Vorteil: Eine Studie der Technischen Universität Tartu zeigt, dass Gebäude mit vorgefertigten Elementen wärmer sind als bei einer klassischen Sanierung, bei der das Dämmmaterial von Hand angebracht wird.

taz: Wie viele Gebäude konnten Sie mit der Methode insgesamt bisher sanieren?

Urbas: Ursprünglich wollten wir drei Wohngebäude mit jeweils neun Stockwerken im Rahmen des Projektes sanieren. Leider ist nicht alles nach Plan gelaufen. Das hat zum einen mit dem Krieg in der Ukraine und zum anderen mit der Besitzstruktur des Wohnraums in Estland zu tun. Dafür muss man wissen, dass den meisten Be­woh­ne­r:in­nen hier ihre Wohnungen auch gehören, nach dem Ende der Sowjetunion wurden sie an sie übertragen.

Wenn Sanierungen durchgeführt werden sollen, muss mehr als die Hälfte der Be­woh­ne­r:in­nen eines Hauses zustimmen und dafür zahlen. Zwar können durch Fördergelder die Hälfte der Sanierungskosten übernommen werden. Durch den Ukrainekrieg ist die Inflation in Estland aber so sehr gestiegen, dass die Finanzierung für viele in den ursprünglich ausgewählten Gebäuden nicht mehr machbar war.

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taz: Es musste also umgeplant werden.

Urbas: Genau. Letztlich konnten wir zumindest zwei Gebäude gewinnen, allerdings nur mit fünf Stockwerken. Sie gehören zu den Sozialwohnungen der Stadt. Einer der Blöcke wurde bereits im letzten November fertig saniert. An diesem Gebäude haben wir unsere neuen Technologien erfolgreich getestet, die eigentlich für die höheren Wohnblöcke gedacht waren. Aus den Testergebnissen können wir jedoch schließen, dass diese Art der energetischen Sanierung auch für neunstöckige Wohnblocks möglich ist. Das ist eine sehr wichtige Erkenntnis.

taz: Was hat sich seit der Sanierung für die Be­woh­ne­r:in­nen in Annelinn geändert?

Urbas: Wir haben für das im November sanierte Gebäude bereits die neue Energieklasse geprüft. Durch die Sanierung konnte der Verbrauch deutlich reduziert werden: Von 189 Kilowattstunden pro Quadratmeter im Jahr auf 99 Kilowattstunden. Das ist ein Sprung von Energieklasse F zu C. Für die Be­woh­ne­r:in­nen bedeutet das eine immense Einsparung bei den Nebenkosten.

taz: Sie sagten, die sanierten Gebäude des Projekts sind sozialer Wohnraum. Welche Rolle spielt Energiearmut bei der Sanierung?

Urbas: Wenn Menschen es sich nicht leisten können, ihre Wohnung ausreichend zu heizen, spricht man von Energiearmut. Und gerade Menschen, die auf sozialen Wohnraum angewiesen sind, spüren häufig mehrere Belastungen. Wenn die Gebäude besser isoliert sind und zusätzlich ihren Strom selbst produzieren können, sparen die Be­woh­ne­r:in­nen bei den Nebenkosten.

Das macht die energetische Sanierung auch zu einem sozialen Thema. Aber diese Rechnung geht natürlich nur auf, wenn die Be­woh­ne­r:in­nen keinen Kredit für die Sanierung aufnehmen müssen oder sich die Miete drastisch erhöht.

taz: Bis 2030 will die EU die Sanierungsquote auf 2 Prozent anheben. Bisher geht es aber nur schleppend voran. Kann das Wissen von Annelinn die Sanierungswelle voranzutreiben?

Urbas: Definitiv. Aktuell ist das Problem leider die Finanzierung, aber auf die technischen Fragen konnten wir innerhalb des Projektes Antworten finden. Und diese Lösungen können jetzt überall angewendet werden. Vor Kurzem wurde beispielsweise ein für Annelinn entwickeltes Fassadenelement 1.570 Kilometer in die Ukraine transportiert und dort am Studentenwohnheim der staatlichen Universität Zhytomyr angebracht.

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