Jugendarbeitslosigkeit in der Türkei: Sie stehen auf der Straße
Ein Drittel der jungen Menschen in der Türkei findet keinen Job. Auch Ali, Mert und Ates sind nicht da, wo sie gerne wären. Wie gehen sie damit um?
A li sitzt an seinem Schreibtisch unter kaltem Licht. Gegenüber an der Wand leuchtet hell das Logo der Arbeitsvermittlungsagentur herab, für die er tätig ist. Seinen gelernten Beruf als Lehrer hat er aufgegeben. Zu wenig Geld, zu viel Stress, zu schlechte Arbeitsbedingungen. Stattdessen vermittelt er Arbeitskräfte ins europäische Ausland.
Das Handy des 29-Jährigen liegt neben seinem Laptop und klingelt. Er geht direkt dran, spricht freundlich, fragt nach Lebensläufen, nach Sprachkenntnissen und nach der Bereitschaft, in Westeuropa Kisten zu schleppen oder Waren zu fahren. Zu Mindestlohn, wie er betont. Das sei für viele Menschen in Osteuropa oder in der Türkei, sofern sie im Besitz eines EU-Passes sind, ein guter Deal.
Wenn er könnte, würde er selbst nach Europa gehen für einen Job mit guten Bedingungen, doch er habe auf Anfragen etwa für Lehrerstellen nur Absagen erhalten. Eine gewisse Ironie habe seine Tätigkeit als Arbeitsvermittler nun schon, gibt Ali zu. „Ich wollte Lehrer sein, das war meine Leidenschaft“, sagt er später bei einer Zigarettenpause.
Die Szene in Alis Büro in der Hafenstadt Izmir erzählt viel über die jüngere Generation in der Türkei. Viele junge Menschen hängen zwischen Diplom und Realität fest. Um nicht in die Arbeitslosigkeit zu rutschen, nehmen Akademiker Jobs an, die nicht ihrer Qualifikation entsprechen. Laut Eurostat belegt die Türkei den letzten Platz unter 33 verglichenen europäischen Ländern bei der Beschäftigungsquote von Hochschulabsolventen: Nur 63,5 Prozent der Absolventen unter 34 Jahren arbeiten in den ersten drei Jahren nach ihrem Abschluss.
Das heißt, mehr als ein Drittel findet keinen Job. Viele junge Akademiker in der Türkei müssen dann in Berufen unter ihrer Qualifikation arbeiten. Zum Vergleich: Deutschland belegt den sechsten Platz mit knapp 92 Prozent der jungen Menschen, die in den ersten drei Jahren nach ihrem Abschluss einen Berufseinstieg finden. Spitzenreiter ist Bulgarien mit knapp 94 Prozent.
In der Türkei ist laut OECD-Daten ein gutes Drittel der 18- bis 24-Jährigen weder erwerbstätig noch in Ausbildung. Das ist mehr als doppelt so viel wie der OECD-Durchschnitt. Besonders auffällig ist die geschlechtsspezifische Lücke, knapp 42 Prozent der jungen Frauen sind den Daten zufolge von Bildung und Arbeitsmarkt ausgeschlossen.
Die Gründe sind komplex: eine Wirtschaftskrise mit hoher Inflation, die Arbeitsplätze vernichtet, und ein Bildungssystem, das auf Akademisierung setzt. Dazu kommt ein Arbeitsmarkt, der Fachkräfte benötigt, aber Gewerkschaften zufolge häufig nur niedrige Löhne zahlen will. Zwischen diesen Polen bewegen sich Geschichten wie die von Ali.
Ali, der wie alle anderen Betroffenen in diesem Text nur mit Vornamen genannt werden möchte, ist einer von den vielen Tausenden, die geglaubt haben, Bildung sei der Schlüssel. Sechs Jahre hat er studiert, inklusive eines Erasmus-Aufenthalts in Deutschland. Er dachte, das würde Türen öffnen, doch nach dem Abschluss kam die Realität.
Für die wenigen Stellen an staatlichen Schulen gab es zu viele Bewerber, sagt Ali. Private Einrichtungen boten eine Alternative, doch keine gute: Mindestlohn, sechs Tage die Woche, insgesamt 600 Schüler in verschiedenen Klassen, keine Sicherheit. „Du gibst alles, aber es reicht nicht. Und wenn dir etwas nicht passt, sagen sie einfach: Danke, geh“, sagt Ali.
Lehrerprüfung wird zum Nadelöhr
Um in der Türkei als Lehrer an einer staatlichen Schule arbeiten zu können, müssen Absolventen eine Prüfung ablegen. Dazu gehört auch ein mündlicher Teil. Regierungskritische Medien haben in der Vergangenheit über Unregelmäßigkeiten und mangelnde Transparenz bei den mündlichen Prüfungen berichtet, was bei jungen Bewerbern zu einem Gefühl der Ungerechtigkeit führt. Manche vermuten, eine Auswahl werde nach ideologischen Kriterien getroffen.
Ali, Arbeitsvermittler
Die Lehrerprüfung wird so zum Nadelöhr. Wer an ihr scheitert, muss auf den privaten Bildungssektor ausweichen. Dort herrschen jedoch schwierigere Bedingungen, was Schülerzahl, Gehalt und Arbeitspensum betrifft. Wie viele Lehrer gerade auf eine Stelle warten, ist schwierig zu beziffern. Lehrergewerkschaften gehen je nach Schätzung von bis zu einer Million Personen aus.
Bei Ali folgte auf das Studium der Militärdienst und dann die Resignation. „Ich würde nicht noch einmal auf Lehramt studieren“, sagt Ali. Heute verdient er doppelt so viel wie damals als studierter Lehrer, im klimatisierten Büro, mit Kaffee und Pausen. Immer noch wenig, umgerechnet gut 800 Euro, aber das entspricht immer noch mehr als dem türkischen Mindestlohn, der derzeit bei umgerechnet circa 545 Euro netto liegt.
Trotzdem träumen viele junge Menschen in der Türkei von so einem Job. Alis Glück sind ein gutes Englischniveau, Office-Kenntnisse und Freunde, die ihn für die Stelle empfohlen haben. Aber sein Traumberuf ist es nicht, für ihn fühlt sich der Job wie eine Sackgasse an. „Ich sehe keine Zukunft. Ich wollte nie hier sein, aber ich brauche Geld“, sagt Ali.
Experten nennen das, was viele junge Menschen in der Türkei erleben, eine „unterwertige Beschäftigung“. Caner Aver, Forscher am Zentrum für Türkeistudien und Integrationsforschung an der Universität Duisburg-Essen, erklärt: „Die Türkei hat eine Überakademisierung. Hochschulen wurden als Wirtschaftszweig aufgebaut, aber die Wirtschaft schafft keine passenden Jobs. Absolventen landen in Tätigkeiten, die nicht ihrer Qualifikation entsprechen.“ Die Folgen, so Aver: Die Motivation der Menschen sinkt, und junge, gute Akademiker wandern nach Möglichkeit ins Ausland ab.
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Auch Ates träumte von einer Karriere im Ausland oder zumindest von einem einfachen Berufseinstieg. Die 22-Jährige hat einen Bachelor in Energiesystemtechnik absolviert. Sie dachte, das sei ein sicherer Studiengang mit Jobgarantie. Insgesamt hat Ates bisher vier Jahre studiert und währenddessen zwei Praktika gemacht. Nach dem Bachelor wollte sie in Europa weiterstudieren, doch ihr Abschluss sei nicht gut genug, sagt sie. Deswegen habe sie nach Jobs in der Türkei gesucht, noch bevor sie ihr Diplom vor einigen Monaten bekommen hat.
Über hundert Bewerbungen habe sie innerhalb von ein paar Monaten verschickt. Für Teilzeit- und Vollzeitstellen, aber auch für Praktika. Viele Arbeitgeber meldeten sich nicht zurück. Ein paar Mal wurde sie zu einem Gespräch eingeladen, doch auch daraus ist bisher nichts entstanden. Selbst ein schlecht bezahltes Praktikum wäre für sie mittlerweile in Ordnung, um Erfahrung zu sammeln. Aber auch dort kommen nur Absagen.
Die Preise steigen weiter
Dass ein junger Mensch nach über hundert Bewerbungen noch immer bei den Eltern am Esstisch sitzt, passiert häufig in der Türkei. Ates hat Glück im Unglück, denn sie ist Einzelkind und kann bei ihren Eltern wohnen bleiben. So spart sie Mietkosten. Laut dem türkischen Statistikinstitut Tüik bleibt in Ates’ Fachbereich – Ingenieurwesen und Bau – fast jeder fünfte Bachelor ohne Stelle.
Wer es schafft, braucht Geduld: Im Schnitt dauert es 14 Monate, bis das erste Gehalt auf das Konto fließt. Für Ates ist es erst der zweite Monat des Wartens – eine Zeitspanne, die sich angesichts der leeren Mailfächer jetzt schon viel länger anfühlt.
Was sie für ein Einstiegsgehalt als Ingenieurin in ihrem Feld erwartet? Umgerechnet vielleicht 1.000 Euro bei großen Firmen, es könnten aber auch, wenn es schlecht läuft, um die 600 Euro werden, schätzt sie. Kaum genug für ein eigenes Leben in einer teuren Stadt wie Istanbul, in der wie im Rest des Landes die Preise immer weiter steigen.
Somit bleibt sie fürs Erste abhängig von ihren Eltern. Und bekommt aus dem Familienumfeld Druck. „Die Verwandten fragen: Wie kann eine Ingenieurin arbeitslos sein?“, sagt Ates. Bei ihren Studienfreunden sei die Situation ähnlich. Das Studium verliert seinen Wert. Für sie wird der Bewerbungsprozess zu einer einzigen langen Warterei.
Zwei ihrer Cousins haben studiert und sind im Computerbereich tätig, Informatik und künstliche Intelligenz. Sie haben schon vor ein paar Jahren ihren Abschluss gemacht und schnell den Berufseinstieg geschafft. Bei ihr sollte das auch so laufen. „Das ist ziemlich niederschmetternd. In der Schule dachte ich, ich werde einen tollen Job haben. Jetzt bin ich fertig und merke: Es gibt keine guten Jobs mehr“, sagt sie.
Einer der Hauptgründe für die hohe Zahl an jungen Arbeitslosen wird häufig darin gesehen, dass zu viele Akademiker ausgebildet werden. Ein Professor berichtet davon, dass es in der Türkei rund 40 Studiengänge an Universitäten gebe, die sich mit seinem Fach Arbeitsökonomie beschäftigen. Doch der Arbeitsmarkt benötige diese Absolventen nicht.
Hinzu kommt, dass die Türkei die Zahl der Universitäten in den vergangenen Jahrzehnten kräftig ausgebaut hat. So gab es im Land im Jahr 1990 nur knapp 30 Universitäten im Land, mittlerweile sind es über 200, inklusive privater Hochschulen. Die Eröffnung von Universitäten sollte auch dazu dienen, die lokale Wirtschaft in den Regionen anzukurbeln. Die Qualität der Lehre, wird oft bemängelt, habe darunter gelitten. Das Ergebnis: zu viele Absolventen, Probleme bei Lehre und Forschung.
Zurück bei Ali, der seinen Cousin Mert vorstellt. Es gibt Essen bei der Familie. Alis Eltern sind Arbeiter in den Fabriken Izmirs, einer der größten Städte der Türkei mit etwa drei Millionen Einwohnern. Die Wohnung liegt am Rand der Stadt. Heruntergekommene Häuser stehen neben neuen Wohnbauten. Vor ein paar Jahren hat die Familie ihr Haus verkauft und ist hier in eine kleine Wohnung gezogen. Schön ist es nicht, aber günstiger als im schicken Zentrum der belebten Stadt.
Weil Mert nicht gut Englisch spricht, übersetzt Ali für ihn. Der 20-Jährige trägt ein Trikot des Istanbuler Fußballvereins Beşiktaş. Auf seinem rechten Arm prangt ein Flügel-Tattoo, das sich über seinen halben Unterarm zieht. Eigentlich befand sich dort mal das Beşiktaş-Logo, doch das war dann selbst für Mert etwas zu viel Identifikation mit dem Klub.
Dieser Text stammt aus der wochentaz. Unserer Wochenzeitung von links! In der wochentaz geht es jede Woche um die Welt, wie sie ist – und wie sie sein könnte. Eine linke Wochenzeitung mit Stimme, Haltung und dem besonderen taz-Blick auf die Welt. Jeden Samstag neu am Kiosk und natürlich im Abo.
Jetzt wurden die Flügel darübertätowiert, immerhin ein Symbol für seinen Lieblingsverein. Stolz zeigt Mert einen Videobericht von einem studentischen Youtube-Format. „Sie haben uns unsere Zukunft gestohlen“, sagt er darin und wird auf einmal sehr politisch. Wen er meint, lässt er offen. Vielleicht die Regierung, vielleicht das System, vielleicht auch einfach alle. Mert ist klug, direkt und offen. Aber vor allem wirkt er müde. Und das mit 20 Jahren.
Er hat an einer der Berufsschulen in der Türkei Elektriker gelernt. Zwei Jahre Schule, daraufhin zwei Jahre abwechselnd Praxis in Betrieben und Schulunterricht. Elektriker lernen, dachte er sich, das ist sicher, und damit bekomme ich ein Diplom und Arbeit. Nach dem Abschluss bewirbt er sich laut eigener Aussage gut zwanzig Mal, aber bekommt nur Absagen.
Häufig wollten sie ihn nicht einstellen, weil er noch seinen Militärdienst abliefern muss. Doch das will er nicht. Er hofft, es irgendwann an die Universität zu schaffen oder sich vielleicht aus dem Militärdienst freizukaufen. Den Militärdienst muss jeder junge Mann in der Türkei leisten. Er dauert je nach Bildungsstand sechs bis zwölf Monate. Der Freikauf kostet mehrere tausend Euro. Das ist zu viel für zahlreiche Türken mit geringem Einkommen.
Auch für Mert kommt das erst einmal nicht infrage, er will arbeiten. Doch potenzielle Arbeitgeber fordern Erfahrung. Nur: Wie soll er die haben, wenn ihn niemand einstellt? Schließlich fängt er als Assistent bei einem erfahrenen Elektriker an. Aber der lasse ihn unbezahlt Überstunden schuften und zahle weniger als den Mindestlohn, so Mert.
Schnell hört Mert dort auf. Seitdem schlägt er sich mit Gelegenheitsjobs durch: Kellner im Restaurant, Tankwart, Fabrikarbeiter. In manchen Jobs arbeitet er ohne offizielle Anmeldung und damit auch ohne Krankenversicherung und Einzahlung in Rentenkassen.
Geld gibt es nach der Schicht auf die Hand. Ob er am nächsten Tag arbeitet, weiß er nicht immer. Entweder sie rufen ihn an oder eben nicht. Mal gibt es den Mindestlohn, mal etwas darunter. Auch um seine Sicherheit fürchtet Mert mehrmals. Bei einem Job etwa bringen sie ihm notdürftig das Metallschweißen bei, stellen aber keine Schutzkleidung zur Verfügung.
Kaum noch Pläne mit Freunden
Eine prekäre Arbeitssituation, die sich auch psychologisch auf ihn auswirke, sagt Mert. Am Anfang sei er noch mutig gewesen und habe Nein gesagt zu schlechten Arbeitsbedingungen. Jetzt nehme er vieles an, denn die Familie mache ihm Druck, mit Geld nach Hause zu kommen, erzählt er. Ein Hamsterrad – so habe er keine Zeit, sich für Uni-Aufnahmeprüfungen in seinem Feld vorzubereiten und so die Aussicht auf einen Job mit besserem Verdienst zu erhöhen, auch wenn er das gern würde.
Und selbst wenn er es an die Uni schafft, könnte ihm seine Familie finanziell nicht beim Studium helfen. Besonders wirkt sich das auf seine sozialen Kontakte aus. Pläne mit Freunden mache er nur noch selten, denn er wisse nicht, wie viel Geld er haben wird. Früher habe er davon geträumt, zu reisen und die Welt zu sehen. Jetzt ist sein realistischster Traum, sich irgendwann ein Auto zu kaufen.
Nach dem Essen sitzen Ali und Mert bei Alis Eltern auf dem Balkon. Sie rauchen, trinken Tee und erzählen von ihrem Alltag. Davon, wie die Preise immer weiter steigen und wie es immer schwieriger wird. Mert bekommt einen Anruf von einem befreundeten Tankwart. Der sagt: Sprit wird ab morgen teurer. Ob sie heute also noch tanken fahren? Ali würde gerne, aber hat kein Geld, um sein Auto vollzutanken. Hinterher fährt er doch vorbei, befüllt aber nur den halben Tank. „So haben wir wenigstens etwas von unserem Geld gerettet“, sagt er und fährt weiter.
Mert ist kein Einzelfall, berichtet Kayıhan Kesbiç. Er forscht zum Thema Bildung beim Istanbuler Thinktank Eğitim Reformu Girişimi. Nur ein kleiner Teil der Menschen, die einen Abschluss an einer der speziellen Berufsschulen in der Türkei erlangen, würden am Ende auch in ihrem Feld arbeiten.
Die Gründe dafür scheinen vielfältig: Manchen suchen wie etwa Mert einen schnellen Berufseinstieg, um Geld zu verdienen, merken dann aber, dass sie mit ihrem Abschluss nicht gut Anschluss finden oder nur sehr geringe Gehälter bekommen. Andere schaffen die Zulassungsprüfungen an der Uni zunächst nicht und orientieren sich um. „Sie gehen häufig weiter zur Universität oder nehmen andere Jobs an, etwa im Servicesektor, weil sie dort ähnlich viel verdienen können“, so Kesbiç.
Jedoch gibt es auch Branchen, die deutlich mehr als den Mindestlohn zahlen, weil sie Fachkräfte benötigen, betont Caner Aver vom Zentrum für Türkeistudien und Integrationsforschung: „In der Türkei herrscht auf der einen Seite ein Fachkräftemangel. Auf der anderen Seite bekommt man als Schäfer den doppelten Mindestlohn, aber in diesem Bereich möchte kaum jemand arbeiten, weil die jungen Leute die Stadt vorziehen.
Das ist eine strukturelle Herausforderung, auf die der Staat bisher keine Lösung gefunden hat.“ Hinzu komme, dass vor allem in geringqualifizierten Berufsgruppen Zugewanderte mit noch geringerem Lohn als etwa türkische Jugendliche arbeiten würden. Eine große Gruppe in der Türkei sind Personen aus dem Nachbarland Syrien.
Zeynep Kandaz, Gewerkschafterin
Fachkräftemangel auf der einen Seite, junge Arbeitslose auf der anderen. Wie bewerten Arbeitgeber die Lage? Nachgefragt in Izmir bei einem großen Stahlhersteller, der İzmir Demir Çelik. Stolz stellen sie hier am Eingang der Firmenzentrale in der Innenstadt ihre Stahlstäbe aus. Personalchefin Esra Savut empfängt spontan in einem hellen Büro auf einer der vielen Etagen des Gebäudes. Sie arbeitet schon seit über zehn Jahren in dem Unternehmen und kennt den Markt.
Für manche Stellen, besonders wenn sie eine akademische Laufbahn voraussetzen, bekommen sie mehr als hundert Bewerbungen, doch viele Profile passen nicht zur Ausschreibung. Einer der Hauptgründe, so Savut: zu viele Universitäten im Land, bei denen häufig auch die Qualität der Ausbildung schwanke.
Gleichzeitig habe das Stahlunternehmen Probleme, Fachkräfte in der Industrie zu bekommen, berichtet Savut weiter. „Junge Leute wollen nicht in einer schweren Industrie arbeiten. Verkäufer finden wir leicht, aber qualifizierte Fachkräfte für die Fabrik sind schwierig“, so Savut. Das Metallunternehmen kümmere sich um Kooperationen mit Universitäten und Berufsschulen und beteilige sich regelmäßig an Karrieretagen. Die Bezahlung will sie nicht verraten, sie befinde sich jedoch auf „sehr gutem“ Niveau. Allein am Fabrikstandort seien zwei Personen Vollzeit damit beschäftigt, Jobinterviews zu führen. Ein großer Aufwand, so die Personalerin.
Angesprochen auf den von Arbeitgebern in der Türkei beschworenen Fachkräftemangel schmunzeln sie bei Disk, einer der größten Gewerkschaften des Landes. Die Konföderation der progressiven Arbeitergewerkschaften ist besonders aktiv in Industriebranchen, unter anderem Metall. Eine „urbane Legende“ nennen sie den Fachkräftemangel hier. „Arbeitgeber sagen, dass sie keine Leute finden. Das ist ein Mythos. Sie suchen keine qualifizierten Leute, sondern billige Arbeitskräfte“, sagt Zeynep Kandaz, die bei der Gewerkschaft zu dem Thema forscht.
Viele Firmen würden Praktikanten oder Lehrlinge als billige Arbeitskräfte nutzen statt regulär einzustellen, zumal Industriejobs nicht in allen Regionen zu finden seien. Viele könnten sich den Umzug in Industriestädte schlichtweg nicht leisten. Hinzu komme, dass Mindestlohn keine Ausnahme, sondern vielmehr die Regel sei. Etwa die Hälfte aller Beschäftigten, so die Gewerkschaft, arbeite in der Türkei für den Mindestlohn oder ein Gehalt in dessen unmittelbarer Nähe .
Ein paar Stunden nach Feierabend klingelt Alis Handy. Jemand, den er nach Europa vermittelt hat, steht irgendwo im Nirgendwo und findet das Haus nicht. Wo genau, das soll nicht im Text stehen, damit Ali anonym bleiben kann. „Das ist der nervigste Teil des Jobs“, sagt Ali und entschuldigt sich, dass er kurz telefonieren muss. Geduldig ruft er sein Team an und hilft dem Anrufer, den Weg zu finden. Am Ende fragt er: „Ist sonst alles in Ordnung? Ja? Gut. Dann wünsche ich dir viel Glück.“ Manchmal fühlt Ali sich wie eine Mutter, die die Hände ihrer Schützlinge aus der Ferne hält, bis diese in ihrem neuen Job ankommen.
Es ist ein kurzer Moment, der viel erzählt: Ali hilft Menschen, die genau das geschafft haben, wovon er selbst träumt. Er öffnet Türen, die für ihn verschlossen bleiben. Und während er anderen den Start in Europa erleichtert, sitzt er fest. Neidisch will er nicht sein. Denn am Ende gehe es ja nicht darum, dass andere Privilegien haben und er nicht.
Sondern darum, dass ihm die Privilegien verwehrt bleiben, die eigentlich normal sein sollten – wie Reisefreiheit ohne bürokratische Hürden und die Möglichkeit, im Ausland zu arbeiten. Ob er daran glaube, dass die Dinge sich bald ändern? Er wisse, dass das möglich sei, aber wohl nicht in nächster Zeit. Bis dahin will er so gut durchkommen wie möglich. Glücklich ist er nicht, aber so glücklich, wie es eben geht. Das Kämpfen hat er aufgegeben.
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