Kriegswinter in der Ukraine: Kälte, Hoffnung und Kultur
Es ist kalt, Russland verschärft seine Angriffe. Fünf Ukrainer*innen haben uns erzählt, wie sie mit kaputter Heizung und fehlendem Strom umgehen.
Kseniia Kalmus, 37, lebt in einem Dorf nahe Kyjiw. Seit 2024 betreibt sie mit Freiwilligen eine spendenfinanzierte Drohnenwerkstatt in Kyjiw. In „normalen“ Zeiten produzieren sie etwa 50 Drohnen pro Woche.
Gerade stehe ich vor unserer Werkstatt, in der wir Drohnen herstellen. Drinnen gibt es derzeit weder Strom noch Internet. Es sind minus 14 Grad. Normalerweise haben wir morgens und abends je zwei Stunden Strom, den wir zum Aufladen unserer EcoFlows, tragbarer Energiespeichergeräte, nutzen. Wir verwenden elektrische Heizgeräte und transportable Gasheizer, um es drinnen halbwegs warm zu halten. Die EcoFlows und Gasheizer wurden von Menschen aus Deutschland, Litauen und anderen Ländern gespendet.
Wir haben es geschafft, die Werkstatt auf 15 Grad zu heizen; vergangene Woche waren es nur 10 bis 12 Grad. Die Hände und Füße unserer freiwilligen Monteur:innen werden schnell kalt. Wir nutzen Heizdecken, trinken Tee und kochen heißes Wasser, wann immer es möglich ist. Und wir laufen zwischendurch herum. Denn wenn man sich bewegt, ist es erträglicher. Natürlich können wir aktuell nicht so viele Drohnen produzieren wie sonst. Unsere Freiwilligen arbeiten weniger Stunden, und wir können unseren 3D-Drucker, mit dem wir einige Teile für die Drohnen drucken, nicht so wie zuvor nutzen. Die Freiwilligen werden auch häufiger krank.
In meiner Wohnung ist die Situation besser. Ich lebe mit meinem Mann und zwei Hunden in einem kleinen Dorf in der Nähe von Kyjiw. Auch dort haben wir Probleme mit den Heizkörpern, aber die Stromversorgung ist stabiler. Wir haben in einem Zimmer Heizgeräte aufgestellt, dort sind es jetzt 16 oder 17 Grad. Zudem fülle ich Flaschen mit heißem Wasser und lege sie unter die Decken, um mich warm zu halten. Diesen Tipp hat eine Bergsteigerin uns Ukrainer:innen auf Youtube gegeben; sie weiß, wie man bei niedrigen Temperaturen überlebt.
In einigen Wohnungen sind die Heizkörper explodiert, bei manchen Freund:innen stehen deshalb die Wohnungen unter Wasser. Sie kommen bei Freund:innen und Verwandten unter. Man hilft sich gegenseitig.
Ich habe nicht das Gefühl, dass wir aufgeben oder unsere Widerstandsfähigkeit nachlässt. Wir haben diese tapferen Arbeiter:innen, die unsere Energieinfrastruktur immer wieder reparieren. Wir beten für sie und sind ihnen dankbar. Wir halten durch! Nächste Woche soll es schon wärmer werden. Und bald kommt der Frühling.
Aleksandr, 36, wohnt in Charkiw, im Stadtteil Oleksiiwka. Er ist verheiratet und Vater einer Tochter.
Das Wetter ist sehr frostig, es ist extrem kalt, derzeit um die minus 20 Grad. Am Abend des 2. Februar war kein Wasser mehr in den Heizkörpern, und dann fiel die Heizung ganz aus. Das war bereits vor dem Beschuss so gewesen. Die Stadtverwaltung macht das manchmal vorsorglich, um die Anlage vor Schäden zu schützen. Dann, in der Nacht zum 3. Februar, begannen die Angriffe. Lenkbomben, Raketen und anschließend Shahed-Drohnen wurden abgefeuert. Es war unglaublich laut, wirklich ohrenbetäubend. Das alles geschah ganz in unserer Nähe.
Beim letzten derartigen Beschuss im Januar wurden auch das Stromnetz, Umspannwerke und das Blockheizkraftwerk getroffen. Es gab keine Heizung mehr. Jetzt lässt die Stadt das Wasser aus den Heizkörpern ab. Ich hoffe, dass nicht alles im Eimer ist.
Am Morgen des 3. Februar war die Spannung noch relativ normal, auch die Heizung funktionierte. Wir gingen alle in ein Zimmer und haben es geheizt. Dann fiel die Spannung ab, und nichts ging mehr. Deshalb wird es jetzt immer kälter und kälter
Zu Hause habe ich momentan keine Heizung. Strom ist da, aber die Spannung ist niedrig. Das ist gefährlich für die Geräte, ich habe den Sicherungskasten ausgeschaltet. Warmes Wasser gibt es sowieso nicht. In der Wohnung ist es richtig frostig. Ich und meine Frau haben ein zehn Monate altes Baby. Es ist jetzt so klirrend kalt, dass wir wohl irgendwo hinfahren werden, vielleicht in eine Wärmestube. Oder wir machen einfach eine kleine Autofahrt, um uns etwas aufzuwärmen. Zu Hause zu bleiben, ist keine Option.
Die Stimmung ist gedrückt. Ich wünsche mir, dass alles wieder normal wird, dass die Wärme zurückkehrt und die Anspannung nachlässt. Nebenbei bemerkt: Mir war klar, dass die Russen bei dieser Kälte so agieren würden. Denn das ist ihre Vorgehensweise. Bei Minusgraden beginnt der Beschuss. Sie wollen uns so viel Schaden wie möglich zufügen.
Früher ist der Strom täglich auch schon für mehrere Stunden ausgefallen. Etwa vor zwei Wochen war er für längere Zeit abgeschaltet. Wir mussten bis zu acht Stunden am Stück ohne auskommen. In der vergangenen Woche hat sich die Lage stabilisiert, und es wurde damit begonnen, den Strom nur noch für drei Stunden abzuschalten. Wahrscheinlich wird die Heizung wieder eingeschaltet, sobald sich die Situation normalisiert hat. Ich glaube aber nicht, dass das sofort passieren wird. Doch ob Sie es glauben oder nicht: Ich bin optimistisch, was die Zukunft angeht.
Olha Dudenko, 23, ist Kommunikationsmanagerin des Museumskomplexes Mystetskyj Arsenal in Kyjiw, einer der wichtigsten Kulturinstitutionen der Ukraine.
Unser Museum liegt in einem Kyjiwer Bezirk, der ständig unter Beschuss steht, weil sich dort ein Wärmekraftwerk befindet. Wir haben derzeit keine Heizung in unseren Büros, und der Strom fällt oft aus, aber wir helfen uns mit Generatoren und Standheizungen.
Wir versuchen den Museumsbetrieb aufrechtzuerhalten, mussten allerdings auch schon einige Tage schließen, weil es zu kalt war. Andere Museen oder Galerien, die keine Generatoren besitzen, haben gar nicht die Möglichkeit, ihre Arbeit fortzusetzen.
Als Kommunikationsmanagerin kann ich gut im Homeoffice arbeiten. Zu Hause bin ich zwar auch von Strom- und Heizungsausfällen betroffen, aber nicht über längere Zeit: ein Privileg, das andere, die am täglichen Museumsbetrieb beteiligt sind, nicht haben. Sie können, wie viele andere Menschen in der Ukraine auch, unter diesen Bedingungen nicht mit voller Kraft arbeiten.
Eigentlich ist es mein Job, die Leute zu informieren, warum etwa unsere aktuelle Ausstellung zum ukrainischen Dichter Wassyl Stus besonders in Zeiten des russischen Angriffskriegs sehenswert ist. Jetzt muss ich vor allem kommunizieren, ob wir geöffnet haben oder nicht.
Trotz der Eiseskälte kommen Besucher:innen, viele kommentieren unsere Arbeit auf Social Media. Ich denke, Kultur kann auch in solchen Zeiten noch ein Gefühl von Sinnhaftigkeit vermitteln. Man ist sonst ständig damit beschäftigt, seine Grundbedürfnisse zu befriedigen. Kunst und Kultur können davon ablenken, den Blick weiten, andere Sinne ansprechen und andere Empfindungen hervorrufen.
Ukrainische Kulturinteressierte können die Ausstellung übrigens auch zu Hause besuchen – man kann eine virtuelle 3D-Tour auf unserer Website unternehmen. Allerdings braucht man dafür natürlich Strom.
Vitalii Tymtschak, 51, lebt in Letytschiw und arbeitet dort als Tierarzt.
Ich wohne mit meiner Frau und unserer jüngsten Tochter in Letytschiw, im Südwesten der Ukraine. Hier leben 10.000 Menschen, aber bei uns gilt das als Dorf. Seit dem Ende der Winterferien findet kein Unterricht mehr in den Schulen selbst statt. Alles ist online, weil es sehr aufwändig ist, die Gebäude zu beheizen. Die Außentemperatur liegt bei minus 17 bis minus 20 Grad. Seit mehreren Wochen haben wir eine Energieversorgung nach einem bestimmten Stundenplan: 2–6–2–6–2–6, das heißt: 2 Stunden mit Strom, 6 Stunden ohne.
Die zwei Stunden, in denen die zentrale Versorgung funktioniert, reichen nicht aus, um die Inverter vollständig aufzuladen. Klar beeilen wir uns, Wäsche zu waschen, etwas zu kochen und so viel Wasser wie möglich zu speichern. Denn ohne Strom gibt es auch keine Wasserversorgung. Unser gesamter Lebensrhythmus ist diesem Plan untergeordnet.
In unserem Ort gibt es keine Zentralheizung. Manche Haushalte haben Gasboiler, aber meist heizen die Menschen mit Brennholz oder Holzpellets. Das ist sicherer und deutlich günstiger, obwohl die Preise für feste Brennstoffe steigen, da die Vorräte zur Neige gehen.
Die Gasheizung ist ebenfalls ein Problem, weil ohne Elektrizität kein Wasser im Heizsystem zirkuliert. Diejenigen, die es sich finanziell leisten können, kaufen Generatoren. Benzinbetriebene Modelle sind besser, da es heutzutage schwierig ist, guten Diesel zu bekommen. Billiger Diesel friert bei großer Kälte ein. Draußen hört man ständig das typische Brummen der Generatoren.
Alles, was in Letytschiw noch funktioniert, läuft nur dank dieser Generatoren. Zum Beispiel gibt es hier ein Mischfutterwerk, das mehrere Abnehmer im Ausland hat. Der Betrieb muss aufrecht erhalten werden. Deshalb wurde es vollständig auf Generatorversorgung umgestellt. In unserer Region gibt es auch mehrere Solarkraftwerke, allerdings ist die Produktion im Winter nicht der Rede wert.
Wir leben relativ ruhig, da es seit zwei bis drei Wochen keinen starken Beschuss gab. Anfang der Woche hat es jedoch ein Umspannwerk östlich von uns erwischt. Es liegt bereits im Gebiet Winnytsja, aber einige Dörfer in unserer Nähe sind jetzt gänzlich ohne Strom.
Die Lage in der Tierzucht ist ebenfalls prekär, besonders die Eierproduktion. Kleine Ferkel in Schweineställen benötigen Temperaturen von 25–30 Grad. Mit der Rinderzucht ist es etwas einfacher. In unserer Tierklinik beheizen wir nur wenige Räume, sonst schaffen wir es nicht bis zum Ende der Kälteperiode.
Oxana Trusch, 49 Jahre alt, lebt in Saporischschja.
Ich wohne am rechten Ufer am Stadtrand von Saporischschja, unser Viertel heißt Welykyj Luh. Die Frontlinie verläuft etwa 12 Kilometer von der Stadt entfernt. Täglich hören wir Drohnen – wie sie fliegen und dann abgeschossen werden. Heute dauerte der Luftalarm 23 Stunden.
Gerade haben wir viel Schnee und es ist sehr kalt. Im Januar lagen die Temperaturen nachts meist bei –13 °C und tagsüber bei –9 °C. In unserem Haus haben wir eine Fußbodenheizung, die bei einem Stromausfall von fünf bis sechs Stunden vollständig auskühlt. Zwar besitzen wir einen Inverter und einen Akku, beides reicht aber nicht für einen Dauerbetrieb der Heizung. An besonders kalten Tagen nutzen wir daher den Kamin. Bereits im November wurden feste Stromabschaltpläne eingeführt, drei Stunden mit und sechs Stunden ohne Strom. Wir haben uns daran gewöhnt, so zu leben. Geschäfte, Cafés und andere Einrichtungen arbeiten mit Generatoren. In der Stadt ist es ständig laut, überall riecht es nach Diesel.
In der Innenstadt werden die Heizungen in den Wohnungen nicht abgeschaltet. Allerdings sind die Nebenkosten stark gestiegen. 5000 Hrywnja, also 100 Euro, im Monat für eine 70-Quadratmeter-Wohnung. Auch Strom ist extrem teuer geworden: 1 Kilowattstunde kostet etwa 0,80 Euro. Meine Mutter bekommt umgerechnet 70 Euro Rente. Sie lebt mit ihrem Mann, der noch arbeitet, in einer Zweizimmerwohnung. Mehr als 30 Prozent ihres Budgets geben sie für Versorgungsleistungen aus.
Auch Lebensmittel gehen jetzt richtig ins Geld. Gurken und Tomaten kosten mindestens 4 Euro, das günstigste Brot 0,80 Euro, ein besseres bis zu 1,50 Euro – bei einem Mindestlohn von etwa 170 Euro. Der Hausmeister im Hof meiner Mutter verdient weniger als 200 Euro, vor kurzem wurde er eingezogen. Insgesamt gibt es deutlich weniger Männer in der Stadt, Bauarbeiter und Handwerker sind kaum noch zu finden.
Die Stadt ist leerer geworden, dennoch gibt es fast keine freien Wohnungen. Darin leben jetzt Geflüchtete aus Front- oder besetzten Gebieten.
In der Stadt wurden drei Schulen gebaut. Alle haben Luftschutzkeller, die fünf Stockwerke in die Erde hinunter gebaut sind. Alle anderen Kinder lernen zu Hause. Fast alle Kindergärten sind zu. Trotz der Gefahr sind viele Familien geblieben, auch Kinder werden geboren. Allerdings gibt es inzwischen eine Entbindungsklinik weniger: Am 1. Februar wurde sie von einer russischen Kamikaze-Drohne getroffen, sechs Menschen wurden verletzt.
Der Feind beschießt regelmäßig die Eisenbahn. Seit zwei Wochen fahren keine Züge mehr nach Dnipro – bislang die einzige Bahnverbindung nach Saporischschja. Einen Teil der Strecke muss man nun mit dem Bus zurücklegen.
Fragen Sie mich nicht, ob ich wegziehen möchte. Wir haben unser Haus selbst gebaut. Der Gedanke, es zu verlassen, tut weh. Das fühlt sich an, als würde man sein eigenes Kind zurücklassen.
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