Holocaust-Überlebende Tova Friedman: „Ich flehe Sie an: Wiederholen Sie nicht die Geschichte“
Tova Friedman hat Auschwitz überlebt. Heute klärt sie auf Tiktok über die Verbrechen der Nationalsozialisten auf. Am Mittwoch spricht sie im Bundestag.
„Kein Kind sollte sehen, was ich gesehen habe“, schrieb Tova Friedman vor einigen Jahren in ihren Memoiren, rückblickend auf die Zeit der Shoah, während der sie noch ein kleines Mädchen war. Aber die Welt soll wissen, was sie, die Überlebende, gesehen, gerochen und geschmeckt hat, nachdem sie im Alter von zwei Jahren ins Ghetto Tomaszów Mazowiecki und im Alter von fünf Jahren nach Auschwitz-Birkenau gekommen war.
Im Ghetto wird sie mit den „Geräuschen des Völkermords“ groß, „gut geölte Schlagbolzen, die geschmeidig durch Gewehrläufe zischten. Kehlige Verwünschungen und Flüche vor dem Morden.“ Später, im Vernichtungslager Auschwitz, ist sie umgeben von dem „schwefelhaltigen, üblen Gestank wie von faulen Eiern: brennende Haare, vermischt mit verbranntem Menschenfleisch“. Von alldem sollen sich ihre Leser:innen ein schmerzhaft genaues Bild machen können. Von den Deportationen, den Erschießungen, den Gaskammern. Damit es sich niemals wiederhole.
Die Jüdin Tova Friedman wird am Mittwoch bei der Gedenkstunde für die Opfer des Nationalsozialismus im Deutschen Bundestag sprechen, und sie wird bestimmt genauso dringliche und durchdringende Worte finden wie in ihrer Biografie, die Anfang 2023 auf Deutsch erschien („Ich war das Mädchen aus Auschwitz“). Friedman ist heute 87 Jahre alt und lebt in New Jersey, wo sie lange als Direktorin, Sozialarbeiterin und Therapeutin des regionalen Jewish Family Service arbeitete. Bis zuletzt gab sie dort Therapiestunden.
Tova Friedman widmet heute ihr Leben der Erinnerung an die Shoah und dem Kampf gegen Antisemitismus. Gemeinsam mit ihrem Enkel Aron Goodman betreibt sie einen Tiktok-Kanal, in dem sie vor allem über die Verbrechen und die Methoden des Nationalsozialismus aufklärt. Über 500.000 Menschen folgen ihnen auf der Plattform. Friedman erklärt in kurzen Clips unter anderem, was geschehen ist in Auschwitz, Majdanek, Chełmno, Treblinka, Bełzec und Sobibór.
Die Familie ihrer eigenen Mutter ist in der NS-Zeit fast vollständig ermordet worden, 150 Angehörige hat diese verloren. Die Toten und ihre Verwandten vor dem Vergessen zu bewahren, sei eines ihrer Ziele, sagte Tova Friedman vor drei Jahren im Interview mit der taz: „Ich muss über sie sprechen, um die Erinnerung an sie am Leben zu erhalten. Solange ich über sie spreche, sind sie nicht tot.“
In das Land der Täter reist sie nun bereits zum zweiten Mal, obwohl sie dies eigentlich nicht wollte. „75 Jahre lang habe ich mich geweigert, nach Deutschland zurückzukehren. Ich wollte die deutschen Stimmen nicht hören, hatte Angst, Schäferhunde auf der Straße zu sehen“, hat sie kürzlich in einem Tiktok-Clip gesagt. Deutsche Schäferhunde – für sie eine Erinnerung an die Zeit in Auschwitz. Zugleich empfinde sie es als Ehre und Verpflichtung, mit jungen Menschen über den NS und den Judenhass zu sprechen, in einer Zeit, in der sich Antisemitismus „in Europa wie ein Lauffeuer verbreitet.“
Als Kind im Vernichtungslager
Tova Friedman wird – als Tola Grossman – 1938 in Gdynia bei Danzig geboren. Ein Jahr vor Kriegsausbruch, zwei Monate vor den Novemberpogromen. Als sie zweieinviertel Jahre alt ist, werden sie und ihre Eltern ins Ghetto von Tomaszów Mazowiecki gebracht. Sie rekonstruiert diese Zeit später auch mithilfe eines Yizkor-Buchs, einem Schriftstück, in dem das jüdische Leben des Orts dokumentiert wurde und für das ihr Vater viel schrieb. „Das Leben war eine einzige Litanei aus Katastrophen, verschwundenen Menschen, Massakern und dem ständigen Kampf um Lebensmittel“, heißt es in ihrer Biografie.
Typhus geht im Lager um, Ghetto-Bewohner:innen werden erschossen, Tola Grossman hungert. Sie leckt an den Wänden und erklärt es sich später damit, dass sie intuitiv versucht habe, Kalzium aus der Wandfarbe zu saugen. Ihr Vater wird von den Nazis als jüdischer Polizist im Ghetto eingesetzt; wenn er zu milde zu den Insassen ist, wird er blutig geprügelt, er muss später seine eigenen Eltern zur Deportation bringen.
Im Rahmen der „Aktion Reinhardt“, der Vernichtung aller Jüdinnen und Juden auf polnischem Gebiet, sollen insgesamt 15.000 Menschen aus Tomaszów Mazowiecki nach Treblinka deportiert worden sein. Tola Grossman und ihre Eltern gehören zu den letzten, die im Ghetto verbleiben. Als es aufgelöst wird, kommen sie ins Arbeitslager Starachowice, wo ihre Mutter und ihr Vater als Zwangsarbeiter:innen in der Munitionsfabrik eingesetzt werden. Von hier aus werden sie 1944 nach Auschwitz deportiert.
Grossman scheint in Auschwitz im Herbst 1944 auf dem Weg in den sicheren Tod. Sie wird mit einer Gruppe von Kindern in die Gaskammer geschickt, sitzt nackt, elendig, frierend im Vorraum. Sie warten und warten dort, irgendetwas aber läuft an diesem Tag nicht planmäßig. Schließlich wird die Gruppe zurückgeschickt – warum, das weiß sie bis heute nicht genau. Auch dem Todesmarsch entgeht sie später, weil ihre Mutter sie zwischen Leichen versteckt.
Tola Grossman überlebt. Auch ihre Eltern Machel und Reizel Grossman überleben. Aufgrund von Geschick – und wohl auch viel Glück. Sie kommen nach dem Krieg in ein Displaced-Persons-Lager.
Neuanfang in den USA
1950 emigriert Tola Grosmann als damals Elfjährige mit ihren Eltern in die USA. Sie legt eine akademische Karriere hin, macht nacheinander Bachelor- und Master-Abschlüsse in Psychologie, Black Literature und Sozialer Arbeit. 1960 heiratet sie Maier Friedman, den sie schon als Kind in den USA kennengelernt hat; sie feiern eine traditionelle jüdische Hochzeit. Sie nimmt den Nachnamen Friedman an.
Sieben Jahre später geht das Paar nach Netanya in Israel, dort soll sie an der Hebrew University of Jerusalem lehren. In Israel benennt sie sich auch erst in „Tova“ um, „weil das israelischer klang, aber auch, weil es so ähnlich klang wie Tema – der Name meiner Großmutter mütterlicherseits“, schreibt sie in ihren Memoiren. Aus beruflichen Gründen geht das Paar zehn Jahre später in die USA zurück, wo Tova Friedman am Jewish Family Service andockt.
Als Psychologin und als Überlebende kennt Friedman natürlich das „Survivor’s Syndrome“, doch sie glaubt nicht, dass sie darunter leidet – und prägt stattdessen einen anderen Begriff für sich: Survivor’s Growth. Überlebenswachstum. Sie will in ihrem Leben Sinnvolles tun, um an die Shoah zu erinnern. Ihre Lebensgeschichte erzählt sie zunächst dem Schriftsteller und Journalisten Milton John Nieuwsma, der in seinem Buch „Kinderlager“ (1998) darüber berichtet. Erst viele Jahre später, 2022, veröffentlicht Friedman ihre eigene Biografie auf Englisch, wohl auch angestoßen durch das Engagement ihres Enkels Aron, der im Jahr zuvor den Tiktok-Kanal mit ihr gegründet hat.
In dem Buch beschäftigt sie sich auch mit der unbegreiflichen Routine und Alltäglichkeit des Mordens, mit dem, was Hannah Arendt als Banalität des Bösen bezeichnete. „Was ich auch nach all den Jahren nicht verstehe, ist das vollständige Fehlen von Gewissen und die Zwanglosigkeit, mit der harmlose Zivilisten ermordet wurden, so beiläufig wie essen und trinken“, schreibt Friedman.
Es treibt sie um, dass das Gros der Mittäter:innen straffrei blieb, dass erst sehr spät sehr wenigen Verwalter:innen des Völkermords der Prozess gemacht wurde. „Irgendwo im Dritten Reich saß in einem Büro ein schlauer Statistiker mit pervertiertem Denken, der ausrechnete, wie viele zusätzliche Gleisstrecken, Haltepunkte und Signale gebraucht wurden, um dafür zu sorgen, dass die Todeszüge reibungslos fuhren“, schreibt sie. Und weiter: „Psychopathen allein hätten den Holocaust nicht zustande gebracht. Sie waren auf eine ganze Armee bereitwilliger Helfershelfer angewiesen, ebenso wie auf gut ausgebildete Akademiker, die die alltägliche Logistik des industriellen Mordens zum Laufen brachten.“
Tova Friedman zu lesen, mit ihr zu sprechen, heißt innezuhalten, versuchen nachzuvollziehen, wie ein System des Internierens, Drangsalierens und Tötens sich entwickelt, sich verselbstständigt. Und vor allem zu begreifen, was dies für die Opfer bedeutet. „Auschwitz bleibt ein Leben lang in mir, bleibt immer Teil meines Körpers und meines Geistes“, erzählte Tova Friedman damals im Interview und nannte zwei Beispiele: „Manchmal steht auf Speisekarten in Restaurants das Wort ‚selection‘. Wenn ich das lese, zucke ich immer zusammen. Denn ich muss an ‚Selektion‘ im Lager denken. Oder wenn ich das deutsche Wort ‚Halt‘ höre, spüre ich häufig physische Angst. ‚Halt‘ bedeutete in Auschwitz oft, dass Leute angehalten und erschossen wurden.“
Friedman zuhören, sich vielleicht auch daran erinnern, was im vergangenen Jahr am Tag des Gedenkens im Bundestag passiert ist, das sollte den diesjährigen Auschwitz-Gedenktag prägen. „Ich flehe Sie an: Wiederholen Sie nicht die Geschichte, die ich durchleiden musste“, schreibt Friedman. Am Rednerinnenpult wird sie am Mittwoch sicher ähnlich treffende Worte finden.
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