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Debatte über WM-Boykott in den USADer unpassende Vergleich mit der WM in Katar

Nach den Erfahrungen mit den Boykottforderungen vor der Fußball-WM in Katar scheuen viele eine Diskussion um den Gastgeber USA. Doch der Vergleich funktioniert nicht.

Auch mützenmäßig ausgewiesener Antifaschist: St. Pauli-Präsident Oke Göttlich fordert WM-Boykott-Debattte Foto: Philipp Szyza/imago

Die Reflexe klingen überall ähnlich, seit die Debatte über einen möglichen Boykott der Fußball-WM in den USA die Mixed Zones der Bundesliga erreicht hat. „Ich bin Fußballspieler und ich habe A zu wenig Ahnung davon und B ist es nicht meine Aufgabe, darüber zu reden“, sagt Robert Andrich, dem als Nationalspieler und Kapitän von Bayer Leverkusen eigentlich schon eine Meinung zu den Aktivitäten des WM-Gastgebers Donald Trump zugetraut werden kann.

Nach den Erfahrungen mit der WM von Katar ist die Sorge jedoch groß, sich abermals in Kontroversen und dem Gefühl der Machtlosigkeit gegenüber dem Weltgeschehen zu verheddern. „Ich nehme nicht mehr teil an der politischen Diskussion. Wir haben ja gemerkt, dass es nicht zielführend ist, wenn wir Spieler uns da zu sehr politisch äußern“, erklärt Joshua Kimmich, der Kapitän der Nationalmannschaft, und Leverkusens Sportchef Rolfes sagt ironisch: „Ich finde, es hat ja schon bei der WM 22 gut geklappt, dass Deutschland irgendwie versuchte, das Turnier zu boykottieren, und der Rest der Welt das ein bisschen anders gesehen hat. Politik sollte Politik machen und wir sollten Sport machen.“

Die Referenz ist immer die gleiche: Bei der WM 2022 waren die deutschen Protestversuche nicht nur wirkungslos, sie haben die sportlichen Ambitionen des Teams beschädigt und wirkten auch ein wenig peinlich. Deshalb missfällt es vielen Leuten aus der Bundesliga, dass Oke Göttlich, der Präsident des FC St. Pauli, der seit einigen Wochen dem Präsidium des Deutschen Fußball-Bundes angehört, eine neue Debatte über einen Boykott als Reaktion auf das Verhalten von Donald Trumps Amerika anstößt: „Ich frage mich wirklich, wann der Zeitpunkt ist, darüber konkret nachzudenken und zu reden“, sagt Göttlich der Hamburger Morgenpost und verweist auf die Geschichte der Olympischen Spiele: „Was waren denn die Begründungen für die Olympiaboykotts in den 1980er Jahren? Meiner Einschätzung nach ist das Bedrohungspotenzial aktuell größer als damals. Wir müssen diese Diskussion führen.“ Göttlich fordert explizit keinen Boykott, er möchte nur eine fundierte Diskussion über diese Option führen, und dieser Prozess hat nun begonnen.

Die Bild hat zwar aus dem Umfeld von DFB-Präsident Bernd Neuendorf erfahren, dass dieser „not amused“ über Göttlichs Vorstoß ist. Neuendorf scheut Konflikte mit dem Weltverband Fifa, wo er dem einflussreichen Council angehört. Und die Erfahrungen von Katar sitzen auch ihm noch in den Knochen. Allerdings ist der Vergleich zur vorigen WM vollkommen unpassend.

Übergeordnete Dimension

Damals ging es um den Protest gegen ein Gastgeberland, das Menschenrechte bricht, das Gastarbeiter ausbeutet und autokratisch regiert wird. All diese Vorwürfe lassen sich auch gegenüber den USA erheben, aber im aktuellen Fall gibt es eine übergeordnete Dimension: In den USA sind imperiale Bestrebungen vorhanden, Trump möchte gerne Kanada und Grönland besitzen, Europa ist bedroht. Deshalb hat Göttlich auf den Boykott 1980 angespielt, der auf dem Höhepunkt des Kalten Krieges eine Reaktion auf den Angriff der Sowjetunion auf Afghanistan war.

Das Thema wird relevant bleiben. Bereits am Sonntag hat es das Talkformat „Miosga“ in der ARD erreicht. Auch dort wurde schnell klar, dass es im Gegensatz zum Katar-Aktivismus allenfalls in zweiter Linie um Werte und Moral geht. Die Möglichkeit eines WM-Boykotts ist ein Instrument im Werkzeugkasten der Gegenmaßnahmen, zu denen beispielsweise auch Gegenzölle und alle möglichen Deals gehören. Der Umgang mit diesen Möglichkeiten sei „ein Ritt auf der Rasierklinge“, sagt der Militärhistoriker Sönke Neitzel bei „Miosga“ und erklärt: „Ich finde es gut, dass das diskutiert wird, dass man sagen kann: Wenn die Europäer nicht mitspielen, kannst du eigentlich deine WM vergessen. Und wir können auch dazu greifen.“ Im Raum steht die Chance, die eigene Position in einer schwer durchschaubaren weltpolitischen Verhandlungssituation zu stärken.

Erste Umfragen unter den anderen europäischen Verbänden deuten zwar klar darauf hin, dass derzeit niemand einen Boykott anstrebt, aber auch hier lohnt ein Blick in das Jahr 1980. Damals beschloss das deutsche Nationale Olympische Komitee (NOK) den Olympiaboykott. Vorausgegangen war jedoch eine politische Debatte, in deren Rahmen Willy Brandt sich im Geist seiner Entspannungspolitik für eine Teilnahme an den Spielen von Moskau aussprach. Auch Bundeskanzler Helmut Schmidt fand Boykott eigentlich falsch, beugte sich aber dem Druck der Schutzmacht USA, woraufhin der Bundestag sowie das NOK beschlossen, auf die Spiele zu verzichten.

So wie damals geht es jetzt um die Frage, ob der Fußball als politisches Instrument auf der obersten Ebene des Weltgeschehens eingesetzt werden sollte.

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1 Kommentar

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  • Seit dem es börsenorientierte Fußballclubs gibt, schaue ich ohnehin nur noch Kajaksport.



    Haben wir wirklich keine anderen Probleme als eine Fußball-WM?



    Würde mir von der taz wünschen, wenn auch die Artikel mit intellektuellem Anspruch zum Kommentieren freigeschaltet würden.