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Rechtsextremismus in SachsenAfD gewinnt Bürgermeisterwahl in Altenberg

Das Erzgebirge gilt seit vielen Jahren als rechte Hochburg. Nun übernimmt im Wintersportzentrum Altenberg ein AfD-Politiker das Rathaus.

Macht auch schon mal Witze über Terroranschläge: Altenbergs AfD-Bürgermeister André Barth Foto: Robert Michael/dpa

Für den sächsischen AfD-Politiker André Barth war es ein glatter Durchmarsch. Bei der Bürgermeisterwahl im Wintersportort Altenberg im Landkreis Sächsische Schweiz-Osterzgebirge holte der Kandidat der extremen Rechten am Sonntag fast 62 Prozent der Stimmen, und das bereits im ersten Wahlgang. Die vier anderen Kan­di­da­t:in­nen – alle parteilos – hatten keine Chance. Am besten schnitt noch die Leiterin einer örtlichen Kita ab, die auf 21 Prozent kam.

„Überrascht hat mich die Deutlichkeit des Ergebnisses schon in der ersten Runde“, sagt Marcel Gundel am Montag zur taz. Er sitzt als Parteiloser für die Linke im Stadtrat von Altenberg und kennt den AfD-Mann gut. Schließlich stand Barth schon vor der Wahl an der Spitze der Verwaltung der 7.500-Einwohner-Stadt, wenn auch nur kommissarisch. Nachdem der vormalige CDU-Bürgermeister im März 2025 nach Auseinandersetzungen mit dem Stadtrat überraschend zurückgetreten war, übernahm dessen AfD-Stellvertreter Barth das Ruder.

Ein Wahlsieg des 56-Jährigen habe sich aufgrund des faktischen Amtsinhaberbonus vielleicht sogar abgezeichnet. Aber, so Gundel auch mit Blick auf die ungewöhnlich hohe Wahlbeteiligung von über 70 Prozent: „Ich kann das einfach nicht nachvollziehen, wie viele Leute hier kein Problem haben, ihr Kreuz bei einer Partei zu machen, die vom Verfassungsschutz beobachtet wird.“

Tatsächlich ist der Landkreis Sächsische Schweiz-Osterzgebirge seit vielen Jahren eine sichere rechtsextreme Bank. In Pirna, dem Verwaltungssitz des Landkreises, wurde bereits 2023 ein Parteiloser auf AfD-Ticket zum Oberbürgermeister gewählt. Seit 2017 holte die AfD in dem Landkreis bei jeder Bundestagswahl das Direktmandat. Altenberg ist also kein Betriebsunfall. Auch in Großschirma im Landkreis Mittelsachsen gibt es längst einen AfD-Bürgermeister. „Der Osten ist blau“, bejubelte AfD-Bundeschef Tino Chrupalla das Ergebnis vom Sonntag.

Witze über Terroranschläge

André Barth ist in der notorisch völkisch-nationalistischen Sachsen-AfD kein Unbekannter. Das langjährige SPD-Mitglied sitzt seit 2014 für die extreme Rechte im sächsischen Landtag. Als die AfD im Vorfeld der Landtagswahlen 2019 in Umfragen schwächelte, zitierte ihn die Welt am Sonntag mit den Worten: „Was die Partei jetzt bräuchte, ist ein Anschlag, Anis Amri 2. So was darf man sich natürlich nicht wünschen.“ Vermutlich sollte das witzig gemeint sein.

Marcel Gundel beschreibt ihn jedenfalls „als innerhalb der AfD eher gemäßigt“. So habe sich Barth auch als kommissarischer Rathauschef gegeben. Seine Möglichkeiten seien zudem schwer begrenzt. „Altenberg ist seit Jahren defizitär“, sagt Gundel. Daran habe auch Barth im letzten Jahr nichts ändern können. Ob beim Winterdienst der flächenmäßig riesigen Gemeinde oder den über die 22 Ortsteile weit verstreuten Kitas: Kürzungen seien hier kaum möglich, so Gundel.

Trotzdem ist das Stadtratsmitglied besorgt. Denn Altenberg genießt einen weit über Sachsen hinausreichenden Ruf als Wintersportzentrum, bekannt für seine Biathlonarena und die Rennschlitten- und Bobbahn. Gundel selbst arbeitet in der Tourismusbranche. Er sagt: „Die Wahl schlägt extrem hohe Wellen.“ Im Ortsteil Zinnwald habe es seit Sonntag bereits erste Stornierungen von Übernachtungen gegeben. „Ich befürchte, dass das kein Einzelfall sein wird.“

Beim Bob- und Schlittenverband Deutschland (BSD) sieht man das weitaus entspannter. Er könne nichts gegen den AfD-Bürgermeister von Altenberg sagen, „ich kenne die Person nicht mal“, sagt BSD-Sportdirektor und -Generalsekretär Thomas Schwab zur taz. Überhaupt, so der Sportfunktionär weiter: „AfDler sind ja Nationalisten. Die waren noch nie gegen den Sport. Auf den Sport wird das keine Auswirkungen haben.“

Verlierer in Brandenburg

Dass es für die extreme Rechte keineswegs überall in Ostdeutschland so unkompliziert laufen muss wie in Altenberg, Pirna oder Großschirma, zeigte am Sonntag ein Blick nach Brandenburg. Trotz tatkräftiger Unterstützung der Parteispitze und rechtsradikaler Medien verlor die AfD hier die Stichwahl um das Landratsamt im Landkreis Oberspreewald-Lausitz. Am Ende setzte sich der CDU-Kandidat Alexander Erbert gegen die AfD-Frau Antje Ruhland-Führer durch. Erbert erhielt 53 Prozent der Stimmen, Ruhland-Führer kam auf 47 Prozent. Zum wiederholten Mal ging die AfD damit in Brandenburg bei einer Stichwahl als Verlierer vom Platz.

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