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Kämpfe in SyrienKein Strom, kein Wasser, kein Internet

Die kurdische Stadt Kobanê in Nordostsyrien wird seit Tagen belagert. Essensvorräte und Medikamente gehen aus – und eine Sorge macht sich breit.

Aleppo, Syrien, 25. Januar: Ein Konvoi mit humanitärer Hilfe der syrischen Regierung für Kobanê Foto: Nabiahaal Taha/imago

Seit über einer Woche ist die nordöstliche Stadt Kobanê in Syrien von Streitkräften umzingelt. Das berichten Einheimische und Vertreter der kurdischen Selbstverwaltung. „Die Lage ist sehr schlecht. Es gibt keinen Strom, kein Wasser, kein Internet“, erzählt Aylan, ein Einwohner der Region. Er heißt eigentlich anders, aber möchte anonym bleiben.

Aylan arbeitet bei einer internationalen NGO. Er benutzt ein türkisches Netzwerk, um im Chat mit mir zu kommunizieren. Doch das Netz ist unbeständig, immer wieder kommen die Nachrichten nicht an. Es gebe eine Belagerung etwa 25 Kilometer von Kobanê entfernt, rund um die Stadt, und kaum einen Weg hinein oder hinaus.

Den Ein­woh­ne­r*in­nen gehen allmählich die Essensvorräte, Medikamente und Treibstoff aus. Letzterer ist im syrischen Winter besonders wichtig: Er ist die Hauptquelle für die Heizversorgung der Bevölkerung. Häuser verfügen meistens nicht über eine Zentralheizung, sondern werden mit Heizöfen erwärmt, die mit Kraftstoff laufen.

Gerade herrschen in Kobanê Temperaturen um die null Grad, vor wenigen Tagen lag noch Schnee auf den Straßen. Medienberichten zufolge sollen bis zu fünf Kinder zwischen zwei Monaten und vier Jahren erfroren sein. Außerdem sind mehrere Tausend Binnenvertriebene aus der Region in die Grenzstadt gekommen, was die knappen Ressourcen zusätzlich belastet.

Syrische Regierung kündigt humanitären Korridor an

Am Sonntag hat die syrische Regierung einer Verlängerung der Waffenruhe um 15 Tage zugestimmt. Parallel dazu ist in der Nacht ein Konvoi mit 24 Lastkraftwagen voller Nahrungsmittel und Kraftstoff in die Stadt gefahren.

Die Hilfslieferung wurde von den Vereinten Nationen, Menschenrechtsorganisationen und der syrischen Regierung vereinbart, wie das UN-Büro für die Koordinierung humanitärer Angelegenheiten bestätigt. Die Lage in Kobanê bleibe jedoch „herausfordernd“, und der Menschenstrom aus den benachbarten Dörfern in die Stadt halte an.

Die Regierung kündigte zusätzlich einen humanitären Korridor nach Kobanê und Hasakah an, ging jedoch nicht auf die Vorwürfe der Belagerung ein. Sie bestätigte indes, Sicherheitskräfte in die Dörfer um Kobanê entsendet zu haben, um „Sicherheit zu bewahren“.

Kobanê, eine kurdisch geprägte Kleinstadt an der türkischen Grenze, war seit dem syrischen Bürgerkrieg mehrfach Schauplatz von Auseinandersetzungen: Ihre Bevölkerung litt unter den Angriffen des „Islamischen Staates“ (IS), dann unter dem Konflikt zwischen den kurdischen Syrian Democratic Forces (SDF) und der Türkei-nahen Syrian National Army (SNA). Jetzt ist sie mitten in den Streit zwischen SDF und syrischer Armee geraten.

Sorge vor einem Erstarken des IS

Vergangene Woche haben die syrischen Streitkräfte immer mehr Gebiete in der Selbstverwaltung von Nord- und Ostsyrien, allgemein als Rojava bekannt, eingenommen. Die Gefechte folgten auf monatelange Scharmützel.

Spannungen durchziehen nicht erst seit dem Fall des Assad-Regimes die gesamte Region. Arabische Stämme hegen schon länger Frust und Unzufriedenheit gegenüber den kurdischen SDF. Sie werfen den SDF vor, die Meinungsfreiheit einzuschränken, Menschen willkürlich festzunehmen und exzessive Gewalt anzuwenden. Die SDF haben in der Vergangenheit dementiert.

Die syrische Zentralregierung will nun die kurdischen Streitkräfte in die staatliche Armee integrieren und Kontrolle über Außengrenzen, Ölfelder und mehrere Städte der Selbstverwaltung gewinnen. Die Kur­d*in­nen zögern und fürchten den Verlust ihres Regierungs- und Geschäftsmodells. Nicht zuletzt herrschen Sorgen vor Gewalt und einem Erstarken des IS, den die Kur­d*in­nen jahrelang bekämpft haben.

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