Schule von und für Indigene in Guatemala: Eine Schule gegen die Ungleichheit
48 Prozent der indigenen Frauen in Guatemala können weder lesen noch schreiben. Eine Schule von und für indigene Frauen zeigt, wie man das ändert.
Die bunte Wandmalerei mit dem Slogan „Starke Wurzeln, tüchtige Frau“ prangt nur wenige Meter vor dem Schulsekretariat an einer aus Natursteinen gemauerten Wand. Eine Treppe führt in den dreistöckigen Schulkomplex der Maia Impact School, wo Vilma Saloj in der Aula wartet. Die mittelgroße Frau in indigener Tracht ist die langjährige Direktorin der einzigen weiterführenden Schule für indigene Mädchen in Mittelamerika und stolz auf das bisher Erreichte.
„2007 haben wir angefangen. 2016 die Chance ergriffen, unsere Schule gegenüber einer renommierten Privatuniversität mitten in Sololá zu bauen, statt in einer der ländlichen Gemeinden, wo unsere Schülerinnen herkommen“, erklärt sie. Sichtbar sein – das ist für die optimistisch wirkende Pädagogin aus der guatemaltekischen Region von Sololá wichtig. Die quirlige Provinzstadt mit rund 20.000 Einwohner:innen liegt über dem berühmten Atitlán-See und ist indigen geprägt. Drei Maya-Ethnien, Kaqchikel, Quiché oder Tzutuhil, prägen in ihren traditionellen Trachten das Bild der Stadt. Vilma Saloj weiß, wie wichtig Bildung ist, um aus dem gesellschaftlichen Abseits zu kommen. Nicht aus Büchern, sondern aus dem wirklichen Leben.
Saloj ist eine Kaqchikel von Mitte dreißig. Sie ist in einem der Dörfer der Umgebung von Sololá aufgewachsen. 83 Orte liegen im Einzugsgebiet der Maia-Schule, aus 43 von ihnen kommen derzeit 375 Schülerinnen, die in der weitläufigen und gut ausgestatteten Schule ihr Abitur machen sollen. „Wir haben uns ganz bewusst auf indigene Schüler:innen konzentriert, denn sie sind gleich vierfach diskriminiert: sie kommen meist aus kleinen Dörfern ohne kommunale Infrastruktur, sind arm, weiblich und indigen“, sagt Saloj.
Sie selbst hatte Glück, denn ihre Eltern entschieden sich, anders als etliche Nachbarn, ihren sechs Kindern die weiterführende Schule zu ermöglichen – auch den Mädchen. „Ich habe mit meiner älteren Schwester gemeinsam Abitur gemacht – als Erste in meiner Familie. Meine Mutter hat nur zwei Schulklassen absolviert, meine Großmutter nicht eine“, erklärt Saloj und rümpft missbilligend die Nase.
Niedrige Alphabetisierung besonders unter Maya
Das ist typisch in den indigenen Haushalten Guatemalas, die je nach Quelle 44 bis 54 Prozent der rund 18 Millionen Guatemaltek:innen stellen. 48 Prozent der 4 Millionen indigenen Frauen im größten mittelamerikanischen Land können weder lesen noch schreiben. Ein zentraler Grund, weshalb sich Saloj für eine bessere Bildung in der Region Sololá und ganz Guatemala engagiert: „Sehen sie sich in unserem Parlament um: 160 Abgeordnete, und eine einzige ist indigen. Das kann so nicht bleiben“, meint sie und spricht damit etwas aus, was in Guatemala über Jahrzehnte ein Tabu war. Wahlrecht ja – politische Partizipation gab es nur in minimalen Dosen. Kaum spürbar.
Das soll sich ändern, und die Maia Impact School soll dabei als Sprungbrett dienen. Erklärtes Ziel der Maya-Frauen, die das vor allem dank US-Spenden finanzierte Bildungsprojekt vor 18 Jahren initiierten, war es, indigene Mädchen an weiterführenden Schulen anzumelden. „Begonnen haben wir 2007 damit, die Busfahrten an die Schulen, Materialien, Ranzen und Ähnliches in Form eines Stipendiums zu finanzieren, parallel dazu haben wie die Familien betreut. Sie ermuntert, ihre Töchter zu unterstützen“, erinnert sich Celestine Poz Bocel. Sie hat sich zu Saloj auf die Terrasse im ersten Stock des Schulgebäudes gesetzt. An diese grenzen mehrere Unterrichtsräume an, wo derzeit Fortbildungen für das pädagogische Personal laufen – das Gros der Schülerinnen weilt in den Endjahresferien, die im November beginnen.
Poz Bocel gehörte zu den ersten Schülerinnen, die hier dank Mentorin und Stipendium ihr Abitur machten. Ein paar Monate später begann sie selbst für die Schule als Mentorin zu arbeiten, etwa ein Jahr zuvor hatte auch Saloj als Mentorin begonnen. Beide habe Eltern davon überzeugen können, dass sie länger als die sonst üblichen sechs Grundschuljahre zur Schule gehen könnten und sie gezielt zu unterstützten.
„Das beginnt mit der intrafamiliären Kommunikation, mehr miteinander, mehr gegenseitige Hilfe und mehr Vertrauen in die eigenen Töchter“, sagen die beiden Kaqchikel. Mittlerweile haben beide studiert, ihren Abschluss in Pädagogik gemacht und feilen kontinuierlich an den Strukturen ihrer Schule – besser werden ist die Devise. Deshalb endete 2016 nach rund zehn Jahren das reine Stipendienmodell. „Die Entscheidung, eine eigene Schule nach unseren spezifischen Bedürfnissen zu bauen und auszustatten, war ein Volltreffer“, sind sich die beiden einig.
„Gestärkte Frau – unendliche Wirkung“
Finanziert wurde das Großprojekt im oberen Teil der Provinzhauptstadt Sololá von einem US-Amerikaner, der anonym bleiben will. Ein Glücksfall für das Team um die beiden zielstrebigen Frauen, die darauf setzen, den indigenen Nachwuchs von morgen auszubilden. Dafür haben sie mit interner und externer Unterstützung ein Modell entwickelt, in dem nicht nur die Mentorinnen eine zentrale Rolle spielen, sondern auch die Pädagoginnen. Die legen besonderen Wert auf Mathe, Englisch, Spanisch, aber auch auf Naturwissenschaften, Kunst und Sport.
Davon kann man sich beim Gang durch den klar strukturieren Bau ein Bild machen. Im hinteren Teil des Erdgeschosses sind die Chemie- und Physikräume untergebracht, dahinter schließt sich der Sportplatz an, wo ein anspornendes Wandbild seinen Platz hat. „Gestärkte Frau – unendliche Wirkung“ steht auf der Wand zwischen indigenen Frauen, die durch Fernrohre blicken, Stethoskope um den Hals tragen oder schlicht ihre Nase in Bücher stecken.
Typisch für die Maia Impact School sei die 19-jährige María Elena Coj Chipin. Die sei 2018 als schüchterne 12-Jährige vom Dorf in die damals nigelnagelneue Maia Impact School gekommen und nun zu einer jungen Frau herangewachsen, die weiß, was sie will und kann. Seit April letzten Jahres arbeitet sie nach zwei Schnupperpraktika bei einem Micro-Credit-Anbieter, der Kredite nach sozialen Kriterien an indigene Frauen vergibt.
Parallel dazu studiert Coj Chipin an der Universidad del Valle, der gegenüber vom Maia-Schulgebäude liegenden Privatuniversität, Management und Verwaltung. „Ich träume davon, irgendwann eine soziale Organisation managen zu können“, sagt sie und deutet dann lachend auf das Maia-Logo auf dem Wandbild am Ende des Sportplatzes. „Hier habe ich nicht nur gelernt mich selbst zu wertschätzen, sondern auch meine Mitmenschen“, sagt die junge Frau mit den langen pechschwarzen Haaren, die wie nahezu alle hier indigene Tracht trägt.
Das ist auch außerhalb der Schule normal, selbst bei den Männern, und hat einiges mit den funktionierenden indigenen Strukturen in der Region Sololá zu tun. Dort genießen indigene Autoritäten großen Respekt. Das ist auch der zentrale Grund, weshalb Vilma Saloj nicht müde wird, den Kontakt zu Autoritäten, Frauen wie Männern, zu suchen, und zu erklären, was hinter den Türen der in Guatemala einzigartigen Schule passiert.
Die Abschlussquote spricht für sich
„Bildung ist unser Sprungbrett in die Universitäten, in die Institutionen – ein Werkzeug, um mehr Partizipation einzufordern“, sagt Saloj, die einst Medizin in Kuba studieren wollte, heute jedoch hier für das Recht auf Bildung kämpft – für die indigenen Mädchen, aber eben auch für die gesamte indigene Bevölkerung.
Das funktioniert, wie die Statistiken belegen, die die beiden Pädagoginnen aufbereitet haben. 46 Prozent der bisher rund 3.000 Maia-Absolventinnen schaffen die Aufnahmeprüfung an den Universitäten, 49 Prozent ergattern einen der in Guatemala begehrten, aber knappen formalen, sozialversicherungspflichtigen Arbeitsplätze. Die guten Zahlen sind auch ein Grund dafür, dass an der Maia Impact School in diesem Jahr die ersten einhundert Lehrer aus der Region Sololá in Maia-Pädagogik weitergebildet werden.
Für Vilma Saloj ist das ein erster Erfolg. Doch sie wünscht sich mehr Aufmerksamkeit für das innovative Bildungsprojekt vonseiten der nationalen Bildungspolitik. Die fehlt noch.
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