Nach europäischem Nordsee-Gipfel: Offshore-Branche fordert bessere Förderung
Windräder auf See sollen Europa helfen, klimafreundlich und resilienter zu werden. In Deutschland gab es zuletzt jedoch eine Ausschreibungsflaute.
Die deutsche Offshore-Windbranche rechnet damit, im kommenden Jahrzehnt viele neue Anlagen zu bauen. Allerdings sei dafür eine Verbesserung der Förderbedingungen nötig, so Branchenvertreter am Dienstag bei der Vorstellung der jüngsten Branchenzahlen.
Im vergangenen Jahr sind in den deutschen Seegebieten 41 Windkraftanlagen mit 518 Megawatt ans Netz gegangen. Darüber hinaus wurden 19 Anlagen mit 278 Megawatt errichtet, denen aber noch der Netzanschluss fehlt. Die Gesamtzahl in deutschen Meeren liegt aktuell bei 1.680 Anlagen mit 9,74 Gigawatt unter optimalen Bedingungen technisch erreichbarer Leistung.
Zuletzt ist die Entwicklung etwas ins Stocken geraten: Bei Ausschreibungen für zwei Flächen in der deutschen Nordsee gab es im vergangenen August keinerlei Gebote. Nun sollen die Gebiete im Jahr 2026 erneut ausgeschrieben werden, doch ohne Änderung der Förderung, die das Windenergie-auf-See-Gesetz definiert, dürfte es auch diesmal kaum einen Investor geben.
„Die Politik sollte erst die Rahmenbedingungen anpassen und dann erneut ausschreiben“, sagte zur Vorstellung der Branchenzahlen Dennis Rendschmidt, Geschäftsführer des Maschinenbauverbandes VDMA Power Systems. Notwendig sei „ein Erlösmodell, das Investitionssicherheit bietet“. Eine gute Option seien Differenzverträge. Das heißt: Die Betreiber der Anlagen bekommen bei niedrigen Marktpreisen des Stroms die Differenz zu einem Referenzwert erstattet, müssen aber auch bei hohen Preisen die Mehrerlöse abführen.
Kanzler spricht sich für Offshore bis zur Kernfusion aus
Vertreter der Windbranche zeigen sich nach dem Nordsee-Gipfel vom Vortag in Hamburg optimistisch. Zumal Bundeskanzler Friedrich Merz, nachdem er von Journalisten auf frühere ablehnende Bemerkungen zur Windkraft angesprochen wurde, gesagt hatte: „Ich habe immer differenziert zwischen Wind an Land und Wind auf See.“
Der Gipfel habe „ein klares Signal für die Offshore-Windenergie“ gegeben, resümierte Branchenvertreter Rendschmidt – auch weil die europäische Resilienz angesichts geopolitisch unsicherer Zeiten Standardthema in den Redebeiträgen war. Als Konsequenz unterzeichneten die Staatschefs der Nordseeanrainer die „Hamburger Erklärung“, wonach die Länder beim Schutz ihrer Energieinfrastruktur gemeinsam vorgehen wollen, „um eine ganze Reihe an Bedrohungen wie physische Sabotageakte, Cyberangriffe oder andere hybride Angriffe abzuwehren“.
Auf dem Gipfel vereinbarten Deutschland und Dänemark auch den ersten grenzüberschreitenden Offshore-Windpark „Bornholm Energy Island“. Nahe der dänischen Ostseeinsel sollen Anlagen mit zusammen 3 Gigawatt entstehen. Der Strom soll sowohl nach Dänemark als auch nach Deutschland fließen können. Das Projekt wird mit 645 Millionen Euro von der Europäischen Union gefördert.
Auch in deutschen Seegebieten sind die Ziele ambitioniert: Im Jahr 2030 sollen 30 Gigawatt installiert sein, 2035 dann 50 Gigawatt und 2045 sogar 70 Gigawatt. An den Lieferketten werde der Ausbau nicht scheitern, so Rendschmidt: „Die europäischen Hersteller können alle Projekte realisieren.“
Für den Aufbau und die Wartung der Windkraft auf See müsse aber auch in die Häfen investiert werden, forderte Markus Nölke, Geschäftsführer der Windenergie-Agentur WAB. Heute seien die Häfen eine Angelegenheit alleine der Länder, künftig müsse sich angesichts der Bedeutung der marinen Energiewirtschaft auch der Bund stärker engagieren. Die Hafenwirtschaft brauche in den kommenden Jahren 3 Milliarden Euro Unterstützung.
Schließlich sind die Herausforderungen an die Infrastruktur durch die Dimensionen der Technik stets gewachsen: Die durchschnittliche Neuanlage auf See hatte im Jahr 2025 nach Zahlen des Beratungsunternehmens Deutsche WindGuard einen Rotordurchmesser von 211 Metern und eine Nennleistung von 12,6 Megawatt. Sie steht 91 Kilometer von der Küste entfernt in einer Wassertiefe von 35 Metern.
Unterdessen konnte auch ein Einwurf des Bundeskanzlers auf dem Nordsee-Gipfel die positive Grundstimmung in der Branche kaum beeinträchtigen: Offshore-Windkraft sei eine Übergangstechnik, bis die Kernfusion komme, hatte Merz am Montag gesagt. Womöglich weil die Existenz marktreifer Fusionsreaktoren noch völlig in den Sternen steht, scheint diesen Satz in der Branche niemand als wirklich relevant zu erachten.
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