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Braunkohletagebau in der TürkeiJahrhundertealte Olivenhaine in Gefahr

Olivenbäume sind in der Türkei ein geschütztes Kulturgut. Bei Bodrum sollen sie jedoch den Baggern weichen. Kann eine Sammelklage noch helfen?

Eine Demonstrantin sitzt am 24. Juli 2023 am Rande der Proteste gegen eine geplante Kohlemine im Akbelen-Wald im Schatten der Bäume Foto: Murat Kocabas/ZUMA Wire/imago
Jürgen Gottschlich

Aus Istanbul

Jürgen Gottschlich

„Wir haben schon etliche Leute zusammen, die klagen wollen, und bis Ende der Woche werden es sicher noch mehr“, berichtet die Dorfvorsteherin Nejla Işık gewohnt kämpferisch am Telefon. „So schnell werden sie uns nicht los.“ Doch den Optimismus der langjährigen Vorkämpferin gegen den Braunkohleabbau an der südwestlichen Ägäisküste teilen nicht mehr allzu viele Aktivisten. Nach jahrelangen Auseinandersetzungen will der Staat jetzt knapp 700 Besitzer enteignen, deren teils große Olivenhaine dem Abräumbagger im Weg stehen. Dazu gehören die Olivenplantagen der Dörfer Akbelen und İkizköy, die in der gesamten Türkei für ihren Kampf gegen den Braunkohleabbau bekannt geworden sind.

Die Braunkohle lagert in einer klassischen hügligen Ägäislandschaft im Hinterland von Bodrum, der Metropole für Luxustourismus in der Türkei schlechthin. Während die Oligarchen ihre überdimensionierten Luxusyachten im Hafen von Bodrum parken, verpesten nur knapp hundert Kilometer entfernt drei uralte Kohlekraftwerke die Luft, die alle mit der besonders schädlichen Braunkohle betrieben werden.

Um den Flächenfraß des oberirdisch operierenden Braunkohlebergbaus zu stoppen, hatten vor mehr als fünf Jahren Umweltaktivsten aus der gesamten Türkei am Rande des Dorfes Akbelen ein Protestcamp eingerichtet, von dem aus sie die Dorfbewohner in ihrem Kampf gegen die Abräumbagger unterstützten. Am Ende wurde das Camp dann nach drei Jahren von der Gendarmerie geräumt, der Wald bei Akbelen abgeholzt und Platz für die Bagger geschaffen.

Nach jahrelangen Auseinandersetzungen will der Staat jetzt knapp 700 Olivenhain-Besitzer enteignen

Nach dem Wald sind jetzt die Olivenhaine von insgesamt sieben Dörfern an der Reihe. Eigentlich sind Olivenbäume seit den 30er Jahren des vergangenen Jahrhunderts in der Türkei ein besonders geschütztes Kulturgut. Sie dürfen nicht abgeholzt werden.

Im „nationalen Interesse“

Mit einem neuen Minengesetz hat die Regierung von Präsident Recep Tayyip Erdoğan vor gut zwei Jahren den Schutz der Olivenhaine ausgehebelt. Wenn ein besonderes nationales Interesse besteht, dürfen sie nun doch abgeholzt werden. Nachdem der Kandidat der Regierungspartei AKP in Milas, der zuständigen Kreisstadt für die bedrohten Dörfer, vor den Kommunalwahlen im März 2024 zunächst noch dafür gesorgt hatte, dass das neue Gesetz in seinem Bezirk nicht angewendet wurde, ist es nun so weit: Die Enteignungen der Olivenhaine wurden angeordnet.

Die Gegner des Braunkohleabbaus versuchen jetzt, eine Sammelklage gegen die Enteignungen auf die Beine zu stellen, der sich jedoch bislang nur rund 50 der 679 Betroffenen angeschlossen haben. Es gibt weitere Klagen, aber die zielen vor allem auf die Erhöhung der Entschädigung, die die Betroffenen bekommen sollen.

Auch nicht alle aus der Region sind gegen den Braunkohletagebau. Etliche Einheimische arbeiten dort und wollen ihren Job nicht verlieren. So rückt der Tag wohl näher, an dem die teils Jahrhunderte alten Olivenplantagen von Akbelen und İkizköy der schmutzigsten Form der Energiegewinnung zum Opfer fallen werden.

Windkraft im Hintertreffen

Dabei stehen auf vielen Hügeln an der Ägäisküste bereits Windräder, deren Anzahl noch beträchtlich ausgebaut werden könnte, um saubere Energie zu weit weniger hohen Kosten zu liefern, als es die alten Braunkohlekraftwerke in Milas, Ören und Yatağan können. Doch die drei Kraftwerke gehören zu zwei der größten Industrieholdings der Türkei, Limak und IC Holding, die beide seit vielen Jahren zum bevorzugten Kreis des Präsidenten gehören, wenn es um Großaufträge und Subventionen geht.

Alle drei Kraftwerke haben lukrative Verträge mit dem Staat, die ihnen noch etliche Jahre Gewinne versprechen. Bei der Stromgewinnung in der Türkei nimmt der Prozentsatz der erneuerbaren Energien zwar stetig zu, aber dennoch will die Regierung auf Kohlekraftwerke nicht verzichten und plant dazu den Ausbau der Atomenergie. Das erste AKW an der Mittelmeerküste bei Mersin, das von den Russen gebaut wird, soll im nächsten Jahr mit einem ersten Block ans Netz gehen, zwei weitere AKWs am Schwarzen Meer sind in Planung. Mit den AKW und auch dem neuen Minengesetz will die Regierung die einheimische Energieerzeugung ankurbeln, um die Abhängigkeit von Öl- und Gasimporten zu reduzieren.

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