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SozialstaatsberichtChance auf eine gute Reform

Hannes Koch

Kommentar von

Hannes Koch

Der Kommissionsbericht enthält gute Ansätze und könnte den Kürzungsfans der Union das Wasser abgraben. Doch die Umsetzung dürfte schwierig werden.

Soziale Errungenschaften erhalten: eine positive Haltung spricht aus dem Sozialstaatsbericht, der am Dienstag vorgestellt wurde Foto: Florian Gärtner/photothek/imago

E ine grundsätzlich positive Haltung zur sozialen Sicherung spricht aus dem Bericht, der am Dienstag präsentiert wurde. Der Kommission zur Reform des Sozialstaats geht es darum, die Leistungen effektiver und die Verfahren einfacher zu gestalten. Damit setzt sie einen konstruktiven Kontrapunkt zur Kürzungspolitik der Union, in deren Augen der Sozialstaat zu teuer und Emp­fän­ge­r:in­nen zu faul seien.

Zentrale Ideen, die die Kommission aus Bundesministerien, Ländern, Verbänden und Par­tei­ex­per­t:in­nen erarbeitet hat, erscheinen sinnvoll. Wenn man Grundsicherung, Kinderzuschlag und Wohngeld zusammenfasst, könnten die Leistungen transparenter werden, ohne dass das Sicherungsniveau sinkt.

Unter Umständen behielten viele Leute einen größeren Teil ihres selbst erwirtschafteten Arbeitseinkommens, ohne dass dieses mit den Leistungen verrechnet würde. Damit stiege der Anreiz, sich aus den Zuschüssen herauszuarbeiten. Dieses Ziel sollten die Sozialgesetze nicht mit widersprüchlichen und hinderlichen Regeln durchkreuzen. Auch das vorgeschlagene einfache Serviceportal als Zugang von außen würde das Leben einfacher machen – der Antragsteller:innen, aber auch der Beschäftigten in den Behörden.

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Ein guter erster Schritt also – und er hat nur wenige Monate gebraucht. Doch die Umsetzung dürfte sich schwieriger gestalten. Denn entstanden ist der Bericht unter der Ägide der sozialdemokratischen Arbeitsministerin Bärbel Bas. Nun gerät er wahrscheinlich in die Auseinandersetzungen der Koalitionspolitik. Dabei können sich die ursprünglichen Vorschläge in die eine oder andere Richtung verschieben. Sie bieten auch Andockpunkte für die Kürzung von Sozialleistungen.

Wenn es tatsächlich innerhalb dieser Wahlperiode zu einer großen Reform käme, die die Ideen der Kommission noch erkennen lässt, wäre das vorteilhaft. Ein solches Ergebnis könnten die Parteien der Mitte als Argument dafür nutzen, dass die Demokratie in der Lage ist, auch Lösungen für schwierige Probleme zu liefern.

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Hannes Koch
Freier Autor
Geboren 1961, ist selbstständiger Wirtschaftskorrespondent in Berlin. Er schreibt über nationale und internationale Wirtschafts- und Finanzpolitik. 2020 veröffentlichte er zusammen mit KollegInnen das illustrierte Lexikon „101 x Wirtschaft. Alles was wichtig ist“. 2007 erschien sein Buch „Soziale Kapitalisten“, das sich mit der gesellschaftlichen Verantwortung von Unternehmen beschäftigt. Bis 2007 arbeitete Hannes Koch unter anderem als Parlamentskorrespondent bei der taz.
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1 Kommentar

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  • Die Gesamtkosten unserer sozialen Sicherungssysteme setzen sich etwa zur Hälfte aus Kosten für die Administration, sinnfreien MAE-Maßnahmen und tatsächlichen Transferzahlungen zusammen.



    Hier hätte es ein enormes Einsparpotenzial gegeben.



    Wir verschwenden Unsummen für Menschen, die aufgrund ihrer psychosozialen Situation nicht in den Arbeitsmarkt zu integrieren sind. Koste es, was es wolle.



    Die Mehrheit der Leistungsbezieher erhält keine echte Hilfe, sondern völlig sinnfreien und unfairen Druck.



    Daran wird sich auch nach der Reform nichts ändern.