piwik no script img

ICE-Chef Gregory BovinoDer eiskalte Menschenjäger

Grenzschutzkommandant Gregory Bovino präsentiert sich als gepanzert. Neben der Machtdemonstration vermittelt sein Auftreten psychosexuelles Cosplay.

Eiskalt: ICE-Chef Gregory Bovino steht am 16. Januar 2026 vor dem Bishop Henry Whipple Federal Building in Minneapolis, Minnesota Foto: Benjamin Hanson/Middle East Images/picture alliance

Jede Diktatur – ob wir sie „faschistisch“ nennen oder nicht – entwickelt bestimmte Formen des organisierten Terrors. Kein Diktator kann herrschen ohne eine männerbündische, paramilitärische und rechtsfreie Organisation zur öffentlichen, ja performativen Ausübung von Gewalt.

Die „Aufgaben“ solcher terroristischer Paramilitärs sind neben denen einer politischen (oder auch „religiösen“) Polizeigewalt eine unentwegte Menschenjagd, die Ermordung von realen oder auch nur eingebildeten „Verrätern“ und die Bewachung des Diktatorpalasts als seine Privatarmee. Ganz allgemein allerdings geht es um die Verbreitung von Furcht und Schrecken. Eine Diktatur pflegt die Energien von Wahn und Kriminalität in einer Gesellschaft in ihren eigenen Dienst zu stellen.

Jede dieser Terrororganisationen der Diktatur hat zwei feindliche Körper, nämlich zum einen alle Gegner des Regimes – das „harte“ Feindbild – und zum anderen eine auf den ersten Blick willkürliche Gruppe, der eine Art der toxischen Wirkung unterstellt wird: die Juden, die Ungläubigen, die Migranten – das „weiche“ Feindbild. Wenn man sich die Opfer der ICE-Aktionen ansieht, so entsprechen sie einem „weichen“ Feindbild. Es sind Kinder, es sind Frauen, es sind Menschen, die eher durch ängstliches als durch aggressives Verhalten auffallen.

Man kann wohl vermuten: Die männerbündischen Bluthunde haben es gerade auf schwache Opfer abgesehen. Ihre Gewalt ist willkürlich, aber ihre Opfer sind keineswegs zufällig nicht etwa Drogengangster oder Widerstandskämpfer, sondern zivile, friedliche und arglose Mitmenschen.

Narzissmus und Autoritarismus

An der Spitze solcher Organisationen stehen Charaktere, die in unterschiedlichen Mischungen bestimmte Eigenschaften aufweisen: Sadismus, Paranoia, Narzissmus und Autoritarismus. Man kann sie zunächst als „Bluthunde“ betrachten; die Jagd auf Menschen ist ihrem Wesen so eingeschrieben wie die Herrschaft über ihr Rudel. Ihr eigener Körper ist das Material einer narzisstischen Selbstinszenierung: schmerzfrei, kalt, gepanzert, mitleidlos. Ihr Auftreten freilich hat immer neben der Machtdemonstration auch Aspekte eines psychosexuellen Cosplay.

Gregory Bovino, der bis vor Kurzem sowohl die Grenzschutzbehörde Border Control als auch die Einwanderungs- und Zollbehörde ICE befehligte, ist ein Muster dieses Typus. Er hat eine Karriere hingelegt, die man nur im Schatten eines Diktators zuwege bringt. Seit 1996 ist er bei der Grenzbehörde; wurde unter der Trump-Administration I zum Assistant Chief der Border Patrol in Yuma, Arizona, und brachte es bei Trump II rasch in den inneren Kreis der MAGA-Bewegung zur „Massenabschiebung“.

Im Juni 2025 führte er die Operationen von der ICE in Los Angeles an, danach kommandierte er die Operation „Midway Blitz“ in Chicago, und dann stand seinem Aufstieg zum commander-at-large der Border Patrol nichts mehr im Weg, nicht obwohl, sondern gerade weil er dabei auch zu einem Schreckbild für das liberale und demokratische Amerika geworden war.

Entscheidend für diesen Aufstieg war wohl, dass er nicht nur der Leiter, sondern immer auch das „Gesicht“ dieser Aktionen war. Ein Medienstar, dem es sogar half, von vielen als idealer Schurkendarsteller angesehen zu werden. Und dieses Gesicht veränderte sich von Einsatz zu Einsatz, von einem patriotisch-pragmatischen Professional, der „nur seinen Job macht“, zu einem comicartigen Minidiktator im Nazichic-Gewand.

Von Grenzen besessen

Aus einer reichlich zerrütteten italoamerikanischen Familie stammend, zeigte sich Gregory Bovino von Kindheit an von Grenzen und Bewachungen besessen und wollte eigenen Angaben zufolge nie etwas anderes werden als einer von den Kerlen, die die Grenze der USA bewachen und gegen den „Abschaum“ verteidigen, der da unentwegt von außen hereinzuströmen drohte. Er entwickelte schließlich eine Operationstaktik der perfiden Fallenstellerei unter dem zynischen Namen „Return to Sender“, die in der Zeit von Joe Bidens Präsidentschaft als illegal erkannt wurde, und die ihn für die Trump-Administration umso nützlicher erscheinen ließ.

Bovino liebt es, aufzutreten wie ein SS-Mann in einem Trashfilm: Der Mantel, den er sich umgehängt hat, ist eine Variation des deutschen Wehrmachtsmantels M40. (Bei Gelegenheit könnte man über die Rolle des Mantels bei diktatorischen Männern nachdenken, bei Josef Stalin wie bei Donald Trump.) Unter diesem feldgrünen Mantel ist Bovino in der Regel olivgrün oder auch schon einmal schwarz gekleidet, und schwarz vermummt sind auch die Männer, die ihn stets wie eine persönliche Leibgarde umgeben. Als einziger ist bei solchen – offenbar extrem genussreichen – Auftritten sein Schädel entblößt. Er hält ihn offensichtlich für ein besonderes Zeichen seiner Überlegenheit.

Der Mantel geht bis an die Knöchel und ist eng genug geschnitten, dass er nach der Öffnung verlangt und auch einmal etwas „wehen“ darf. Darunter sehen wir das gestärkte Uniformhemd mit der straffen, schmalen schwarzen Krawatte. Stets ist er peinlich darauf bedacht, dass seine Männerentourage ihm zwar im Outfit ähnelt, nie aber die gleiche Anzahl von militärischer Semantik am Körper präsentiert. Man sieht in Bovinos Entourage niemals eine Frau und niemals eine Person of Color.

Wenn er seinen offensichtlich über alles geliebten Mantel nicht präsentieren darf, zeigt sich Gregory Bovino gern mit einem klassischen Schulterriemen mit blinkender Schnalle. Man hat Assoziationen zum Sam-Browne-Gürtel festgestellt, der seinen Namen von dem britischen General Samuel James Browne hat, der 1858 in Indien seinen linken Arm durch einen Säbelhieb verloren hatte und sich später mit dem Schulterriemen behalf, weil er vom Säbelziehen noch lange nicht genug hatte. Im vergangenen Jahrhundert wurde dieser Schulterriemen dann zum Teil des militärischen Glamours. Er muss keinen praktischen Sinn haben, er soll den Träger nur als unbeugsam zusammengehaltenen Kämpfer auszeichnen.

Eine Fantasie-Uniform

An seinem Vorbild gemessen trägt Bovino den obszön nutzlosen Schulterriemen übrigens auf der falschen Seite. Eine Deutung seiner Auftritte: Der Kerl ist in seine Nazichic-Inszenierung so verliebt, dass er nicht genug davon bekommen kann. Eine andere Deutung scheint tiefer reichend: Bovino inszeniert öffentlich die Verwandlung einer Behörde in eine paramilitärische, antikonstitutionelle und antidemokratische Organisation.

Dazu gehört, dass er sich und seine Leute zugleich militarisiert, aber von der offiziellen (konstitutionellen) Armee deutlich abgrenzt. Er hat für sich und seine Leute offensichtlich eine Art maskulinistischer Fantasieuniform entwickeln lassen, einschließlich dieser strengen, schmalen Krawatten, die nächste Assoziation zum Fascho-Chic.

Gregory Bovinos größtes Vergnügen ist es offensichtlich, mit seinen Männern auf „Patrouille“ durch die Straßen zu gehen. Es ist, als wolle man klarmachen: Es gibt da diesen mächtigen Mann im Weißen Haus in Washington, aber hier auf der Straße, da haben wir das Sagen. Das Zweitliebste von Gregory Bovino ist es, sich vor gekreuzten Fahnen in Pose zu stellen.

Das martialische Auftreten – Hyperbewaffnung und Vermummung etwa – gehört zur Inszenierung des männerbündischen Terrors wie das trumpistische, von Mussolini abgeschaute Vorrecken des Schädels bei „entschlossenem“ Senken der Mundwinkel.

Richtig gute Arbeit

Bovino gehört zu jenen MAGA-Charakteren, die auch öffentlich jenseits der Wirklichkeit in einer eigenen Erzählung leben. Als die Journalistin Dana Bash von CNN ihm die Videos von der Ermordung von Alex Pretti präsentiert, werden seine Augen starr und er wiederholt die nun offenkundige Lüge von Prettis Angriff. Ja, er behauptet: „Das war eine richtig gute Arbeit unserer Beamten“, womit er in seinem Sinne durchaus recht hat. Die Bluthundtruppe einer Diktatur muss dem Volk beweisen, dass sie über allem steht und nicht belangbar ist.

Das Verhältnis zwischen den Diktatoren und ihren Bluthunden ist stets prekär. Denn einerseits können die einen nicht ohne die anderen existieren, andrerseits müssen sie einander fürchten. Die Diktatoren müssen fürchten, dass die Bluthunde sie überleben, vielleicht sogar ermorden. Wir erinnern uns an das Schauspiel der Putin-Diktatur mit ihrer „Wagner-Truppe“.

Die Bluthunde aber müssen unter den Augen des Diktators ihre eigene Macht ausbauen, was mittlerweile vor allem auch durch eine wirtschaftliche Absicherung geschieht. Die iranischen Revolutionsgarden haben so viel wirtschaftliche Macht, durch legalen Besitz wie durch erpresserische Macht, dass sie den Sturz des Mullahregimes überleben, wenn nicht gar selbst herbeiführen könnten.

Nun also pfeift Donald Trump Gregory Bovino zurück. Der „Nachfolger“ von Bovino ist Tom Homan, der sich eines weniger glamourösen Auftretens bedient, in der Sache aber – der großen „Säuberung“ der USA und der militanten Abschottung gegen außen – mindestens so radikal ist. Auch bei ihm scheint schon die Semantik die Richtung vorzugeben. Er ist der „Border Czar“, der aus der Massenabschiebung die nationale Wiedergeburt verheißt. Aber das ist schon wieder ein anderes Kapitel in der Geschichte der US-amerikanischen Diktatur.

Gemeinsam für freie Presse

Als Genossenschaft gehören wir unseren Leser:innen. Und unser Journalismus ist nicht nur 100 % konzernfrei, sondern auch kostenfrei zugänglich. Alle Artikel stellen wir frei zur Verfügung, ohne Paywall. Gerade in diesen Zeiten müssen Einordnungen und Informationen allen zugänglich sein. Unsere Leser:innen müssen nichts bezahlen, wissen aber, dass kritischer, unabhängiger Journalismus nicht aus dem Nichts entsteht. Dafür sind wir sehr dankbar. Damit wir auch morgen noch unseren Journalismus machen können, brauchen wir mehr Unterstützung. Unser nächstes Ziel: 50.000 – und mit Ihrer Beteiligung können wir es schaffen. Setzen Sie ein Zeichen für die taz und für die Zukunft unseres Journalismus. Mit nur 5,- Euro sind Sie dabei! Jetzt unterstützen

Mehr zum Thema

0 Kommentare