Inklusion im Sport: Worte finden für das, was andere nicht sehen
Ob Fußball oder Holiday on Ice: Tomke Koop und Florian Eib sorgen dafür, dass blinde und sehbehinderte Menschen Events erleben und genießen können.
Florian Eib und Tomke Koop machen alles gemeinsam. Sie teilen sich die Wohnung, ihre Arbeit und auch die Musik.
Draußen: Das Paar lebt im südlichen Zentrum von Leipzig, direkt am Floßplatz, einer kleinen Grünfläche mit Bänken und einer Tischtennisplatte. Im Winter ist nicht viel los, im Sommer bevölkern Jugendliche von der Schule gegenüber und Angestellte in ihrer Mittagspause den Platz.
Drinnen: Koop und Eib haben ihre Wohnung spartanisch eingerichtet. Im Arbeitszimmer ein grünes Sofa, auf dem der Pudel Bo ruht. Ein Klavier, darüber eine Collage aus getrockneten Stiefmütterchen. Florian Eibs Arbeitsplatz im Nebenzimmer dient zugleich als Tonstudio und Abstellraum, dort werden Mikrofone, Kopfhörer, Funkgeräte und andere Technik gelagert. Ein Teil der Ausstattung befindet sich gerade noch in der Arena Leipzig, weil Koop und Eib dort mit einer Gruppe blinder und sehbehinderter Menschen bei „Holiday on Ice“ waren.
Sichtbares hörbar machen: Ob Eiskunstlaufshow, Turnmeisterschaft, Fußballspiel, Theater oder Ballett – große Sport- und Kulturveranstaltungen sind Tomke Koops und Florian Eibs Arbeitsfeld. 2019 gründete das Paar das Unternehmen HörMal, um solche Ereignisse für blinde und sehbehinderte Menschen zugänglich zu machen. Zudem beraten sie Veranstalter*innen zu Barrierefreiheit und Inklusion und bilden Sprecher*innen für Audiodeskription aus. Diese beschreiben dabei live das, was gerade zu sehen ist. Sichtbares hörbar machen ist das Ziel. Inzwischen begleitet HörMal deutschlandweit bis zu 100 Veranstaltungen im Jahr. Doch die Audiodeskription, sagt Koop, sei nur ein Teil des Jobs, „die Kirsche auf der Sahnetorte“.
Erlebnis: Bei einer Veranstaltung wie „Holiday on Ice“ sind Eib und Koop bereits Stunden vor Beginn mit ihrer Gruppe vor Ort, so ist es mit den Veranstalter*innen abgesprochen. Der Lichttechniker erklärt seine Abläufe. Die Besucher*innen dürfen die Kostüme anfassen. Anhand einer Holzpuppe, die sich verbiegen lässt, gehen sie gemeinsam die Pirouetten durch, die die Eiskünstler*innen später auf der Eisfläche zeigen werden. Dank eines Lego-Modells bekommen sie eine Idee davon, was sich wo in einer Szene befindet. „Wir versuchen, den Menschen immer etwas auf den Weg mitzugeben, damit der Abend für sie auch ein Erlebnis ist“, erklärt Eib.
Rundumservice: Es gibt auch viel drumherum zu organisieren. Für ihre Gäste sei es wichtig zu wissen, wie sie von der Haltestelle zum Veranstaltungsort kommen, wo sich die Toiletten befinden oder wo es etwas zu essen gibt, sagt Koop. Vieles, was für sehende Menschen selbstverständlich sei, sei es für ihre Gäste nicht. Koop und Eib bieten einen „Rundumservice“, wie sie es nennen. Zu dem gehört auch eine feste Ansprechperson.
Glücksgefühle: „Es ist nicht so, dass wir nach dem Absetzen der Kopfhörer Feierabend haben“, sagt Tomke Koop. Nach jeder Veranstaltung holen sie sich Feedback ein. Was hat gefehlt? Was war hilfreich? Oft melden sich die Gäste, um sich zu bedanken. „Das habt ihr toll gemacht, das war schön.“ Das löse bei ihr Glücksgefühle aus, erzählt sie. Was Florian Eib besonders mag? „Ich bin ein großer Freund davon, Menschen etwas in die Hand zu geben“, sagt er. Etwa einen Basketball oder Handball. Gewicht, Form, Sprungverhalten – all das mache begreifbar, wovon gesprochen wird.
Wörter finden: Auch die Suche nach den richtigen Wörtern für eine Audiodeskription mache ihm Spaß, sagt Eib. Durch die Arbeit bei HörMal habe er die deutsche Sprache neu lieben gelernt. Auch Tomke Koop betrachtet Wörter seit ihrer Arbeit für blinde und sehbehinderte Menschen anders. Beim Filmeschauen fragt sie sich: „Wie würde ich dies oder das beschreiben?“
Kotzen: Bei einem Theaterstück muss die Audiodeskription auch den Ton des Textes treffen. „Shakespeare ist etwas anderes als ein Kindertheaterstück“, sagt Florian Eib. „Wenn ein Stück vulgär ist, sagen wir nicht ‚sich übergeben‘, sondern ‚kotzen‘“, fügt Tomke Koop hinzu. Die echte Herausforderung liege darin, das Geschehen so schnell und präzise wie möglich zu beschreiben, sowohl für Zuhörer*innen, die später im Leben erblindet sind, als auch für blind Geborene.
Am Küchentisch: Routine und Erfahrung helfen dabei. Auch zusammen mit nicht sehenden Kolleg*innen und Ehrenamtlichen zu arbeiten ist wesentlich. Gemeinsam mit ihnen gehen Eib und Koop Texte durch, sie lassen sich von ihnen beraten und arbeiten mit ihnen Hand in Hand. Was die Arbeit zudem erleichtert? Lachend sagt Florian Eib: „Tomke und ich haben sehr kurze Arbeitswege.“ Am Küchentisch entstehen neue Ideen, planen sie die nächsten Schritte, diskutieren sie über Begriffe.
Nordlicht: „Hätte ich Flo nicht getroffen, wäre ich vielleicht nie zu meinem aktuellen Beruf gekommen“, sagt Tomke Koop. Medieninteressiert war sie schon immer, studierte jedoch Marketing. Die 32-Jährige stammt eigentlich aus Lübeck. „Ich bin Nordlicht im Herzen.“ Das berühmte Lübecker Marzipan, die historische Altstadt, die Nähe zum Meer, all das mag sie. Nur der Liebe wegen verließ sie 2020 ihren Heimatort, um in Leipzig zu wohnen. Kennengelernt hatten sich Tomke Koop und Florian Eib aber bereits 2017, drei Jahre lang führten sie eine Fernbeziehung. Inzwischen fühle sich Koop in Leipzig zu Hause, sagt sie. Und die Arbeit gefalle ihr sowieso.
Sportbegeisterung: Florian Eib wurde in Erfurt geboren. 2010 zog er zum Studium nach Leipzig. Als Sprach- und Sprechwissenschaftler sowie als Radiojournalist ist der 35-Jährige gewohnt, mit Wörtern zu arbeiten. Zum Thema Barrierefreiheit für blinde und sehbehinderte Menschen kam er, als er Zeitungsartikel vorlas. „Damals haben das noch Menschen gemacht, keine KIs.“ Er war schon immer sportbegeistert und fand seinen Weg zu Audiodeskriptionen bei Sportveranstaltungen. „Als der RB Leipzig 2014 in die Zweite Bundesliga aufstieg und rund 20.000 Zuschauer kamen, wurde klar, dass nicht sehende Fans Unterstützung brauchten“, erzählt er. „Wir gingen durchs Stadion, sprachen gezielt Menschen an, die einen Stock oder drei Punkte hatten.“
Blindenfußball-EM: Zu Beginn kam nur ein nicht sehender Gast zu den Spielen. Bald waren es zwanzig. Im Gespräch mit ihnen merkte Florian Eib: Abgesehen vom Fußball hatten sie kaum Zugang zu Sportevents. „Wenn es mit Fußball klappt, warum nicht auch mit anderen Sportarten?“, dachte er. Handball und Basketball kamen hinzu, später Volleyball und Leichtathletik. 2017 fand die Blindenfußball-Europameisterschaft in Berlin statt. Da war auch Tomke Koop das erste Mal dabei. Die beiden hatten sich ein paar Monate zuvor kennengelernt, die Europameisterschaft war so etwas wie ihr zweites Date.
Das erste Date: Es passierte im Sommer jenen Jahres. Während Florian Eib mit seinem Bruder und der gemeinsamen Singer-Songwriter-Band Strandheizung durch Norddeutschland tourte, arbeitete Koop in der Sparkasse in Lübeck. Ein Radiomoderator schlug vor, in der Filiale ein Studio aufzubauen und ein Strandheizung-Konzert mit zu organisieren, um ein junges Publikum anzusprechen. Tomke Koop war für die Organisation zuständig. „Ich hatte das Gefühl, der Moderator wollte uns verkuppeln“, erzählt sie. Anfangs sei sie nicht interessiert gewesen. „Aber dann haben wir doch Nummern ausgetauscht. Ich habe ihn auf dem Weg zum Bus auf ein Eis eingeladen – und dann ging alles sehr schnell.“ Inzwischen ist sie sogar Teil der Band, spielt Piano und Gitarre.
Highlights: Ist das nicht zu viel – zusammen wohnen, arbeiten und in der Freizeit auch noch in einer Band spielen? Für Tomke Koop ist die Antwort eindeutig: „Nein.“ Im Gegenteil, sagt sie. „Während andere Paare beim gemeinsamen Fernsehen erzählen, welche langweilige Büromeetings sie hatten, erleben wir unsere Highlights zusammen.“
Teilhaben: Beide finden ihren Job nicht nur spannend, sondern auch sinnvoll. „Wenn Menschen nicht vom kulturellen Leben ausgeschlossen sind, wenn sie mitmachen dürfen und können, steigert das ihre Lebensqualität“, sagt Tomke Koop und Florian Eib nickt. Barrierefreiheit sei nur eine von vielen Möglichkeiten, sich politisch zu engagieren, sagt Koop. „Ich bin glücklich, etwas beitragen zu können, und das mit der Person, mit der ich mein Leben teilen möchte. Was kann ich mir mehr wünschen?“
Gemeinsam für freie Presse
Als Genossenschaft gehören wir unseren Leser:innen. Und unser Journalismus ist nicht nur 100 % konzernfrei, sondern auch kostenfrei zugänglich. Alle Artikel stellen wir frei zur Verfügung, ohne Paywall. Gerade in diesen Zeiten müssen Einordnungen und Informationen allen zugänglich sein. Unsere Leser:innen müssen nichts bezahlen, wissen aber, dass kritischer, unabhängiger Journalismus nicht aus dem Nichts entsteht. Dafür sind wir sehr dankbar. Damit wir auch morgen noch unseren Journalismus machen können, brauchen wir mehr Unterstützung. Unser nächstes Ziel: 50.000 – und mit Ihrer Beteiligung können wir es schaffen. Setzen Sie ein Zeichen für die taz und für die Zukunft unseres Journalismus. Mit nur 5,- Euro sind Sie dabei! Jetzt unterstützen
meistkommentiert