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Neuer Krieg in Südsudan„Verschont niemanden!“, ruft der General

Aus Südsudans Hauptstadt Juba fliehen Menschen. Truppen von Präsident Salva Kiir und seinem entmachteten Vize Riek Machar machen gegeneinander mobil.

Seine Milizen wollen auf Juba marschieren, um ihn zu befreien: Südsudans Vizepräsident Riek Machar vor Gericht, 1. Oktober 2025 Foto: Lino Ginaba/AA/imago
Simone Schlindwein

Aus Kampala

Simone Schlindwein

„Verschont niemanden!“, ruft General Johnson Olony: „Weder die Alten, noch die Kinder oder die Hühner – kein einziges Haus soll stehen bleiben!“ Seine Soldaten jubeln und klatschen.

Diese Rede hielt Südsudans Vizearmeechef am Montag nahe der Stadt Bor, bevor er seine Truppen im südsudanesischen Bundesstaat Jonglei in den Kampf schickte. „Unsere Probleme beginnen immer von dort!“, erklärt er: „Ich werde das jetzt ein für alle Mal beenden.“

Die Zeichen stehen wieder auf Krieg in Südsudan. Der jüngste Staat der Welt ist seit der Unabhängigkeit 2011 nie zur Ruhe gekommen, der ewige Machtkampf zwischen den mächtigsten Politikern des Landes geht jetzt in eine neue Runde.

Am Mittwochmorgen herrschte „Panikstimmung“ in der Hauptstadt Juba, berichtet Edmond Yakani, Menschenrechtsaktivist und Geschäftsführer der Organisation Cepa (Community Empowerment for Progress), der taz am Telefon. „Ich glaube, ein neuer Krieg hat bereits begonnen und dies ist erst der Anfang“, sagt er und klingt etwas abgehetzt. „Die Menschen in Juba packen ihre Sachen und fliehen, die Kinder gehen nicht mehr in die Schule. Es kann sein, dass wir alle in Juba bald nicht mehr sicher sind.“

Machtkampf seit der Unabhängigkeit

Hintergrund ist der Machtkampf zwischen Staatspräsident Salva Kiir und seinem langjährigen Rivalen und Vizepräsident Riek Machar. Salva Kiir von der Volksgruppe der Dinka führte Südsudan an der Spitze der einstigen Befreiungsarmee SPLA (Sudanesische Volksbefreiungsarmee) 2011 in die Unabhängigkeit, sein mächtiger Rivale Riek Machar von der Volksgruppe der Nuer wurde Vizepräsident. 2013 beschuldigte Kiir seinen Vize, einen Putsch zu planen, und setzte ihn unter Hausarrest.

Daraufhin begannen Kämpfe zwischen Fraktionen der Armee. Machars Truppen desertierten und formierten die Rebellenorganisation SPLA-IO (SPLA in Opposition). Ein Friedensabkommen setzte Riek Machar 2020 wieder als Vizepräsidenten ein – aber im Krieg waren bis zu 400.000 Menschen gestorben, über 4 Millionen wurden vertrieben.

Jetzt geht es erneut los. In den vergangenen Wochen haben Machars Rebellen im Bundesstaat Jonglei nordöstlich der Hauptstadt Juba weite Gebiete erobert. Die jüngsten Gefechte tobten in den vergangenen Tagen rund um Jongleis Provinzhauptstadt Bor, flussabwärts von Juba am Nil.

„Ich gebe Ihnen sieben Tage Zeit“

Die SPLA-IO drohte vergangene Woche, in Richtung Juba zu marschieren, um Riek Machar zu befreien. Denn der sitzt seit März 2025 in Hausarrest. Im September wurde er angeklagt des Mordes, Landesverrats und der Verbrechen gegen die Menschlichkeit. Die Justiz wirft ihm vor, er sei verantwortlich für die Verbrechen der von ihm kontrollierten Nuer-Miliz „Weiße Armee“, die im März einen Armeeposten in Nasir, im Nordosten des Landes, angegriffen hatte. Dabei waren rund 250 Soldaten und ein General ums Leben gekommen.

Am Mittwoch wurde der Prozess gegen Machar in Juba fortgesetzt – und vertagt, nachdem die Erkrankung eines Technikers die Videoinstallationen lahmlegte. Die SPLA-IO forderte im Vorfeld erneut Machars Freilassung und drohte damit, ihn sonst mit Gewalt zu befreien.

Als Reaktion entsandte Südsudans Armeechef General Paul Nang Majok in den vergangenen Tagen Verstärkung nach Bor – mit einer klaren Ansage: „Ich gebe Ihnen sieben Tage Zeit, um die Mission zu vollenden – den Aufstand in diesen Gebieten niederzuschlagen und sie zurückzuerobern.“ Die Bevölkerung solle die umkämpften Gebiete verlassen. Rund 230.000 Menschen sind nach UN-Angaben derzeit in Jonglei auf der Flucht.

„Die Zivilbevölkerung befindet sich zwischen den Fronten“, beschreibt Menschenrechtsaktivist Yakani die Lage. Teile des Bundesstaates sind aufgrund starker Regenfälle überflutet, die Bevölkerung dort überlebt ohnehin nur durch internationale Lebensmittellieferungen. Somit, so Yakani, sei es „extrem schwierig, irgendwohin zu fliehen“. Es bestehe das Risiko, dass die Kriegsparteien „Hunger als Kriegswaffe einsetzten“.

Führungslose, aber effektive Opposition

Bor ist eine strategisch wichtige Stadt. Bereits zu Beginn des letzten Kriegs 2013 hatten die Rebellen unter Führung von Machar Jonglei erobert und waren von Bor aus auf Juba vorgerückt. Auf den ersten Blick wirkt es derzeit, als würde sich die Vergangenheit wiederholen. „Doch es gibt Unterschiede zu der vergangenen Konfliktkonstellation“, erläutert Daniel Akech, Südsudan-Analyst der International Crisis Group. Der Südsudanese spricht von Kenias Hauptstadt Nairobi aus per Telefon mit der taz.

Machar, unter Hausarrest, könne derzeit nicht mit seinen Anhängern kommunizieren und Befehle geben, erläutert er. „Dennoch ist diese führungslose Opposition sehr effektiv im Kampf gegen die Regierung“, so Akech. Unter dem Label der SPLA-IO hätten sich in den vergangenen Wochen „zahlreiche kleinere Milizen und bewaffnete Gruppen, die einst sogar gegen Machar waren, gegen einen gemeinsamen Feind zusammengetan“, so Akech:

„Sie nutzen das Symbol und den Einfluss von Machar, um sich zu mobilisieren und zu kämpfen, ohne dass er selbst Befehle erteilt. Das macht es extrem schwierig, den richtigen Ansprechpartner zu finden. Daher wird es unter diesen Umständen viel schwieriger sein, einen Waffenstillstand auszuhandeln.“

Keine Wahlen und kein Geld

Das letzte Friedensabkommen zwischen Salva Kiir und Riek Machar im Jahr 2018 hatte vorgesehen, dass die beiden erneut die Macht teilen und Posten in Regierung und Armee mit Vertretern beider Seiten besetzen. Für Ende 2024 waren Wahlen angedacht. Doch aufgrund fehlender finanzieller Mittel hat Kiir die Wahltermine mehrfach verschoben, zuletzt auf Dezember 2026. Machar und seine Anhänger warfen daraufhin dem 73-jährigen Präsidenten vor, er wolle mit allen Mitteln an der Macht bleiben.

Daraufhin wurden Machar verhaftet und zahlreiche seiner Vertreter aus der Regierung entlassen. Vergangene Woche wurde Machars Frau Angelina Teny, die zuletzt als Innenministerin fungierte, ihres Postens enthoben.

Südsudans Staatsbudget hängt fast ausschließlich an den Einnahmen aus dem Ölexport. Das Öl gelangt jedoch über eine Pipeline via Sudan auf den Weltmarkt. Seit 2023 herrscht Krieg in Sudan, die Ölexporte waren zeitweise unterbunden – derzeit gelangen lediglich 30 Prozent des Öls auf den Weltmarkt.

Dadurch entstanden enorme Lücken im Staatshaushalt, Löhne für Beamte und Soldaten können seit Jahren kaum ausgezahlt werden. Damit fehlt nun der Kitt, „der das alles zusammenhielt“, so Akech. Konflikte seien bislang dadurch beigelegt worden, „dass man ein Abkommen mit den Eliten schloss, diese in Juba zusammenbrachte und sie dann üblicherweise an die Öleinnahmen band“, die sie gemeinsam verwalteten, erklärt der Analyst.

Als das Geld versiegte, führte Präsident Kiir „eine Reihe von Säuberungen“ durch, um die reduzierten Mittel zu monopolisieren: „Damit zerbrach dann das Machtteilungs- und Sicherheitsabkommen.“ Der Präsident entließ im November sogar seinen loyalen Zweiten Vizepräsidenten und die Chefs der Zentralbank und der Steuerbehörde.

Angst vor einem Genozid

Um eine Lösung zu suchen, kamen vergangene Woche zahlreiche Organisationen der Zivilgesellschaft und Gemeindevertreter verschiedener Gemeinden sowie Menschenrechtsanwälte aus den betroffenen Gebieten zu einem Online-Meeting zusammen. „Menschen rennen um ihr Leben. Familien wurden auseinandergerissen, Häuser zerstört und Kinder werden zum Kämpfen gezwungen. Das Leid unseres Volkes nimmt täglich zu“, hieß es in der Abschusserklärung ihres Treffens.

Sie forderten Präsident Kiir auf, eine Feuerpause auszuhandeln. „Eine sofortige Einstellung der Kämpfe wird Leben retten, Vertriebenen den Zugang zu humanitärer Hilfe ermöglichen und Südsudan die Chance geben, sich in Richtung Frieden zu bewegen.“

Menschenrechtsaktivist Yakani war dabei. Er fürchtet einen „Genozid“, wie er sagt. Die hetzerischen Befehle von Vize-Armeechef Johnson Olony würden die Grundlage legen für „weitläufige Verbrechen gegen die Menschlichkeit“.

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