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ZukunftsmarktDeutsche Rüstungsunternehmen setzen auf Drohnentechnik

Die Bundeswehr möchte ihre unbemannten Systeme stärken. Ethische Fragen könnten angesichts der russischen Aggression zurückgestellt werden, heißt es.

Das Militär will mehr Drohnen – wie diese des Start-Ups Quantum Systems Foto: Peter Kneffel/dpa
Cem-Odos Gueler

Aus Berlin

Cem-Odos Gueler

Es ist ein unscheinbarer Koffer, den die Firma Liebherr auf der prominent besuchten Leistungsschau von Rüstungsunternehmen präsentiert. Nicht viel größer als ein Handgepäckstück, zwei Akkus passen hinein. Es ist eine Ladestation für Drohnen des bayrischen Rüstungs-Startups Quantum Systems. Über das Ladegerät kann die Aufklärungsdrohne des Typs „Vektor“, die auch in der Ukraine zum Einsatz kommt, mobil mit Strom versorgt werden.

Die Messe und eine dazugehörige Konferenz hat der Verband der Luft- und Raumfahrtindustrie (BDLI) Ende Januar ausgerichtet. Ziel: Unternehmensvertretern die Gelegenheit zu geben, Bundeswehrangehörige und vor allem Politiker zu treffen. Der Andrang ist groß.

Die Liebherr-Firmengruppe arbeitet schon lange in dem breiten Spektrum zwischen ziviler Industrie und Rüstungsherstellung. Liebherr-Aerospace mit Sitz bei Lindau ist auf Fahrwerke und Steuerungstechnik spezialisiert und liefert zentrale Bauteile etwa für die zivile Kurzstreckenmaschine A320 von Airbus – aber auch für das Kampfflugzeug Eurofighter-Typhoon.

Ein neues Betätigungsfeld der Firma sind elektronische Fertigungssysteme, mit denen Liebherr Auftragsarbeiten für andere Unternehmen herstellt. Neben dem Ladekoffer baute Liebherr nach den Plänen von Quantum Systems auch Teile für die elementare Steuerung der „Vektor“-Drohne. In Berlin stellt Liebherr auch eine kleine Halbleiterplatine aus, die als das Flugkontroll-System des unbemannten Systems bezeichnet wird.

Wir eiern immer noch um ethische Debatten herum, doch wir werden bedroht durch Putins System, das keine ethischen Debatten führt.

Thomas Röwekamp, CDU

Auch die zivile Industrie interessiert sich

Aber es sind längst nicht nur Vertreter der Rüstungsfirmen, die auf dem Empfang bei Zanderfilet, Rinderschulter und grünen Smoothies miteinander und mit Politikern ins Gespräch kommen. Unter den Gästen befinden sich etwa auch Mitarbeiter des deutschen Halbleiterherstellers Infineon.

Ebenfalls gekommen sind Vertreter einer Firma für Industriebauten oder von Ingenieurdienstleistern. Manche hier geben unumwunden zu, dass die Teilnahme an einer Rüstungsmesse vor Russlands Angriff gegen die Ukraine für sie undenkbar gewesen wäre. „Wir hätten ehrlich gesagt mit 100 Gästen gerechnet, jetzt sind wir bei 250“, sagt BDLI-Geschäftsführerin Marie-Christine von Hahn freudig zur Begrüßung.

Im Fokus: Dual Use

Den Ton für die Debatte setzt der Vorsitzende des Verteidigungsausschusses im Bundestag, Thomas Röwekamp, in seiner Ansprache. „In Deutschland gibt es viele zivile Sachen, die wir militärisch nutzbar machen können“, sagt der CDU-Politiker. „Wir eiern immer noch um ethische Debatten herum, doch wir werden bedroht durch Putins System, das keine ethischen Debatten führt.“

Es gehe darum, die Produktionskapazitäten in Deutschland militärisch nutzbar zu machen. „Es ist nicht so, dass wir viel Geld haben, aber wir können über viel Geld verfügen“, sagt er in Anspielung auf die Ausnahme von der Schuldenbremse, die seit nicht ganz einem Jahr für Verteidigungsausgaben gilt. Um mehr Tempo bei Rüstungsprojekten zu schaffen, habe das Parlament gerade erst ein Planungsbeschleunigungsgesetz verabschiedet. Nun gehe es darum zu analysieren, welche Angebote im Markt bereits verfügbar seien – auch im zivilen Bereich.

In eine ähnliche Richtung argumentiert auch der stellvertretende Leiter des Planungsamts der Bundeswehr, Matthias Damm. Dass die finanzielle Grundlage in Deutschland nun stehe, sei gut, sagt er. Hoch oben auf der Wunschliste der Bundeswehr stehe Loitering Muniton. Diese umgangssprachlich als „Kamikazedrohnen“ bekannten Waffen können in der Luft verharren, bis sich ein Ziel bietet, und dieses erst dann auslöschen – wobei sie meist selbst zerstört werden.

Hunderte Millionen für Kamikaze-Drohnen

70 bis 90 Prozent der Verluste in der Ukraine gingen auf das Konto unbemannter Systeme, sagt Damm. „Loitering Munition sind ein Verbrauchsgut.“ Die Bundeswehr brauche davon keine Unmengen, die in den Depots auf ihre Verwendung warteten.

Dennoch sieht es so aus, als sei bereits eine Vorentscheidung über zwei Systeme getroffen, die auch die Bundeswehr künftig beschaffen will. Übereinstimmenden Medienberichten zufolge möchte das deutsche Militär für mehrere hundert Millionen Euro Kamikazedrohnen von den zwei deutschen Startups Helsing und Stark kaufen. Der Rüstungsgigant Rheinmetall, der sich auch auf den Zuschlag beworben hatte, könnte demnach leer ausgehen. Noch muss der Bundestag im Haushaltsausschuss den Kauf besiegeln.

Die Drohnenhersteller Helsing und Quantum Systems werben für mehr Flexibilität – also anpassungsfähigere Systeme, aber auch weniger Regulierung und „Bürokratie“. Als Vorbild nennt Simon Pfeiffer, Progammmanager bei Helsing, die Ukraine, wo die Zyklen für Innovationen in der Drohnentechnik extrem kurz seien.

Die Ukraine als Testfeld

Die Welt zitiert in einem aktuellen Bericht einen ukrainischen Soldaten, der angibt, für Helsing auf dem Schlachtfeld „die Drecksarbeit“ gemacht zu machen. Der Einsatz der Kamikazedrohne des Typs HF-1 sei ein „Fiasko“ gewesen, weil die Drohnen nicht startfähig gewesen seien, oder direkt wieder abstürzten. In dem Bericht wird ein ukrainischer Luftwaffen-Offizier mit den Worten zu Helsing zitiert: „Wenig geleistet, aber hervorragendes Marketing.“ Helsing dementiert in dem Artikel die Vorwürfe und verweist darauf, dass klar gewesen sei, „dass bei diesem damals insgesamt neuen Produkttyp Iteration im Einsatz stattfinden würde“.

Ausgerechnet die Vertreter der traditionellen Rüstungsunternehmen argumentieren in Berlin aber gegen eine Flexibilisierung bei den neuartigen Waffen. Die Ukraine nehme in ihrem Drohnenbau auch tödliches Risiko für die eigenen Soldaten in Kauf, sagt der Vertriebsleiter des Lenkflugkörperherstelles MBDA in Deutschland, Guido Brendler. Mehrmals fällt der Vergleich, dass grenzenlose Innovation in Deutschland nicht bedeute, dass Handgranaten auf Baumarktdrohnen montiert würden, wie es zum Teil in der Ukraine unter „hohem Eigenblutzoll“ der Fall sei.

Wie sehr die Ukraine zu einem Entwicklungs- und Testfeld für die deutsche Waffenproduktion geworden ist, macht Quantum Systems deutlich, das über eine eigene Produktionslinie im Land verfügt – eingeweiht 2024 im Beisein des damaligen Wirtschaftsministers Robert Habeck (Grüne). Und das Unternehmen geht auch noch weiter und betreibt den Rückimport: Mit Quantum Frontline Industries hat das Unternehmen zuletzt eine industrielle Auslandsproduktion ukrainischer Drohnen in Deutschland angekündigt.

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