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Ausstellung zur Oder in BerlinDie Oder ist weiblich

Die Künstlerin Cecylia Malik hat mit den „Flussschwestern“ in Polen für Wirbel gesorgt. Nun wird ihr ökofeministischer Aktivismus in Berlin ausgestellt.

Die Flussschwestern bei ihrem Happening an der Oder Foto: Tomasz Kaczor
Uwe Rada

Aus Berlin

Uwe Rada

Mit weiten, wehenden Röcken zelebrieren die Tänzerinnen die Rückkehr des Wassers. Blau sind die meisten Röcke, so blau wie die Oder, die nahe dem Kloster Leubus 600 Hektar an zusätzlicher Überschwemmungsfläche bekommen hat. Zuvor war ein Deich entfernt worden. Ein „schönes und optimistisches Beispiel für die Befreiung eines Flusses“, nennt das die Künstlerin und Aktivistin Cecylia Malik.

Malik hat mit den von ihr gegründeten „Flussschwestern – Siostry rzeki“ für viel Wirbel in Polen gesorgt. Zuletzt haben die Aktivistinnen, die Flüssen in Polen eine Stimme verleihen wollen, im Juni 2023 auch an der Grenzoder zwischen Polen und Deutschland gegen das massenhafte Fischsterben demonstriert. Zuvor waren sie in Leubus beim Weltflusstag mit dem Happening „Skirts celebrating the Rising Waters“ in Erscheinung getreten. Ihre Parole: „Przestrzeń rzekom“ – „Gebt den Flüssen mehr Raum“.

Einige dieser Röcke sind nun in der Galerie des Polnischen Instituts in der Burgstraße am Hackeschen Markt zu sehen. „Kunst kann Wirklichkeiten beeinflussen“, sagt Marta Smolińska. „Deshalb habe ich Cecylia Malik mit ihren Arbeiten nach Berlin geholt.“

Smolińska lehrt als Kunsthistorikerin an der Universität der Künste in Posen und hat für das Polnische Institut die Ausstellung „Puls der Oder“ kuratiert. Gezeigt wird darin auch Maliks Filmdokumentation „Lasst den Flüssen Raum, den Menschen Sicherheit“ über den Weltflusstag und ihre Performance beim Kloster Leubus. Zu Wort kommt darin auch Piotr Nieznański vom WWF Polen. Für Smolińska ein Hinweis darauf, dass Ökologie und Feminismus inzwischen ein „ökofeministisches“ Bündnis eingegangen sind.

Das Patriarchat hat Frauen und die Natur ausgebeutet

Marta Smolińska, Kuratorin

Ist die Oder weiblich? Bislang war sie, das betont auch Marta Smolińska, in der deutschen wie auch der polnischen Wahrnehmung vor allem ein Grenzfluss. „Aber es war nie die Oder, die diese Grenze gebildet hat“, betont die Kuratorin. „Zur Grenze haben sie alleine die Menschen gemacht.“

Und nicht nur das. Auch eingedeicht wurde die Oder im Lauf der Jahrhunderte, in ein Bett gedrängt, begradigt. Alleine die Trockenlegung des Oderbruchs, so Smolińska, habe den Lauf der Oder im 18. Jahrhundert um 200 Kilometer verkürzt. „Das Patriarchat hat Frauen und die Natur ausgebeutet“, sagt sie. Mit ihrer Ausstellung will sie nun zeigen, dass damit nicht das letzte Wort in der Geschichte des Flusses gesprochen ist.

Interessant sind in diesem Zusammenhang auch die Arbeiten des Fotografen und Künstlers Tom Kretschmer, die mit einer ganz anderen Bildsprache die Performances von Malik kontrastieren. In seinem Zyklus „Atrium Sacrum“ aus dem Jahre 2025 hat Kretschmer die Innenräume von Totholz in den Oderauen fotografisch kartiert.

Für Kretschmer ist Totholz „kein Ende, sondern Quelle neuen Lebens“. Atrium Sacrum, der heilige Vorhof, offenbare, wie das scheinbar Tote zur Brutstätte des Neuen werde. „Während wir leben, verfallen wir. Und im Verfall wird Neues geboren.“

Natürliche Flüsse fließen nie geradeaus. Ihre Windungen schaffen Artenvielfalt, Resilienz und Schönheit

Tom Kretschmer, Fotograf

Faszinierend ist eine Arbeit, die Kretschmer „Meander Vitae“ – „Windungen des Lebens“ nennt. Zu sehen ist eine Kamerafahrt an der Oberfläche des Wassers. „Knapp über der Wasseroberfläche entsteht eine immersive, fast surreale Reise aus Spiegelungen, organischen Formen und fließenden Schatten“, schreibt Kretschmer selbst über das Projekt. „Natürliche Flüsse fließen nie geradeaus. Ihre Windungen schaffen Artenvielfalt, Resilienz und Schönheit – doch wir haben sie begradigt, um Zeit und Geld zu sparen.“

Für Kuratorin Smolińska ist diese Arbeit auch eine Antwort auf die Frage: „Wie verhält sich Wasser, wenn man ihm die Freiheit lässt?“

Fragen wie diese zeigen, wie sich unser Bild von Flüssen verändert hat. Dass die Oder mehr ist als eine Grenze, wurde zwar schon bald nach dem Ende der Teilung Europas gesehen. Neue Erzählungen des Flusses tauchten auf: die Oder als Brücke zwischen Deutschland und Polen, ihr Einzugsgebiet ein narrativer Raum, in dem sich die Menschen ihre Geschichten erzählen, auch die von den dunklen Seiten der Geschichte.

Eine, die solche Erzählungen schon damals weitergesponnen hat, war die spätere Literaturnobelpreisträgerin Olga Tokarczuk. Geboren in Sulechów an der Oder, war der Fluss schon damals für sie voller Rätsel, ein Ort der unerwarteten Wendungen. Ökofeminismus ist wohl ein Begriff, der auch auf Tokarczuks späteres literarisches Schaffen ganz gut zutrifft.

Die Forderung der Flussschwestern: Gebt den Flüssen mehr Raum Foto: Piotr Dziurdzia

Was macht das Wasser, wenn es sich befreit? Vielleicht verhält es sich so wie die Ausstellung selbst: mäandernd, überraschend, unvorhersehbar. Zumindest Cecylia Malik wünscht sich das auch für die Zukunft der Oder. Unermüdlich fordert sie, darin auch unterstützt von Olga Tokarczuk, deshalb die „Rückgabe“ unerschlossener Auen an die Flüsse, um so das Risiko von Überschwemmungen zu minimieren.

Eine Botschaft, die leider noch nicht durchgedrungen ist, denn Kunst kann auch an der Wirklichkeit abprallen. Vor allem auf polnischer Seite wird die Oder durch die Ertüchtigung und den Neubau von Buhnen weiter eingehegt. Das ist der patriarchale Umgang mit der Natur, den Kuratorin Smolińska beklagt.

Die Oder selbst, das ist die Botschaft der Ausstellung, ist weiblich. Und sie wehrt sich. Zusammen mit den Flussschwestern. Ihnen mehr Raum zu geben: Im Polnischen Institut hat das geklappt.

Der Puls der Oder. Noch bis 27. Februar. Dienstag bis Donnerstag 13 bis 18 Uhr. Freitag 13 bis 17 Uhr. Burgstraße 27. 10179 Berlin

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