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Überlebende zum Holocaust-Gedenken„Seien Sie etwas strenger!“

Tova Friedman warnt im Bundestag vor zunehmendem Antisemitismus. Auch in Brandenburg an der Havel wird deutlich, dass Erinnern über Gedenktage hinausgeht.

Die Holocaust-Überlebende Tova Friedman spricht am Mittwoch bei der Holocaust-Gedenkstunde im Bundestag Foto: Elisa Schu/dpa

Aus Brandenburg An Der Havel

Klaus Hillenbrand

„Ich habe keine Brüder, keine Schwestern, keine Tante und keine Onkel“. So beginnt Tova Friedman am Mittwoch ihre Rede im Bundestag anlässlich des Holocaust-Gedenktags. Es ist zu einer Tradition geworden, dass das deutsche Parlament zum Jahrestag der Befreiung von Auschwitz im Jahr 1945 einen jüdischen Zeitzeugen oder doch den Nachkommen eines solchen zu einer Rede einlädt. 2026 ist dieser Ehrengast ein Kind und eine alte Dame zugleich. Tova Friedman überlebte Auschwitz als Fünfjährige. Heute ist sie 87 Jahre alt, lebt in den USA und wurde als Tiktok-Star berühmt, der jungen Menschen in kurzen Sequenzen erklärt, was damals in Europa mit den Juden geschehen ist.

Im Bundestag sind alle Abgeordneten anwesend, ebenso die Bundesregierung samt Kanzler. Die Besuchertribüne ist dicht gefüllt, als Tova Friedman ans Rednerpult tritt. Sie erzählt die Geschichte des polnisch-jüdischen Mädchens, das es nach Ansicht der Nationalsozialisten nicht mehr hätte geben dürfen. 1,5 Millionen Kinder, erinnert Friedman, seien im Holocaust ermordet worden, „die nicht so viel Glück hatten wie ich“.

Am Tag zuvor steht Felix Byelyenkow, Vorsitzender der jüdischen Gemeinde, im Schnee von Brandenburg an der Havel. Seine eigene Anwesenheit sei nicht entscheidend, sagt er. Wichtiger sei, dass trotz der beißenden Kälte viele Menschen den Weg zur Gedenkstätte gefunden hätten. Es mögen 150, vielleicht 180 Menschen sein, die sich bei einbrechender Dunkelheit an den Stelen zur Erinnerung an die „Euthanasie“-Morde der Nazis in der 70.000-Einwohner-Stadt versammelt haben. Das kann man nun wenig finden oder viel. Byelyenkow, die wärmende Mütze tief ins Gesicht gezogen, findet es viel, und auch Ran Ronen vom Zentralrat der Juden in Deutschland ist beeindruckt. „Jede jüdische Familie hat Opfer zu beklagen, jede“, sagt Felix Byelyenkow.

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Tiva Friedman im Bundestag

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Am 27. Januar erinnern landesweit Politikerinnen und Politiker an den Judenmord. Sie finden Worte des Entsetzens und erklären, das Geschehene sei eine Mahnung an uns alle. Es gibt aber nicht nur die Reden vom Bundespräsidenten, den geladenen Gästen, von Ministerpräsidenten und Parlamentariern, deren Worte am Abend im Fernsehen zu sehen sind. Es gibt auch eine Zivilgesellschaft, die in vielen deutschen Gemeinden diesen Tag nicht im Wohnzimmer verbringt, sondern sich zu Wort meldet, laut und deutlich. So wie in Brandenburg an der Havel.

In Brandenburg lässt sich kein AfD-Vertreter blicken

Dort am Nicolaiplatz erinnert zunächst die Gedenkstättenleiterin Sylvia de Pasquale daran, dass es darum gehe, „die Würde jedes Einzelnen zu schützen“ – und verbittet sich zugleich die Anwesenheit undemokratisch denkender Politiker. Jeder weiß, wer gemeint ist. Die AfD wurde bei der letzten Kommunalwahl in Brandenburg/Havel zur stärksten Partei. Keiner ihrer Vertreter lässt sich blicken.

Im Bundestag sind die Abgeordneten der AfD nicht so leicht zur Seite zu schieben. Sie sind präsent. Und sie werden am Ende der Rede von Tova Friedman genau wie alle anderen Anwesenden der Gastrednerin stehend applaudieren – als ein Zeichen der Zustimmung und zugleich als ein Signal, dass die mahnenden Worte Friedmans sie gewiss nichts, überhaupt gar nichts angehen.

Die 87-Jährige beginnt zu erzählen. Ihr Bericht handelt von einem Mädchen, das nach der Räumung des jüdischen Ghettos von Tomaszów Mazowiecki mit den Eltern in ein NS-Arbeitslager gerät, zwei Tage vor ihrem fünften Geburtstag. Das lernt, sich über einer Zwischendecke zu verstecken und mucksmäuschenstill zu sein, geradezu unsichtbar. Der die Mutter beibringt, ihren Peinigern keinesfalls in die Augen zu blicken, ja nicht einmal ihren Wachhunden. Spielen ist verboten. Das Lager leert sich. Das Mädchen fragte die Mutter: Wo sind all die Menschen hin? Die Mutter sagt: „Selektionen“.

Und Tova Friedman sagt: „An einem wunderschönen Sommertag durfte ich den dunklen Raum verlassen. Wohin? Nach Auschwitz.“ Sie war jetzt fünfeinhalb Jahre alt. Der Vater habe gesagt, sie solle ein braves Mädchen sein.

Mehr als 9.000 Ermordete

In Brandenburg ergreift am Dienstagnachmittag Oberbürgermeister Steffen Scheller (CDU) das Wort. Es gebe „eine Verantwortung, die aus der Geschichte erwächst“, sagt der 55-Jährige. „Geschichtsverfälschungen“ seien keine Seltenheit mehr. Dem müsse man entgegentreten.

Brandenburg an der Havel war ein Ort besonders grausamer NS-Verbrechen. Schon 1933 richteten die neuen Machthaber im aufgelassenen Zuchthaus mitten in der Stadt ein Konzentrationslager ein, das bis 1934 bestand. Fünf Jahre später bauten die Nationalsozialisten in dem Gebäude eine Gaskammer. Mehr als 9.000 Menschen mit psychischen Erkrankungen und Behinderungen wurden dort bis Oktober 1940 ermordet. So wie der Arbeiter Hugo Klein, geboren 1913, der nach seiner Unterbringung in zwei Heilanstalten in Brandenburg getötet wurde. In einem Brief an den Vater fantasierte die angebliche „Landes-Pflegeanstalt“ von einer tödlich verlaufenden Bauchfellentzündung.

Viele der Täter konnten ihre Erfahrungen bald darauf im deutsch besetzten Polen einbringen – in den Vernichtungslagern Treblinka, Belzec und Sobibor, wo mehr als eine Million Jüdinnen und Juden ermordet wurden. Der ärztliche Direktor der Brandenburger Anstalt Irmfried Eberl avancierte zum ersten Kommandanten von Treblinka, der Büroleiter Christian Wirth wurde Chef in Belzec. Man kann sich darüber nur ein paar Schritte entfernt in einer Gedenkstätte informieren. Und nicht weit entfernt liegt in Brandenburg-Görden noch so ein Horror-Ort. Im dortigen Zuchthaus befand sich eine NS-Hinrichtungsstätte – über 2.000 Todesurteile wurden vollstreckt.

Man kann auch an einen Vorgänger von Oberbürgermeister Steffen Schiller erinnern. Wilhelm Sievers hieß der Mann. Er organisierte am 9. November 1938 in der Uniform eines SS-Obersturmbannführers die Brandschatzung der Synagoge von Brandenburg/Havel. In die Tat umgesetzt wurde das Zerstörungswerk von der örtlichen Feuerwehr.

Tova Friedmans neuer Name in Auschwitz: 27633

Im Bundestag ist es still. Friedman berichtet weiter. In Auschwitz habe sie einen neuen Namen erhalten: 27633. So lautete die Nummer, die ihr eine andere jüdische Gefangene eintätowieren musste. Die Mutter habe ihr gesagt: Du bekommst eine Schüssel, eine Tasse und einen Löffel. Wenn du sie verlierst, erhältst du nichts mehr zu essen. Und dass sie niemals weinen dürfe. Friedman sagt: „Ich weinte nicht.“

Sie weinte auch nicht, als sie zusammen mit anderen Kindern in die Gaskammer getrieben wurde, die sie, wohl wegen eines technischen Defekts, lebend wieder verließ. Sie weinte nicht, als die Mutter sie unter einer Leiche versteckte, um so den Todesmärschen bei der Auflösung des Lagers durch die SS zu entgehen.

An der Stelle, wo einmal die Gebäude des KZ Brandenburg lagen, steht nun eine schmale Frau mit dunklem Haar. Es ist die Schauspielerin Patricia Litten. Sie sagt: „Es beginnt immer mit der Marginalisierung von Menschen, von einem vermeintlichen ‚Wir‘ gegen ein konstruiertes ‚sie‘.“ Es folgten Erniedrigung, Kriminalisierung, Dämonisierung.

Es sei für sie „ziemlich schwierig, hier zu sein“, sagt Patricia Litten. Ihr Onkel Hans Litten zählte zu den Menschen, die im KZ Brandenburg gequält wurden. Der mutige Berliner Rechtsanwalt hatte in der Weimarer Republik Nazi-Gegner vor Gericht verteidigt und es gar gewagt, Adolf Hitler persönlich in den Zeugenstand zu zwingen, wo dieser sich in seiner Argumentation gewaltig verhedderte. Hitler schwor Rache. Hans Litten beging 1938 im KZ Dachau Suizid. Seine Mutter Irmgard hatte jahrelang für ihren Sohn gekämpft. Patricia Litten wird am Abend noch aus ihrem Buch „Eine Mutter kämpft gegen Hitler“ lesen.

„Hans Litten hat nicht geschwiegen, sondern hingeschaut“, sagt seine Nichte Patricia am Nachmittag. „Es liegt an uns, in welcher Zukunft wir leben müssen.“

„Juden gelten wieder als Sündenböcke“

Nicht weniger kämpferisch gibt sich einen Tag später Tova Friedman im Bundestag. Sie belässt es nicht bei der Erzählung des fünfjährigen Kindes unter den Nazis, sondern verlangt bei allem Lob für die Deutschen Konsequenzen aus dem wieder ansteigenden Antisemitismus. „Ein Großteil der Welt hat sich gegen uns gewandt“, sagt sie. Ein Enkel habe auf dem Uni-Campus seinen Davidstern verbergen müssen. „Juden gelten wieder als Sündenböcke. Der Antisemitismus ist nicht verschwunden, er verbirgt sich hinter antizionistischer Sprache“, beklagt sie. Man müsse die „Epidemie des Hasses“ ernst nehmen.

Tova Friedman ruft dem Plenum zu: „Jetzt ist Ihre Chance. Sie müssen Ihr Land zurückgewinnen. Lassen Sie es nicht zu, dass der Antisemitismus wieder wächst.“ Und: „Seien sie etwas strenger!“

Die, die dieser Appell möglicherweise etwas angehen könnte, bemerken es nicht oder wollen es nicht bemerken. Sie applaudieren. Der Bundespräsident bedankt sich. Friedrich Merz beugt sich herab zu der kleinen Frau und schüttelt ihre Hände.

Steffen Scheller, der Oberbürgermeister von Brandenburg an der Havel, hatte am Vortrag einen ganz wichtigen Satz gesagt: dass sich Erinnerung nicht auf Gedenktage beschränken dürfe.

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