Berichterstattung über Holocaust: Welchen Horror wir erwarten
Die bekannten Bilder des Holocaust strukturieren unser Erinnern. Doch was passiert, wenn Gewalt nur noch dort erkannt wird, wo wir sie erwarten?
A ls wie jedes Jahr am 27. Januar die Holocaust-Gedenkposts auf Social Media geteilt werden, sieht man die Bilder von Gleisen, die auf das rote Einfahrtsgebäude des Konzentrationslagers Auschwitz-Birkenau zulaufen. Oder Schwarz-weiß-Fotos, auf denen hagere Gefangene in gestreiften Anzügen zu sehen sind. Ja, dieser Horror gehört zum Holocaust und doch ist er gleichzeitig vielschichtiger, als die vereinfachte mediale Darstellung es zulässt.
Mit den Bildern, die an die Gewaltverbrechen des Nationalsozialismus erinnern sollen, ist eine Ikonografie verbunden. Sie haben sich mittlerweile in das kollektive Gedächtnis eingeschrieben. Nicht nur werden diese in Medien oder Bildungsmaterial genutzt, sondern sie bestimmen auch, wie der Holocaust in fiktiven Serien, aber auch dokumentarischen Filmen bebildert wird.
Laut Analysen des Filmwissenschaftlers Marcus Stiglegger werden so simulierte, also erschaffene Realitäten mit historischen Ereignissen gleichgesetzt. Es gibt Erwartungen daran, wie das Grauen aussehen soll. Und mit welchen Farben, an welchen Orten es stattfinden darf. Man erinnere sich an die Kritik an dem grünen Gras in „The Zone of Interest“.
Es sind nicht nur die immer gleichen visuellen Repräsentationen, sondern sie entspringen allzu oft dem Blickwinkel der Täter*innen. Viele der ikonografischen Fotos des Konzentrationslagers Auschwitz-Birkenau stammen von zwei SS-Fotografen. Sie dokumentierten ihren Arbeitsalltag und wählten präzise aus, welche Bildinhalte es vor die Linse schafften.
Aus der Sicht der Täter
Diese Sammlung verhalf zwar zur Identifizierung der Täter*innen in mehreren Strafprozessen. Dennoch sei eine kritische Betrachtung dieser Zeitzeugnisse notwendig, sagen die Historiker Tal Bruttmann, Stefan Hördler und Christoph Kreuzmüller. Die Fotos würden eine zynische Perspektive der Täter*innen zeigen, die ihren Erfolg dokumentierten, und diese bestimme jetzt maßgeblich, wie unsere Vorstellung vom Holocaust geprägt sei.
Wenn die Gewalt an Vorstellungen geknüpft ist, die bestätigt werden sollen, erklärt das, weshalb alltägliche, fast unauffällige Tatorte in Vergessenheit geraten. Die Recherche der taz zur Kamenzer Straße 10–12 hat gezeigt, wie schwer es ist, ein ehemaliges Zwangsarbeitslager des KZ Buchenwald als Denkmal zu erhalten. Als andere Medien die Recherche aufgreifen, wird sie mit einem Bild aus dem Konzentrationslager bebildert, obwohl es sich bei dem Außenlager in Leipzig um ein unscheinbares, zweistöckiges Gebäude handelt.
Die Ästhetik der Erinnerung macht es unmöglich zu begreifen, wie omnipräsent die Brutalität des Nationalsozialismus war. Wenn der Terror nur in dezidierten Konzentrationslagern sichtbar wird, dann erfahren andere Orte der Gewalt, die davon abweichen, eine Abwertung. Die Frage, die sich damit stellt, ist am Ende also vielleicht eine größere: Sensibilisieren wir uns mit diesen Bildern für das Unvorstellbare, oder erkennen wir nicht, wenn es wieder passiert?
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