Historiker über die NSDAP in Palästina: „Parteimitgliedschaft als Versicherung wahrgenommen“
Die NSDAP gab es nicht nur in Deutschland. Ralf Balke wirft einen Blick auf die Selbstnazifizierung im „Heiligen Land“.
taz: Herr Balke, Nazis in Palästina – was war da denn los?
Ralf Balke: Es handelt sich bei diesen Personen – ich nenne sie Palästina-Deutsche – um nichtjüdische deutsche Templer, die in den späten 1860er Jahren nach Palästina ausgewandert sind.
taz: Deutsche Templer?
Balke: Das waren Angehörige der Tempelgesellschaft aus dem Schwabenland – nicht zu verwechseln mit dem Templerorden der Kreuzritter. Es handelt sich um eine christliche, pietistische Gruppe, die in Erwartung der Apokalypse ein Refugium im für sie Heiligen Land suchte. Sie selbst betrachteten sich als das neue auserwählte Volk, gründeten in Palästina mehrere Siedlungen. Dort lebten sie über drei Generationen hinweg sehr abgeschottet von der arabischen und der später zunehmend präsenteren jüdischen Bevölkerung.
taz: Und wurden zu NSDAP-Anhängern?
Balke: Ab ungefähr 1931 suchten Einzelne von ihnen Kontakte zur Auslandsorganisation der NSDAP. Infolge der Machtübertragung an Hitler 1933 wuchs die Anzahl der Parteimitglieder dann sprunghaft auf ungefähr 17 Prozent unter den Erwachsenen an. Bei anderen Auslandsdeutschen lag der Durchschnittswert dagegen nur bei 5 Prozent.
taz: Wie wurde dieser Kontakt aufgebaut?
Balke: 1931 hat ein in Haifa ansässiger Architekt die NSDAP angeschrieben und gefragt: „Wie kann man bei euch Mitglied werden?“ Man hatte von der NSDAP über Medien erfahren, konnte den Stürmer abonnieren. Nach und nach sind in allen deutschen Kolonien einzelne NSDAP-Ortsgruppen entstanden. Unter den profiliertesten Parteimitgliedern kam es dann zu einem Konkurrenzkampf, aus dem ein gewisser Cornelius Schwarz als Sieger hervorgegangen ist. Dessen Sohn hatte bereits in Kairo eine NSDAP-Landesgruppe aufgebaut und Kontakte zu Alfred und Rudolf Heß.
taz: Wieso fühlten sich so viele Palästina-Deutsche von der NSDAP angezogen?
Balke: Zum einen bestand durch die NSDAP die Möglichkeit, abseits der tradierten Strukturen der Tempelgesellschaft eine gewisse Stellung einzunehmen. Das andere waren die Unruhen zwischen 1936 und 39. Den Palästina-Deutschen wurde durch die Auslandsorganisation der NSDAP suggeriert, sie seien integraler Bestandteil des deutschen Volkskörpers. Dementsprechend hat man die Parteimitgliedschaft als eine Art Versicherung wahrgenommen.
taz: Was ist zwischen 1936 und 39 passiert?
Balke: Es gab einen Aufstand der arabischen Bevölkerung gegen die britische Herrschaft, gleichzeitig gegen die jüdische Einwanderung. Es kam zu bürgerkriegsähnlichen Zuständen.
taz: Und mittendrin die Palästina-Deutschen.
Balke: Genau, vor allem ökonomisch. Sie waren abhängig von arabischen Arbeitskräften und beim Verkauf ihrer Produkte auf den wachsenden jüdischen Markt beziehungsweise die britische Mandatsmacht angewiesen.
taz: Führte das auch zu gewaltsamen Konflikten?
Balke: Nur begrenzt. In den Unruhejahren sind nur vereinzelt Palästina-Deutsche zu Schaden gekommen. Die Aufständischen rund um den Mufti von Jerusalem ließen bewusst von ihnen ab, weil man sich aus Deutschland militärische Unterstützung erhoffte und Berlin nicht verärgern wollte. Schwarz gab die Order aus, dass alle Palästina-Deutschen ein Hakenkreuzabzeichen tragen sollten, um nicht mit Juden oder Briten verwechselt zu werden. Es gibt auch eine absurde Geschichte: Der zwischen der deutschen Siedlung Wilhelma und Jerusalem pendelnde Milchtransporter nahm gelegentlich jüdische Passagiere mit, die beim Passieren durch arabische Gebiete die Hakenkreuzfahne schwenken mussten, um nicht von den Arabern behelligt zu werden.
„Das Hakenkreuz im Heiligen Land. Die Landesgruppe der NSDAP in Palästina“ – davon erzählt Ralf Balke im Carl von Ossietzky Vortragsraum der Staats- und Universitätsbibliothek. Eine Veranstaltung der Deutsch-Israelischen Gesellschaft Hamburg, eine Anmeldung unter kontakt@dighamburg.de ist erforderlich: Do 12. Februar, 18 Uhr, Von-Melle-Park 3, 20146 Hamburg
taz: Wann endete die Zeit der Nazis in Palästina?
Balke: Die NSDAP war 1939 mit Kriegsausbruch Geschichte. Stunden vorher hatten einzelne Palästina-Deutsche bereits einen Dampfer gechartert, andere wurden von den Briten interniert und später nach Australien verfrachtet. In Palästina bleiben durfte zunächst nur eine kleine Gruppe Älterer, die spätestens zur Unabhängigkeit Israels das Land verlassen mussten.
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