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Zschäpe im Dresdner NSU-Prozess„Sie hat gelogen, gelogen, gelogen“

Im Prozess gegen Helferin Susann Eminger sagt erneut Beate Zschäpe aus und nimmt ihre einstige Freundin in Schutz. Opferangehörige glauben ihr nicht.

Dortmund, 4. April 2024: Gedenken an Mehmet Kubaşık und alle Opfer der NSU-Anschläge Foto: Hesham Elsherif/AA/imago

Sie sind noch einmal angereist, ans Oberlandesgericht Dresden. Semiya Şimşek, deren Vater Enver im September 2000 vom NSU in Nürnberg erschossen wurde. Serkan Yildirim, der ein Jahr zuvor einen Bombenanschlag der Rechtsterrorgruppe in der Stadt überlebte. Michalina Boulgarides, deren Vater Theodoros im September 2005 in München ermordet wurde. Elif und Gamze Kubaşık, deren Mann und Vater Mehmet im April 2006 in Dortmund erschossen wurde. Sie alle sind gekommen, in der Hoffnung, dass diese Frau, die an diesem Terror mitwirkte, etwas aufklärt: Beate Zschäpe.

Am Donnerstag ist Zschäpe erneut als Zeugin vor das Oberlandesgericht geladen, zum inzwischen dritten Mal, wieder vorgeführt in Handschellen aus der JVA Chemnitz, wo sie ihre lebenslängliche Haftstrafe verbüßt. In den Prozess gegen die Sächsin Susann Eminger, ihre beste Freundin, aus der Zeit, als das NSU-Trio in Zwickau im Untergrund lebte. Bis sich im November 2011 Zschäpes Kumpanen Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt selbst erschossen und Zschäpe mit dem Versand der Bekenner-DVDs den „Nationalsozialistischen Untergrund“ enttarnte.

Susann Eminger ist in Dresden angeklagt als Terrorunterstützerin, weil sie Zschäpe eine Krankenkassenkarte und ihre Personalien für Dokumente überließ, weil sie bei der Anmietung des Wohnmobils für den letzten NSU-Überfall dabei war und Zschäpe noch auf der Flucht Kleidung überließ. Der Prozess ist ein letzter Versuch, doch noch eine Person aus dem weiten Helfernetzwerk des NSU zu verurteilen. Gegen alle anderen einst Beschuldigten sind die Verfahren inzwischen eingestellt.

Die Frage in Dresden aber bleibt: Wusste Susann Eminger bei ihren Hilfen von den Terrortaten?

Zschäpe will sich an vieles nicht erinnern können

Zschäpe hatte dies bei ihren ersten beiden Aussagen verneint – und sie bleibt auch am Donnerstag dabei. Im Saal weichen beide Frauen gegenseitigen Blicken aus. Erst 2007 habe sie Susann Eminger kennengelernt, betont Zschäpe erneut. Nachdem deren Mann Andŕe den Untergetauchten vorher schon Wohnungen verschaffte oder für sie Wohnmobile anmietete. Und erst spät habe sie „Sus“ in die Überfälle eingeweiht – nie aber in die Morde und Anschläge, behauptet Zschäpe. Man habe ihr nur erzählt, dass man wegen Rohrbombenfunden 1998 abgetaucht sei und sich deshalb versteckt halte.

Richterin Simone Herberger aber hakt nach, zumindest etwas. Denn schon 2007, als Zschäpe gerade erst Susann Eminger kennengelernt haben will, gab sie sich bei einer Polizeivorladung in Zwickau als „Susann Eminger“ aus, legte auch deren Personalausweis vor. Das Manöver flog nicht auf und war ein großer Vertrauensbeweis von Eminger – obwohl sich die beiden gerade erst kannten? Zschäpe beteuert, es sei so gewesen.

Herberger zeigt auch Anmeldebögen für eine Videothek oder einen Campingplatz, die sich im Unterschlupf des NSU fanden, ebenfalls eingetragen mit den Daten von Susann Eminger. Zschäpe kann sich, wie bei vielen anderen Fragen, nicht mehr erinnern, ob sie diese ausfüllte. Aber dann räumt sie ein: Ja, sie habe in einem Urlaub auch mal den Personalausweis von Eminger bekommen. Wann und wie genau? Das wisse sie nicht mehr.

Herberger zeigt auch noch mal Fotos, die belegen, wie eng sich Zschäpe und Eminger damals standen. Etwa eine beider Frauen mit Cocktails, bei einem Auftritt der Komikerin Cindy aus Marzahn. Man habe einige Freizeit gemeinsam verbracht, erklärt Zschäpe. Politisch aber habe man sich angeblich nie unterhalten. Bei Emingers Mann André sei ihr aber das Tattoo „Die Jew Die“ auf dem Bauch aufgefallen, räumt Zschäpe auf Nachfrage ein. Das habe ihr „nicht so gut“ gefallen, weil es „so groß und plakativ“ gewesen sei.

Zentrale Fragen weiter offen

Die Fragen aber, welche die Hinterbliebenen interessieren, bleiben am Ende auch der dritten Befragung von Zschäpe offen. Wer weitere Helfer des NSU waren oder wonach die Opfer ausgesucht wurden. Immer wieder hatte Zschäpe hier fehlende Erinnerung vorgegeben – oder nur Namen genannt, die ohnehin schon bekannt waren. „Bei mir ist wirklich wahnsinnig viel verschwommen“, sagt die 51-Jährige am Donnerstag. Am Mittag dann entlässt Richterin Herberger Zschäpe als Zeugin, wünscht ihr alles Gute – und gibt ihr mit auf den Weg: „Nehmen Sie die Emotionen der Opfer und Angehörigen mit.“

Gamze Kubaşık dagegen glaubt Zschäpe nicht. „Sie hat gelogen, gelogen, gelogen. Die Frage ist, ob das Gericht das wieder so hinnehmen wird.“ Denn auch im ersten NSU-Prozess in München habe Zschäpe ja ihre Rolle kleinzureden versucht, erinnert Kubaşık. Das Gericht verurteilte Zschäpe zwar zu lebenslänglicher Haft, der mitangeklagte Helfer André Eminger aber kam mit zweieinhalb Jahren milde davon. Kubaşık schmerzt das bis heute. „Für mich war er ein Mittäter.“

In Dresden hätte Zschäpe nun ein Motiv gehabt, auszupacken. Denn im Herbst entscheidet sich, nach 15 Jahren Haft, wie viele Restjahre sie noch verbüßen muss. Schon zuletzt gab sich Zschäpe geläutert, ging in ein „Aussteigerprogramm“. Ihre Erinnerungslücken in Dresden aber dürften ihr keinen Strafrabatt verschaffen. Und auch das Dresdner Gericht hat weiteren Aufklärungsbedarf und will nun noch André Eminger und weitere frühere Helfer der Untergetauchten vorladen.

Dass Zschäpe in Dresden tatsächlich auspackt, daran hatten auch die Hinterbliebenen letztlich nicht wirklich geglaubt. „Wir sind da, um zu zeigen, dass wir nicht aufgeben“, sagt Gamze Kubaşık. „Und dass wir weiter für Aufklärung kämpfen.“

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