Atommüll in Deutschland: Weiter widerständig
Ein Ortsbesuch in Gorleben, Keimzelle der Anti-Atommüll-Bewegung, zeigt, wie unendlich die Suche nach Lagern für Verstrahltes ist.
D ie Nacht ist frostig. Durch den Wald wabert kalter Nebel. An den Spitzen der Kiefernnadeln glänzen kleine Eistropfen im milchigen Zwielicht. Wo die Straße von Gorleben ins Nachbardorf Gedelitz einen Bogen macht, biegen Autos auf einen Stichweg ab. Er führt auf eine Lichtung – und weiter zum Einfahrtstor des Erkundungsbergwerks Gorleben, das lange Zeit im Fokus der deutschen Atommüllpolitik stand.
Über Jahrzehnte prägten mehrere miteinander verbundene Gebäudekomplexe, der Förderturm und die Verladeanlage, dieses Bergwerk. Unschwer lässt sich erkennen, wie sehr sich dessen Silhouette in den vergangenen Monaten verändert hat. Die Verladeanlage ist längst verschwunden, sie wurde mitsamt dem brückenähnlichen Übergang zum Turm abgebrochen.
Hinter dem Zaun wird ungeachtet der niedrigen Temperatur gearbeitet. Schwere Fahrzeuge rangieren auf dem Gelände. Sie transportieren Salz, das einst aus der Erde geholt und ein Stück entfernt auf einer gewaltigen Halde aufgeschüttet wurde, zurück in das Bergwerk. Insgesamt sollen rund 400.000 Kubikmeter Steinsalz in die Hohlräume befördert werden. Diese wurden für die Erkundung des unterirdischen Salzstocks aufgebohrt oder durch Sprengungen geschaffen. Mit den im November 2024 begonnenen Arbeiten liege man gut im Plan, versichert Sven Petersen von der Bundesgesellschaft für Endlagerung (BGE) der taz. „Bis Mitte Januar haben wir bereits 150.000 Tonnen Salz nach unter Tage verbracht.“
Die Atommüll-Hotspots in Deutschland
Schacht Konrad In Salzgitter baut die Bundesgesellschaft für Endlagerung das ehemalige Eisenbergwerk Schacht Konrad zum Endlager für schwach und mittelradioaktiven Müll aus. Dort sollen 303.000 Kubikmeter Nuklearabfälle aus AKWs, Forschungsinstituten, Krankenhäusern und der Industrie eingelagert werden. Das Lager sollte 2013 in Betrieb gehen. Nach immer neuen Verzögerungen ist der Betriebsbeginn nun für die 2030er-Jahre geplant. Gegen den Schacht Konrad sind noch Klagen von Umweltverbänden anhängig.
Asse In das stillgelegte Salzbergwerk Asse II bei Wolfenbüttel ließ die Bundesrepublik zwischen 1967 und 1978 rund 126.000 Fässer mit schwach und mittelradioaktivem Atommüll kippen. Seit Jahrzehnten läuft Salzlauge in das Bergwerk, es gilt als instabil. Die Abfälle sollen deshalb an die Oberfläche geholt werden. Weil im Schacht Konrad dafür kein Platz ist, müsste für den Asse-Müll ein weiteres Endlager gebaut werden.
Morsleben Morsleben in Sachsen-Anhalt war das Endlager der DDR, mit der Wiedervereinigung ging es an den Bund. In dem Salzstock lagern rund 37.000 Kubikmeter schwach und mittelradioaktiver Atommüll. Seit 1998 gilt ein Einlagerungsstopp, derzeit läuft das Verfahren zur endgültigen Stilllegung. Auch Morsleben gilt als einsturzgefährdet.
Gorleben Der Salzstock Gorleben wurde seit Ende der 1970er-Jahre auf seine Eignung als Endlager für hochradioaktiven Atommüll untersucht. Ebenso lange protestierten Atomkraftgegner gegen eine Festlegung auf den nach ihrer Auffassung ungeeigneten Standort. Auch namhafte Geologen bezweifelten die Tauglichkeit, weil ein Deckgebirge fehlt und der Salzstock Kontakt zum Grundwasser hat. 2020 schied Gorleben aus dem Suchverfahren aus. Die Schächte und Stollen des Erkundungsbergwerks werden zugeschüttet. (rp)
Die bundeseigene Gesellschaft ist Betreiberin des Bergwerks. Wenn keine größeren technischen Probleme auftreten, soll die Verfüllung der Strecken, also der unterirdischen Tunnel, im ersten Halbjahr 2027 abgeschlossen sein. Danach werden die beiden senkrecht in die Tiefe führenden Schächte zugeschüttet.
Mit dem Auffüllen des Bergwerks hat das wohl letzte Kapitel begonnen in der wechselvollen Geschichte der Auseinandersetzung um ein Atommüllendlager in Gorleben. Über Jahrzehnte wurde der Salzstock als einziger Standort auf seine Eignung als Endlager für hoch radioaktive Abfälle geprüft. Über Jahrzehnte entstand dort – wie selbst führende Behördenvertreter wie der frühere Chef des Atommüllbundesamtes BASE, Wolfram König, einräumten – unter dem Deckmantel der Erkundung ein fast fertiges Endlager. „Gorleben ist größer gebaut worden, als es für die Erkundung nötig gewesen wäre“, sagte König schon im Jahr 2009, damals leitete er noch das Bundesamt für Strahlenschutz.
2020 schied Gorleben aus dem neu aufgerollten Suchverfahren für ein Endlager aus. Offiziell aus den von Atomkraftgegnern immer wieder vorgebrachten geologischen Gründen – der Salzstock hat Kontakt zum Grundwasser und ein zu dünnes Deckgebirge. Vermutlich war aber auch der ausdauernde und fantasievolle Widerstand der Lüchow-Dannenberger Bevölkerung und ihrer auswärtigen Unterstützer:innen ein wesentlicher Grund für den Ausschluss Gorlebens.
Bis zum Wegfall des Salzstocks als Endlager wurden annähernd zwei Milliarden Euro buchstäblich „ins Gorlebener Salz gesetzt“, sagt Wolfgang Ehmke der taz. Der 78-jährige Anti-Atomkraft-Veteran ist seit vielen Jahren Sprecher der Bürgerinitiative Umweltschutz Lüchow-Dannenberg, der „BI“. Er führt Journalisten und andere Interessierte über die Lichtung vor dem Bergwerk, die häufig Ausgangspunkt für Demonstrationen und Aktionen war und es immer noch ist.
In der Mitte des Platzes ist das ehemalige Greenpeace-Schiff „Beluga“ aufgebockt, weshalb viele im Wendland diesen Ort das „Beluga-Dreieck“ nennen. Am Rand, schon unter Bäumen, steht die nach einer 2001 verstorbenen Aktivistin aus dem Wendland benannte Undine-von-Blottnitz-Hütte, ein wuchtiges Rund- und Versammlungshaus aus Holz, das die widerständigen Landwirte von der Bäuerlichen Notgemeinschaft im Jahr 2010 zusammenzimmerten.
Ein Stück weiter, auf einer Schneise, sind drei große Kreuze in den sandigen Waldboden gerammt worden. Eines ist so stark verwittert, dass es durch einen Baum abgestützt werden muss. Grob behauene Stämme dienen als Bänke. Hier, an den Kreuzen, treffen sich Menschen zum „Gorlebener Gebet“, Sonntag für Sonntag, seit fast 40 Jahren. Sie halten Andachten ab, singen Lieder und mahnen einen anderen Umgang an mit Atommüll und der Umwelt überhaupt. Jeden Sonntag kommen 10 bis 30 Personen zusammen, manchmal deutlich mehr. Den Anstoß für das „Gorlebener Gebet“ gab 1988 ein großer Protestmarsch gegen Atomkraft – mehr als 1.000 Kilometer war er lang und reichte vom bayrischen Wackersdorf bis ins niedersächsische Gorleben. 63 Tage lang schleppten Demonstranten ein schweres Holzkreuz mit sich, das sie am Ende des Marsches im Gorlebener Wald aufstellten.
Das „Gorlebener Gebet“ ist nicht nur eine Veranstaltung für gläubige Christen. „Buddhisten aus Nepal haben schon die Andachten geleitet und Muslime auch“, erzählt Christa Kuhl. Die 86-Jährige ist von Beginn an dabei und hat selbst schon zahlreiche der sonntäglichen Treffen vorbereitet. „Einmal sagte einer, er sei Atheist. Dass er auch gern kommen würde. Und wir haben ihn eingeladen.“ Dass die Gebete auch nach dem Ausschluss des Salzstocks aus dem Suchverfahren weitergehen, ist für Kuhl eine Selbstverständlichkeit. „Unser Motto ist ja: Spiritualität und politische Verantwortung im Widerstand. Das gilt nicht nur für einen Standort, das ist auf die Bewahrung der Schöpfung insgesamt bezogen.“
Im Februar 1977 hatte Niedersachsens damaliger Ministerpräsident Ernst Albrecht (CDU) Gorleben per Fingerzeig auf der Landkarte zum Standort für ein nukleares Entsorgungszentrum auserkoren. Auf einer Fläche von 12 Quadratkilometern sollten außer einem Endlager eine atomare Wiederaufarbeitungsanlage, ein Zwischen- und ein Pufferlager sowie weitere Komponenten für den sogenannten nuklearen Brennstoffkreislauf errichtet werden.
Wissenschaftliche Gründe spielten für die Auswahl Gorlebens kaum eine Rolle. Albrecht wollte mit seiner Entscheidung vor allem die DDR ärgern, wie der 2010 verstorbene Geologieprofessor Gerd Lüttig kurz vor seinem Tod der taz erzählte. Der Ministerpräsident habe den Standort in der Nähe der deutsch-deutschen Grenze haben wollen, „weil die Ostzonalen uns die Geschichte mit ihrem Endlager Morsleben eingebrockt hatten“. Morsleben, das in Sachsen-Anhalt nahe an der Grenze zu Niedersachsen liegt, war seit 1971 das Atommüllendlager der DDR.
„Wir befürchteten immer, und das hat Herrn Albrecht auf die Palme gebracht, dass Morsleben eines Tages absaufen würde und radioaktive Wässer in Richtung Helmstedt fließen könnten“, sagte Lüttig. Der Ministerpräsident habe daraufhin erklärt: „Dann machen wir das auch.“ Erst später habe Albrecht weitere Argumente für Gorleben hergeholt, erinnerte sich der Wissenschaftler. „Er hat gesagt, der Landkreis sei ja dünn besiedelt, und er sei vom Landkreis angesprochen worden, man solle doch da etwas machen, es käme doch selbigem zugute.“ Im strukturschwachen, konservativen Wendland mit damals stabiler CDU-Mehrheit, so das Kalkül, würden die Leute schon nichts gegen die geplanten Atomfabriken haben, und gegen die versprochenen Arbeitsplätze erst recht nicht.
Doch Albrechts Rechnung ging nicht auf. Viele Lüchow-Dannenberger lehnten die Atomanlagen strikt ab. Schon am Abend der Standortbenennung, am 22. Februar 1977, demonstrierten in Gorleben Hunderte empörte Bürger. Drei Wochen später versammelten sich bereits 20.000 Menschen am geplanten Baugelände. Ein nie aufgeklärter Waldbrand hatte das Gebiet kurz zuvor verwüstet und erst mal wertlos gemacht.
Die Bürgerinitiative, die ursprünglich wegen eines im nahen Langendorf geplanten, aber nie realisierten Atomkraftwerkes gegründet worden war, verzeichnete großen Zulauf, erinnert sich Ehmke im Gespräch mit der taz: „Das war eine bunte Mischung. Hausfrauen, Bäuerinnen und Bauern, Fischer und Naturschützer. Auch Schriftsteller und Künstler, etwa Nicolas Born, Uwe Bremer und Kai Hermann, der für den Spiegel und den Stern schrieb.“
Mit den auswärtigen Atomkraftgegnern aus den Städten, die zu jener Zeit gegen die Bauzäune in Brokdorf und Grohnde anrannten und sich dort heftige Auseinandersetzungen mit der Polizei lieferten, hatte man im Wendland zunächst nicht viel zu tun. „Wir waren Provinz und wir wollten in der Provinz Politik machen“, sagt Ehmke. „Man konnte die Leute nur da abholen, wo sie sind. Wären die Aktionsschritte zu schnell gewesen, hätte das politische Lernen nicht reifen und wachsen können.“
Im März 1979 brachen Landwirte aus dem Wendland zu ihrem Treck nach Hannover auf. Sie wurden dort von mehr als 100.000 Demonstranten begeistert empfangen. Lüchow-Dannenberger und Auswärtige protestierten erstmals gemeinsam in großem Stil. Das beeindruckte auch die Politiker. Eine Wiederaufarbeitungsanlage in Gorleben sei politisch nicht durchsetzbar, telegrafierte Albrecht an Bundeskanzler Helmut Schmidt (SPD). Die Erkundung des Salzstocks ging aber weiter, bei der Endlagersuche blieb Gorleben für weitere Jahrzehnte als Standort gesetzt. Auch zwei Zwischenlager und eine „Pilotkonditionierungsanlage“ zum Verpacken von Atommüll entstanden im Gorlebener Wald.
Republik Freies Wendland im Mai 1980
Im Mai 1980 besetzten Tausende Atomgegner ein Stück Land über dem Salzstock und riefen die „Republik Freies Wendland“ aus. Auf dem sandigen Waldboden bauten sie Hütten aus Baumstämmen, Stroh und Glas, eine Küche, ein großes Rundhaus für Versammlungen, Latrinen, einen Schweinestall, zwei Türme und ein Passhäuschen mit Schlagbaum, wo „Wendenpässe“ ausgestellt wurden und über dem die grün-gelbe Wendlandfahne flatterte. Nach einem Monat räumte die Polizei im bis dahin größten Einsatz der bundesdeutschen Geschichte das Gelände. Viele Beamte hatten ihre Gesichter geschwärzt, Bulldozer walzten die Hütten nieder. Als Letztes zerrten die Polizisten die Leute aus den Türmen heraus.
In der Folgezeit erlahmte im Bundesgebiet der Schwung der Anti-Atom-Bewegung. Bürgerinitiativen fielen auseinander, viele Aktive engagierten sich in anderen gesellschaftlichen Konflikten oder zogen sich zurück. Doch in Gorleben blieb der Widerstand lebendig. Als Tieflader 1984 die ersten Fässer mit schwach radioaktivem Atommüll ins Wendland karrten, verbarrikadierten Tausende Lüchow-Dannenberger mit Baumstämmen, Autos und ihren eigenen Körpern sämtliche Zufahrtsstraßen in den Landkreis. „Wenn du die Atomanlagen vor der Nase hast“, sagt Ehmke, „kannst du dir nicht aussuchen, ob du dich mal engagierst und mal nicht.“
So auch bei den Castortransporten, die zwischen 1995 und 2011 mit hoch radioaktivem Atommüll ins Gorlebener Zwischenlager rollten und von Tausenden Demonstrierenden immer wieder blockiert und gestoppt wurden. Am Ende, blickt Ehmke auf diese turbulenten Jahre zurück, „wurde auf der Straße und der Schiene letztlich der Atomausstieg ausgehandelt, es ging doch nicht nur um Gorleben, es ging ums Ganze“.
Mit dem Aus für den Salzstock Gorleben stellten Politik und Behörden die Suche nach einem Endlager auf null. In 60 Jahren Atomkraftnutzung sind in der Bundesrepublik rund 27.000 Kubikmeter hoch radioaktive Abfälle angefallen. Die BGE, die Bundesgesellschaft für Endlagerung, hat den Auftrag, den dafür am besten geeigneten Standort zu finden. Das Endlager soll mindestens 300 Meter unter der Erdoberfläche gebaut werden und den Atommüll für eine Million Jahre einschließen. Als sogenannte Wirtsgesteine, die das künftige Endlager umgeben, kommen Salzstöcke, Ton und Granit infrage.
In mehreren Arbeitsschritten hat die BGE einen Großteil Deutschlands bereits als vermutlich ungeeignet verworfen. Derzeit gelten noch rund 25 Prozent des Bundesgebietes als potenziell tauglich – diese Flächen liegen vor allem in Norddeutschland, Mecklenburg-Vorpommern, Westfalen und Sachsen-Anhalt. Auch das Wendland ist mit zwei Tongebieten noch im Rennen.
In den kommenden Monaten werden weitere Zwischenstände veröffentlicht. Ende 2027 will die BGE konkrete Standortregionen zur weiteren Erkundung vorschlagen. „So können alle Menschen sehen, dass es mit der Endlagersuche vorangeht und wie es in ihrer Region derzeit aussieht“, sagt BGE-Geschäftsführerin Iris Graffunder.
Voran geht es vielleicht, aber tatsächlich nur langsam. Laut Gesetz soll ein Standort bis 2031 gefunden sein, aber das wird nicht klappen. Inzwischen bewegen sich die Schätzungen für ein Findungsdatum deshalb zwischen 2045 und 2065. Danach wird es noch weitere Jahrzehnte dauern, bis das Endlager gebaut und befüllt ist. Diese Entwicklung hat bei den Verantwortlichen Überlegungen ausgelöst, ob es nicht vielleicht doch irgendwie schneller gehen könnte.
„Eine deutliche Beschleunigung der Endlagersuche ist möglich und nötig“, sagt etwa Bundesumweltminister Carsten Schneider (SPD). Zum Beispiel könnte die bislang getrennt geplante oberirdische und unterirdische Erkundung eines Standorts in einem Arbeitsschritt zusammengefasst werden. Zudem wird diskutiert, ob für die unterirdische Untersuchung der aufwendige Bau eines Erkundungsbergwerks wie in Gorleben nötig ist. Auf Kosten der Bürgerbeteiligung, so Schneider, dürfe eine Beschleunigung des Suchverfahrens aber nicht gehen.
Wolfgang Ehmke hält genau das für „kaum vorstellbar“. Er befürchtet, dass bei einer Zusammenlegung der ober- und untertägigen Erkundung Klagemöglichkeiten wegschmelzen: „Wir haben auch große Zweifel, ob bei beispielsweise der Erkundung eines Salzstocks auf ein Bergwerk verzichtet werden kann. Jahrzehntelang wurde uns gepredigt, das sei nötig.“
Aus Sicht von Ehmke und seinen Mitstreiter:innen greift die Suche nach einem Endlager für den hoch radioaktiven Atommüll ohnehin viel zu kurz. Denn in Deutschland fallen auch mehrere Hunderttausend Tonnen schwach und mittel radioaktive Abfälle an. Sie stammen vor allem aus dem Betrieb und Abriss von Atomkraftwerken, zum Teil aber auch aus Medizin und Forschung. Später sollen sie in das ehemalige Eisenerzbergwerk Schacht Konrad in Salzgitter gebracht werden, das die BGE derzeit zum nationalen Endlager für diese Kategorie Atommüll umbaut.
Die Inbetriebnahme von Schacht Konrad war ursprünglich für 2013 geplant. Mittlerweile geht BGE-Chefin Graffunder von Anfang der 2030er-Jahre aus. Möglicherweise muss das Vorhaben auch ganz aufgegeben werden, denn beim Niedersächsischen Oberverwaltungsgericht sind noch Klagen von Umweltverbänden gegen den Planfeststellungsbeschluss von 2002 anhängig.
Schacht Konrad zu klein
Dazu kommt: Schacht Konrad ist nur für bis zu 303.000 Kubikmeter Atommüll genehmigt. Das Volumen der Abfälle wird sich aber auf rund das Doppelte belaufen, wie die Bundesregierung einräumt. Unter anderem wäre für die 126.000 Atommüllfässer, die aus dem maroden Bergwerk Asse geborgen werden sollen, sowie für die Rückstände aus der Urananreicherungsanlage im westfälischen Gronau, kein Platz im Schacht Konrad.
Und dann gibt es ja noch das Problem mit den 16 Zwischenlagern, in denen die Castorbehälter mit den abgebrannten AKW-Brennstäben und dem recycelten Müll aus der Wiederaufbereitung derzeit aufbewahrt werden. Die Zwischenlager wurden für einen Zeitraum von 40 Jahren genehmigt. Schon 2034 läuft die Betriebserlaubnis für das Gorlebener Lager aus, das unweit des Bergwerks auf der anderen Seite der Straße liegt und von einer Mauer und Nato-Draht umgeben ist. Dort strahlen, verteilt auf insgesamt 420 Stellplätze, 113 Castorbehälter mit hoch radioaktiven Abfällen vor sich hin. Insgesamt befinden sich in den deutschen Zwischenlagern etwa 1.750 Castoren.
Der Betreiber der Anlage, die bundeseigene Gesellschaft für Zwischenlagerung (BGZ), hat jetzt das Genehmigungsverfahren für eine verlängerte Zwischenlagerung in Gorleben eingeläutet und will auch die Öffentlichkeit beteiligen. Bürger:innen, die ihren Wohnsitz im Landkreis Lüchow-Dannenberg haben, konnten sich bis zum 18. Januar für die Teilnahme in einer sogenannten Dialoggruppe bewerben.
„Gegen einen regionalen Dialog zu den Problemen der Zwischenlagerung für die nächsten 100 Jahre spricht natürlich nichts“, sagt der Sprecher der Bürgerinitiative Umweltschutz Lüchow-Dannenberg (BI), Ehmke. „Ein neues Zwischenlagerkonzept muss allerdings mit tatsächlichen Mitentscheidungsbefugnissen der Zivilgesellschaft erarbeitet werden.“
Ehmke drängt auf einen nationalen Begleitprozess für die verlängerte Zwischenlagerung, an dem alle Standortgemeinden und die Initiativen sowie Umweltverbände beteiligt sind. „Gorleben macht ja nur den Anfang, an allen anderen Standorten laufen die Genehmigungen sukzessive ebenfalls aus“, sagt er. Ein Dialog brauche Augenhöhe, das Mindeste sei eine finanzielle Ausstattung eines Zwischenlagerforums, die Expertise aufseiten der Kommunen und Zivilgesellschaft ermögliche.
Lagerstätten und Sicherheit
Der Umweltverband BUND fordert „ein durchdachtes Gesamtkonzept, bei dem alle Zwischenlagerstandorte einbezogen werden“. Wichtig sei, dass die Lagerstätten sicherheitstechnisch den Bedingungen einer stark verlängerten Lagerungsdauer und der aktuellen Bedrohungslage entsprächen, sagt Bernd Redecker vom BUND-Niedersachsen. „Die Menschen an den Zwischenlagerstandorten, die über Jahrzehnte im Glauben gelassen wurden, dass nach 40 Jahren Schluss sei, verdienen es, mit ihren Bedenken und Erkenntnissen ernst genommen und umfassend beteiligt zu werden.“
Auch das Zuschütten des Bergwerks wollen die Atomgegner:innen weiter beobachten. Die BI verlangt, dass beim Rückbau des Bergwerks Naturschutzbelange berücksichtigt werden. „Wir haben vorsorglich der BGE einen entsprechenden Katalog schützenswerter Flora und Fauna zukommen lassen“, sagt Ehmke.
Wünschenswert sei außerdem, dass ein Teil der Mauer um das Bergwerk für immer bleibt. Sie steht derzeit, nach dem bereits erfolgten Abriss der Überwachungsanlagen, auch noch dort. „Dieser Mauerrest mit den Graffiti, die von der bewegten Geschichte des Gorleben-Widerstandes zeugen, muss ein Denkmal für die industriepolitische Fehlentwicklung des letzten Jahrhunderts werden“, fordert Wolfgang Ehmke. Viele der einst auf den Beton gesprühten Parolen und zerplatzten Farbbeutel sind längst verblasst.
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