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Politischer Umbruch in GroßbritannienDer Niedergang der Altparteien

Labour verliert an die Grünen, die Konservativen verlieren an Reform UK. Demnächst wird eine Nachwahl bei Manchester weitere Zuspitzung bringen.

Laut Meinungsumfragen ist Keir Starmer inzwischen der unbeliebteste britische Premierminister aller Zeiten Foto: Carla Court/Pool via Reuters

Die einen waren 14 Jahre an der Macht, die anderen gerade mal seit 16 Monaten. Vielen in Großbritannien ist der Unterschied zwischen Konservativen und Labour egal und sie sind beider etablierter Parteien überdrüssig. In den Meinungsumfragen führt die rechtspopulistische Partei Reform UK unter Nigel Farage seit einem Jahr, während die englischen und walisischen Grünen unter dem linkspopulistischen Zack Polanski ebenfalls stark an Popularität zunahmen.

Beides geht auf Kosten der Altparteien. Über ein Dutzend unzufriedene konservative Po­li­ti­ke­r:in­nen der alten Garde haben in den vergangenen Wochen ihre Parteimitgliedschaft gekündigt und sich Nigel Farage angeschlossen – darunter die ehemaligen Minister Robert Jenrick, Nadim Zahawi, Nadine Dorries, Danny Kruger und zuletzt Suella Braverman.

Mit jedem solchen Überlauf sieht Reform UK zwar weniger wie eine frische Alternative aus und mehr wie ein Sammelbecken für gescheiterte Rechte – aber die Konservativen werden dennoch personell immer weiter geschwächt, obwohl ihre Parteichefin Kemi Badenoch damit parteinterne Kritiker loswird und in den Umfragen sogar wieder leicht zulegt, seit sie im Januar begonnen hat, Reform UK und Labour härter zu kontern als bisher.

Ähnliche Unzufriedenheit gibt es bei Labour. Laut Meinungsumfragen ist Keir Starmer inzwischen der unbeliebteste Premierminister aller Zeiten, viele Minister überlegen mehr oder weniger offen, wie man ihn rechtzeitig vor den nächsten Wahlen loswerden könnte.

Andy Burnham als Labours möglicher Starmer-Ersatz

Die Labour-Krise wird nun frühzeitig auf die Spitze getrieben: Mitte Januar legte Andrew Gwynne, Wahlkreisabgeordneter für Gorton und Denton am nordöstlichen Rand Manchesters, sein Mandat nieder – offiziell aus gesundheitlichen Gründen, tatsächlich wegen des Bekanntwerdens beleidigender und sexistischer Kommentare gegenüber Wählerinnen. Die Nachwahl in einem einst sicheren Labour-Wahlkreis, voraussichtlich am 26. Februar, könnte nun eine vorgezogene Entscheidung über Starmers Zukunft werden.

Andy Burnham, seit 2017 Manchesters Labour-Bürgermeister und davor seit 2001 Abgeordneter für den Manchester-Wahlkreis Leigh, wollte sich für den Sitz als Kandidat aufstellen lassen. Burnham hat sich als Bürgermeister profiliert und von seiner Parteiführung abgesetzt, ähnlich wie einst bei den Tories Boris Johnson, als er Londons Bürgermeister war.

„King of the North“ lautet Burnhams Spitzname, er ist einer der beliebtesten Politiker Großbritanniens. Was die politische Position dieses politischen Königs betrifft, kommt es ähnlich wie einst bei Johnson darauf an, wen man fragt. Manche glauben, er stehe links von Starmer. Andere erinnern daran, dass er sich einst gegen Jeremy Corbyn positionierte, während Starmer noch mit diesem zusammenarbeitete. Im Vergleich zu Starmer tritt Burnham spürbar freier und lässiger auf, mit oftmals klareren politischen Aussagen.

Zahlreiche Labour-Politiker, besonders die Kritiker Starmers, begrüßten Burnhams Wunsch, jetzt wieder ins Parlament einzuziehen und die alte Labour-Hochburg Gorton and Denton vor Reform UK zu schützen. Doch für die Kandidatur zur Nachwahl müsste er sein Bürgermeisteramt in Manchester aufgeben und dort eine weitere Neuwahl herbeiführen. Der drohende Verlust dieser Hochburg war für Labour zu riskant. Am vergangenen Sonntag stimmte der Vorstand fast einstimmig gegen Burnhams Kandidatur.

Das geschah nicht ohne Hintergedanken. Denn als Parlamentsabgeordneter könnte Burnham irgendwann auch Labour-Premierminister werden. Schon während des letzten Labour-Parteitages 2025 wurde Burnham als potenzieller Nachfolger Starmers hochgejubelt. Er verneinte zwar diese Ambitionen, kritisierte aber offen den Premierminister und forderte eine sozialere Politik. Zu seinen Verbündeten zählt die ehemalige stellvertretende Parteichefin Angela Rayner und deren im Oktober gewählte Nachfolgerin Lucy Powell – von dieser kam jetzt auch die einzige Stimme im Vorstand für seine Kandidatur.

Labour droht Nachwahl-Desaster

Inzwischen haben 50 Labour-Abgeordnete gefordert, die Entscheidung gegen Burnham zu revidieren. Vergeblich: Am Wochenende stellte Labour die wenig bekannte Lokalpolitikerin Angeliki Stogia für die Nachwahl auf. Die eingewanderte Griechin ist bereits bei den Europawahlen 2014 und den Parlamentswahlen 2024 für Labour angetreten und hat beide Male verloren.

Während Labour streitet, hat Reform UK den rechtsintellektuellen TV-Moderator, Kommentator und Akademiker Matt Goodwin aufgestellt, eines ihrer Schwergewichte. Hoffnungen machen sich auch die Grünen, die mit ihrer jungen Kandidatin Hannah Spencer Jungwähler anziehen wollen, um den Wahlkreis an sich zu reißen. Reform UK und Grüne wollen jeweils an die Stelle von Konservativen und Labour treten. Sollte ihnen das gelingen, stünde Großbritanniens parteipolitische Landschaft vor großen Umbrüchen.

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