: Wie der Vater, so der Sohn
Ein Sprengstofffund in Sachsen-Anhalt weist Verbindungen zur rechtsextremen „Artgemeinschaft“ auf. Aktuell verhandelt das Bundesverwaltungsgericht über ihr Verbot
Aus Berlin/Leipzig Andrea Röpke, Nils Lenthe und Jean-Philipp Baeck
Ob Marcel W. etwas ahnt, ist schwer zu sagen. Ob er weiß, was in jenen Minuten auf dem Hof bei seinem ältesten Sohn und seiner Ex-Frau los ist, lässt sich ihm nicht ansehen. Am vergangenen Mittwochvormittag um kurz nach 10 Uhr sitzt der Anfang 40-Jährige im Zuschauerraum des altehrwürdigen Sitzungssaals IV des Bundesverwaltungsgerichts in Leipzig. Verhandelt wird hier über die Verbotsverfügung gegen die völkisch-rassistische „Artgemeinschaft“, die das Bundesinnenministerium 2023 erlassen hat. W. war einer derjenigen, an die die Verbotsverfügung damals adressiert war.
Die Verteidiger der Artgemeinschaft, selbst mit langer Geschichte in der extrem rechten Szene, tragen hier lang und breit ihre Argumente vor: Die Artgemeinschaft sei eine rein heidnische Religionsgemeinschaft, kein völkisch-rassistisches Indoktrinationsnetzwerk. Sie sei nur einem exklusiven Kreis an Leuten vorbehalten gewesen und könne daher gar nicht „kämpferisch-aggressiv“ sein, wie das Innenministerium behauptet.
Zeitgleich zu der Verhandlung in Leipzig gibt es neben dem Anwesen der W.s in Weißenborn im Burgenlandkreis einen lauten Knall. So laut, dass Anwohner*innen von wackelnden Fenstern und Rissen in Kacheln berichten. Grund war eine kontrollierte Sprengung durch Spezialkräfte der Polizei. Die Beamten waren zuvor vermummt und mit Maschinenpistolen angerückt, um auf den Hof der W.s zu stürmen. So berichten es Zeug*innen der Mitteldeutschen Zeitung.
Die Staatsanwaltschaft Halle ermittelt laut offiziellen Angaben gegen einen 25 Jahre alten Mann wegen Verstoß gegen das Waffen- und Sprengstoffgesetz. Sie hatten Hinweise darauf, dass dieser sich über das Internet Chemikalien bestellt haben könnte, mit denen man Sprengstoff mischen kann.
Sprengfähiges Material in zweistelligen Kilobereich
Tatsächlich wurden die Einsatzkräfte fündig. Sie stellten Munition und Waffen sicher, darunter Armbrüste, zudem Festplatten und Laborausrüstung – sowie nach Einschätzung der Ermittler*innen jede Menge „sprengfähiges Material“ – und zwar im zweistelligen Kilobereich.
Die Fachleute hielten das Material für so gefährlich, dass sie es nicht transportierten, sondern vor Ort sprengten. Gegen 10.30 Uhr heulten daher die Sirenen im Ort, 15 Anwohner*innen werden vorsichtshalber evakuiert. Die Freiwillige Feuerwehr rückte zur Unterstützung mit mehreren Fahrzeugen an. Dann folgte der Knall.
Der Sprengstofffund berührt Aspekte, die auch in der Verhandlung in Leipzig eine Rolle spielen – und die von den Anwälten der Rechtsextremisten infrage gestellt werden: etwa die, wie gefährlich die langjährige Indoktrination von Kindern und Jugendlichen in den Familien der vorgeblich religiös-esoterischen Artgemeinschaft ist und wie kämpferisch-aggressiv deren Haltung sich zeigt, die den Verein laut Bundesinnenministerium ausmacht.
Denn bei dem Verdächtigen handelt es sich nach taz-Informationen um einen Sohn von Marcel W., Mitglied der Artgemeinschaft. Auf dem Hof, wo die Durchsuchung stattfand, wohnt dessen Mutter, W.s Ex-Frau Janine. Das Familienleben scheint von den langjährigen Verbindungen in die militante Neonazi- und Holocautleugner-Szene geprägt zu sein.
Einschlägig rechte Familie
Mutter Janine war selbst im November 2018 auf einem Treffen der „Artgemeinschaft“ dabei. Im selben Jahr besuchte sie mit ihrem Sohn ein völkisches Szene-Event in Bischofswerda. 2023 nahm sie am Bundesparteitag der NPD im sächsischen Riesa teil.
Vom Hof in Weißenborn aus betrieb sie den „Kyffhäuser-Faksimile-Verlag“. Der gab unter anderem Bücher des Rechtsextremisten Jürgen Schwab heraus, der am Deutschen Kolleg gemeinsam mit Horst Mahler eine „Reichsbürgerbewegung“ erfand, sowie Werke des Nationalmarxisten Reinhold Oberlercher, ebenso Vordenker der Reichsbürgerbewegung. Ihr neuer Partner ist einer der bekanntesten Neonazis aus Thüringen und war dort ehemaliger Gebietsleiter der „Europäischen Aktion“, einem Netzwerk für Holocaust-Leugner und Rechtsextremisten.
Der 25-jährige Sohn Thore, gegen den die Staatsanwaltschaft wegen eines möglichen Verstoßes gegen das Waffen- und Sprengstoffgesetz ermittelt, kam auch schon in der Szene rum. 2016 war er mit seiner Mutter auf einem Sommerfest der NPD, 2017 bei einem Treffen des neuheidnischen rechten „Orphischen Kreis“. Im Dezember 2022 nahm er in Herboldshausen bei einem Lager des „Sturmvogel“ in einer Uniform des völkisch-bündischen Verbands teil. Der Sturmvogel ging aus der verbotenen Wiking-Jugend hervor und betreibt eine Indoktrination von Jugendlichen und Kindern. Genau das wirft das Bundesinnenministerium auch der noch verbotenen Artgemeinschaft vor.
Vater Marcel W. lebt mittlerweile in einem Nachbardorf. Er war bis 2008 Landesvorsitzender der hessischen NPD und zählte dort Mitte der 2000er Jahre zu den Schlüsselfiguren der gewaltbereiten neonazistischen Szene. Er wurde 2007 wegen Holocaustleugnung zu einer viermonatigen Haftstrafe verurteilt, ausschlaggebend waren laut Frankfurter Rundschau offenbar auch seine Vorstrafen wegen schwerer Körperverletzung, Beleidigung und Bildung bewaffneter Gruppen.
Vater Marcel W. wird mehrfach in NSU-Akten erwähnt
Der Name von Marcel W. taucht auch mehrfach in den sogenannten NSU-Akten auf, die im Zuge der Aufklärung der Verbrechen des Terrornetzwerk des Nationalsozialistischen Untergrund (NSU) die Rolle des hessische Verfassungsschutzes untersuchten. So steht dort an mehreren Stellen über W., dass dieser an Schießtrainings im Ausland teilgenommen haben soll, unter anderem im August 2007 in der Schweiz. Bereits 2003 war er demnach Teilnehmer einer Wehrsportübung im Kreis Aschaffenburg.
Und: Marcel W. soll laut einem Akteneintrag bei einem Treffen der Freien Nationalisten Rhein-Main im Juli 2006 danach gefragt haben, wie man Sprengstoff herstellt. Wörtlich heißt es in den NSU-Akten über das Treffen: „Marcel W[…] erkundigt sich, wie man aus Düngemittel Ammoniaknitrat gewinnen könne. Ammoniaknitrat wird zur Herstellung von Sprengstoff benutzt. Eine nähere Erläuterung, warum sich W[…] dafür interessiert oder wofür er diese Auskunft benötigt, gab er nicht.“
Ob der Sohn nun 20 Jahre später auf eine ähnliche Idee kam, ist Gegenstand der Ermittlungen. Die übernimmt das Landeskriminalamt. Auf die Frage, ob es weitere Verdächtige gibt, schweigt die Staatsanwaltschaft Halle „aus ermittlungstechnischen Gründen“. Der Verdächtige sei jedenfalls nicht in Untersuchungshaft, weil keine Flucht- oder Verdunkelungsgefahr bestehe.
Vielleicht rührte sich Vater Marcel W. deshalb am Mittwoch nicht von den Besucherplätzen des Bundesverwaltungsgerichts? Er blieb bis zum Ende des Prozesstages. Nur hin und wieder sah man ihn draußen in den Pausen etwas hektisch telefonieren. Ein Urteil darüber, ob die gefährliche Artgemeinschaft verboten bleibt, verkünden die Richter am 10. Februar.
Mitarbeit: Johannes Grunert, Timo Büchner Andrea Röpke, Nils Lenthe und Jean-Philipp Baeck
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