Sunetra Pawar übernimmt Amt von Ehemann: Frauenpolitik auf indisch
Drei Tage nach dem Tod ihres Mannes wird Pawar Vize-Regierungschefin in dem indischen Bundesstaat Maharashtra. Mit Feminismus hat das wenig zu tun.
Mit gefalteten Händen im weißen Sari legte Sunetra Ajit Pawar am Wochenende ihren Amtseid ab und wurde damit offiziell zu einer der einflussreichsten Politikerinnen Westindiens. „Ich habe diese Entscheidung zum Wohle Maharashtras getroffen“, erklärte sie und kündigte an, die Arbeit ihres verstorbenen Mannes fortzuführen.
Nur drei Tage nach dem tödlichen Flugzeugabsturz Ajit Pawars wurde die 62-Jährige damit zur stellvertretenden Ministerpräsidentin des Bundesstaates Maharashtra vereidigt. Gleichzeitig übernimmt sie den Vorsitz der Parlamentsfraktion der Nationalist Congress Party (NCP). Die Ernennung fiel in die letzten Ausläufer kommunaler Wahlen – geräuschlos, strategisch und vor allem schnell. Ihr Aufstieg soll politische Konflikte nach dem Machtverlust verhindern.
Pawar bringt Erfahrung mit, weniger aus Wahlämtern denn aus zivilgesellschaftlicher Arbeit und der Leitung einer einflussreichen Familie von Politiker:innen. Ihre eigene formale politische Karriere ist hingegen kurz: Bei den Parlamentswahlen 2024 unterlag sie ihrer Schwägerin Supriya Sule, einer prominenten Rivalin aus dem anderen Lager der Pawar-Familie. Kurz darauf wurde sie jedoch ins Oberhaus des Parlaments berufen. Und nun steht sie als Stellvertreterin des Regierungschefs an der Spitze eines der wirtschaftlich wichtigsten Bundesstaaten Indiens. Zum ersten Mal bekleidet eine Frau ein so hohes politisches Amt in Maharashtra.
Ihre Ernennung folgt einem nicht unbekannten Muster. Immer wieder übernahmen Ehefrauen nach dem Ausscheiden mächtiger Politiker deren Posten: als Garantinnen von Kontinuität, als Schlichterinnen, als Trägerinnen eines etablierten Namens. Sonia Gandhi ging etwa nach der Ermordung ihres Mannes Rajiv Gandhi in die Politik. Rabri Devi wurde 1997 nach dem Rücktritt ihres Mannes Ministerpräsidentin des Bundesstaats Bihar. Mit Feminismus hat das wenig zu tun. Es ist politischer Pragmatismus – der Frauen jedoch die Tür öffnet, sich in Ausnahmesituationen zu beweisen.
Aufgewachsen in einem politischen Alltag
Sunetra Pawars Vater war Innenminister Maharashtras und mehrfacher Abgeordneter. Politik gehörte damit früh zu ihrem Alltag. Sie studierte Wirtschaft und engagierte sich vor ihrem Einstieg in die Tagespolitik in sozialen, ökologischen und bildungspolitischen Projekten. 2010 gründete sie das Environmental Forum of India, dessen Anliegen nachhaltige Landwirtschaft und die Entwicklung von dörflichen Strukturen ist. Zudem war Pawar in größeren Bildungseinrichtungen und auch als Unternehmerin aktiv.
Der Tod des Mannes, Ajit Pawar, hat die indische Politik erschüttert. Er war ein Strippenzieher in Maharashtra, mit beträchtlichem Einfluss, aber auch eine umstrittene Persönlichkeit. Dass seine Frau nun die Nachfolge antritt, ist kein Zufall. Ihr älterer Sohn hatte sich nach einer Wahlniederlage zurückgezogen, der jüngere ist Unternehmer. Sunetra Pawar bleibt diejenige, die Loyalität sichern und zugleich durch ihr Handeln überzeugen muss.
Sie tritt ihr Amt in einer Regierung an, die noch mehrere Jahre vor sich hat. Zwar leitet sie künftig nicht das Finanzressort, das ihr Mann zuvor führte, doch mit den Bereichen Steuern, Sport, Jugendfürsorge und Minderheitenentwicklung hat sie Spielraum, um Profil zu zeigen.
Schicksalsschläge haben Frauen in der indischen Politik immer wieder an die Macht gebracht. Nun liegt es an Pawar, was sie daraus macht.
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