Hotelzimmer für Geflüchtete in Berlin: Das ist keine Integration
Neue Geflüchtete werden zunehmend in Hotels und Pensionen untergebracht. Für die Betroffenen ist das fatal, für das Land teuer.
Geflüchtete, die neu nach Berlin kommen, werden immer öfter in Hotels untergebracht. Ende 2022 mietete das Landesamt für Flüchtlingsangelegenheiten (LAF) erstmals Hotels an, als man infolge des Ukrainekriegs besonders große Engpässe hatte. Damals kamen 311 Menschen in Hotels unter. Ende 2025 ist diese Zahl auf 3.489 gestiegen, wie eine taz-Anfrage beim LAF ergeben hat. Damit leben inzwischen fast 10 Prozent der vom Amt untergebrachten Geflüchteten (derzeit rund 38.000) in Beherbergungsstätten, die teilweise nach Vorgaben des Amts umgebaut wurden, teilweise weiterhin im Normalbetrieb für Touristen geöffnet sind.
Für die Betroffenen, aber auch für die Stadtgesellschaft insgesamt hat diese Entwicklung unschöne Folgen. Für die Geflüchteten bedeutet Hotelunterbringung keine Besserstellung, wie man vielleicht meinen könnte – im Gegenteil. Zum einen fehlt es in den meisten Hotels an „Infrastruktur für Langzeitaufenthalte“, wie das LAF es nennt: gemeint sind vor allem Küchen zur Selbstversorgung sowie Gemeinschaftsräume. Von den 16 Hotels und Hostels, mit denen das LAF derzeit Verträge für Zimmerkontingente hat, haben 12 keine Küchen – die Menschen bekommen dort Vollpension durch einen Caterer.
Auf Dauer ist das freilich kein Zustand. Niemand möchte sich über Monate – vielleicht sogar Jahre – allein von Essen wie im Krankenhaus oder in der Schulkantine ernähren. Zudem bedeutet selbst zu kochen besonders für Geflüchtete ein wichtiges Stück „Zuhause“ in der fremden Umgebung, wo sie anfangs oft keine Arbeit oder andere Beschäftigung haben.
Noch gravierender ist womöglich, dass die Geflüchteten in Hotels weniger Unterstützung bei der Integration bekommen. In normalen Gemeinschaftsunterkünften gibt es pro 100 Geflüchtete mindestens eine*n Sozialarbeiter*in vor Ort, der*die bei Fragen zu Leistungen, Arbeits- und Wohnungssuche, Schulbesuch, Gesundheit und Sprachkursen ansprechbar ist. Zwar hat das LAF für die Hotels auch 49 Vollzeitstellen dieser Art zur Verfügung, aber diese Mitarbeiter*innen kommen nur zwei- bis dreimal pro Woche zu Beratungsterminen in die Hotels. Den Rest der Zeit können die Menschen sich mit ihren Fragen und Problemen nur an die Hotelmitarbeitenden wenden.
Der Stand Im Januar 2026 brachte das LAF rund 38.000 geflüchtete Menschen unter (Januar 2025: 41.400). Davon lebten rund 33.000 Menschen in regulären landeseigenen Unterkünften, weitere 5.000 in „nicht-regulärer“ Unterbringung (Ankunftszentrum: etwa 500, Notunterkunft Tempelhof: rund 1.400, Hotels/Hostels: knapp 3.500).
Der Bedarf Die Zahl der regulären Unterkunftsplätze wird sich in 2026 kaum erhöhen, stellt das LAF in seiner monatlichen Bilanzmeldung fest. Grund dafür ist der Senatsbeschluss, keine neuen Flüchtlingsunterkünfte mehr zu bauen. Das Amt rechnet daher nur mit 346 neuen Plätzen in diesem Jahr. „Dem steht ein Bedarf von 5.000 Menschen gegenüber, die noch immer in Notunterkünften bzw. Hotels untergebracht sind“, konstatiert die Behörde.
Die Entwicklung Im vergangenen Jahr war die Zahl der Asylsuchenden stark zurückgegangen, von rund 11.000 Personen in 2024 auf circa 6.000. Dazu kamen etwa 9.000 Ukraine-Flüchtlinge (Vorjahr: 10.400). Bei den Ukrainern ziehen die Zugangszahlen seit September wieder „sprunghaft“ an. (sum)
Dass diese Entwicklung problematisch ist, findet auch das LAF. Aufgrund des niedrigeren Personalschlüssels in der sozialen Betreuung „sind besonders Schutzbedürftige mit erhöhtem Betreuungs- und Beratungsbedarf in Hotels weniger gut aufgehoben“, erklärt eine Sprecherin der taz. Zudem seien die Kosten höher als in regulären Unterkünften – auch wenn man die nicht genauer beziffern mag wegen des „Vertragsgeheimnisses“.
Höhere Kosten für eine schlechtere Art der Unterbringung, die noch dazu Integration verhindert? Dieser Trend zeichnet sich ab, seit die SPD die Seiten gewechselt hat und wieder mit der CDU koaliert, denn Letztere hat seither wiederholt Bauvorhaben für neue Geflüchtetenwohnheime gestoppt.
Mit der Entscheidung des Koalitionsausschusses vom vergangenen Herbst, gar keine Neubauten mehr zu errichten, sondern bei zusätzlichem Platzbedarf noch mehr Hotels anzumieten, hat der Senat den zunächst aus der Not geborenen Schritt nun zur Richtschnur gemacht. Notunterkünfte – als solche führt das LAF nicht nur Großlager wie Tempelhof, sondern auch Hotels – sind offenbar keine temporäre Angelegenheit mehr, sondern das neue Normal.
Katina Schubert, Linke
Das Motiv dahinter liegt für die Linkspartei auf der Hand. „Offenkundig will die CDU im Wahljahr ihre Wahlkreise frei von Flüchtlingsunterkünften halten“, kommentiert die flüchtlingspolitische Sprecherin der Fraktion im Abgeordnetenhaus, Katina Schubert, gegenüber der taz. „Der Senat schmeißt aus ideologischen Gründen Millionensummen aus dem Fenster, anstatt auf dezentrale und menschenwürdige Unterbringung zu setzen und die Menschen zu ertüchtigen, möglichst schnell ein selbstbestimmtes Leben zu führen.“
Doch die Rechnung der CDU geht nicht auf. Anwohner*innen protestieren auch gegen Hotels als Flüchtlingsheime. So war es 2024 in Lichtenberg beim City Hotel und kürzlich erst in Reinickendorf. Dort erfuhren Bezirksamt und Mitarbeitende des Ibis-Hotels nahe dem U-Bahnhof Residenzstraße offenbar erst am 1. Dezember, dass das Hotel, das bis dahin im Normalbetrieb lief, bereits zwei Wochen später nur noch Flüchtlinge aufnehmen würde.
Dagegen startete ein parteiloser Politiker und Kneipenwirt, der für die CDU in der Bezirksverordnetenversammlung sitzt, eine Petition. Er sieht nach eigener Aussage die lokale Wirtschaft in Gefahr. Und die CDU-Bezirksbürgermeisterin beklagte die fehlende Infrastruktur, etwa Schulplätze, wie die Reinickendorfer Allgemeine Zeitung berichtete. Für die Grünen erklärte Jelisaweta Kamm, Direktkandidatin für die Abgeordnetenhauswahl im Herbst, das „Kommunikationsversagen“ schaffe „Misstrauen und unnötige Unruhe, obwohl wir bei der Unterbringung auf Kooperation und Verlässlichkeit angewiesen sind“.
Kaum zusammenzubringen ist die neue Notunterkunft-als-normal-Politik zudem mit einem umfangreichen Gesetzesvorhaben, das das Abgeordnetenhaus noch diesen Monat beschließen soll: das Gesetz zur „gesamtstädtischen Steuerung der Unterbringung“. Es sieht eine Software vor, in die perspektivisch alle Berliner Unterkünfte, für Geflüchtete und für Wohnungslose, aufgenommen und zentral verwaltet werden sollen. Dafür soll das LAF zum Landesamt für Unterbringung werden und künftig auch für Wohnungslose zuständig sein.
Neben dem Ziel eines besseren Überblicks geht es dabei auch darum, die Qualitätsstandards aller Unterkünfte auf ein gleiches und gutes Niveau zu heben. Mit den berüchtigten „Läusepensionen“, in denen Bezirke Wohnungslose zum Teil für viel Geld unterbringen, soll so irgendwann Schluss sein.
Wenn aber Qualität gar keine Rolle mehr spielt, weil man lieber auf teure Notunterbringungen setzt, kann man sich die Reform eigentlich sparen.
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