piwik no script img

Bericht von Reporter ohne GrenzenPolarisierte neue Welt

In Deutschland steigt die Gefahr für Journalist:innen. Angriffe aus dem rechten Milieu und die polarisierte Nahost-Debatte erschweren die Arbeit.

Fotoreporter bei der Arbeit vor Ort: Freier Journalismus gerät dabei aus mehreren Richtungen unter Druck Foto: Markus Scholz/dpa

Platz 11 von 180. Auf dem Papier steht Deutschland weiterhin vergleichsweise gut da, wenn es um Pressefreiheit geht. Doch diese Zahl verdeckt die Realität journalistischer Arbeit in Deutschland. Vor allem wer über rechtsextreme Netzwerke berichtet oder den Nahostkrieg begleitet, arbeitet zunehmend in einem Klima der Einschüchterung, der gezielten Diffamierung und der offenen Ablehnung. Angriffe kommen dabei aus dem digitalen Raum, aber auch von der Straße.

Die Organisation Reporter ohne Grenzen (RSF) beschreibt in ihrem aktuellen Bericht zur Lage in Deutschland, wie tief gesellschaftliche Polarisierung inzwischen in den medialen Alltag hineinreicht. Journalismus werde immer seltener als notwendiger Bestandteil demokratischer Öffentlichkeit wahrgenommen, sondern als politischer Gegner – mit zunehmenden Auswirkungen auf die tägliche Arbeit von Journalist:innen.

Freier Journalismus gerät dabei aus mehreren Richtungen unter Druck. RSF sieht Bedrohungen durch politische Akteur:innen, digitale Hetzkampagnen sowie durch neue, reichweitenstarke Publikationen, die systematisch Desinformationen verbreiten. Ein Blick in die USA gilt dabei als warnendes Beispiel: Dort sei deutlich geworden, wie politische Macht genutzt werden könne, um kritische Berichterstattung zu diskreditieren, Jour­na­lis­t:in­nen auszugrenzen oder sie mit Klagen einzuschüchtern. Auch deutsche Medienschaffende waren davon betroffen, etwa durch öffentlich geforderte Visumsentzüge wie 2025 etwa im Fall des ZDF-Studioleiters in Washington, oder verschärfte Visaauflagen. RSF wertet solche Maßnahmen als gezielte Druckmittel gegen unliebsame Berichterstattung.

RSF beobachtet die zunehmende Professionalisierung rechtspopulistischer und rechtsextremer Mediennetzwerke international und in Deutschland. Eine neue Generation extremistischer Online-Publizist:innen orientiere sich an internationalen Vorbildern und wirke zunehmend auch in Deutschland meinungsprägend.

Gezielte Falschinformationen

Der Thinktank Polisphere, so berichtet RSF, zeigte etwa mithilfe einer Datenanalyse, wie Portale wie Apollo News, Nius oder Compact gezielt Falschinformationen über die angebliche Haltung der Juristin Frauke Brosius-Gersdorf zu Schwangerschaftsabbrüchen verbreiteten. Die Kampagne hatte konkrete politische Folgen: Teile der CDU/CSU-Fraktion sagte daraufhin die geplante Zustimmung über ihre Kandidatur für das Bundesverfassungsgericht ab – Brosius-Gersdorf trat von der Kandidatur zurück.

Das zunehmend raue politische Klima bleibt nicht folgenlos. RSF dokumentierte im Jahr 2025 insgesamt 55 Angriffe auf Jour­na­lis­t:in­nen und Redaktionen, 2024 waren es 89. Die meisten Übergriffe ereigneten sich bei Recherchen und Demonstrationen im rechtsextremen Umfeld. RSF spricht von einem „wachsenden Selbstbewusstsein“ in der Szene und „einer Normalisierung von Gewalt“ und Einschüchterung gegenüber Medienvertreter:innen.

Ein weiteres zentrales Konfliktfeld bleibt die Berichterstattung zum Nahostkrieg. Zwar habe sich die extreme Zuspitzung im Vergleich zu 2024 etwas abgeschwächt, „da besonders seit Frühjahr 2025 eine zunehmende Aufarbeitung bei dem Thema in Redaktionen und Reflexion innerhalb von besonders polarisierten Communitys stattfindet“, sagte RSF-Pressereferentin Katharina Weiß der taz. Dennoch ist es ein bleibendes, belastendes Thema. Medienschaffende in Deutschland wurden wiederholt öffentlich diffamiert – auch von israelischen Offiziellen. Ein prominentes Beispiel war die ARD-Israelkorrespondentin Sophie von der Tann, die der damalige israelische Armeesprecher Arye Shalicar als „das Gesicht vom neu-deutschen Juden- und Israelhass“ bezeichnete.

Wie stark einzelne Jour­na­lis­t:in­nen im Kontext der Nahostberichterstattung angegriffen werden, zeigen auch die Drohungen gegen den taz-Journalisten Nicholas Potter im Zuge seiner Arbeit zu israelischen Perspektiven und Antisemitismus: In Berlin tauchten Plakate mit seinem Porträt und der Aufschrift „sie können erniedrigt und eliminiert werden“ auf. Die taz berichtete 2025 mehrfach darüber, wie Jour­na­lis­t:in­nen in der Nahostberichterstattung zwischen politischen Fronten unter Druck geraten.

Ablehnung großer deutscher Medien

Rund um palästinasolidarische Demonstrationen registrierte RSF 2025 elf Angriffe auf Medienschaffende, zehn davon richteten sich wiederholt gegen dieselben zwei Berichterstattenden. RSF beobachtet, dass Demonstrierende zunehmend große deutsche Medien grundsätzlich ablehnen und ihnen Komplizenschaft mit Israel vorwerfen.

Gleichzeitig berichteten Jour­na­lis­t:in­nen gegenüber RSF von einem teils unverhältnismäßig harten Vorgehen der Polizei, etwa durch Platzverweise oder langwierige Identitätskontrollen. RSF plädiert deshalb für eine Neuaushandlung der Regeln zwischen Medien und Polizei sowie für einen strukturierten Dialog zwischen bekannten Demo-Filmenden und Sicherheitsbehörden, um Eskalationen zu vermeiden. Bei einigen Übergriffen hätte die Gewalt durch ein solches Dialogangebot durch die Polizei verhindert werden können, so RSF.

Das ist auch notwendig, weil es zunehmend unabhängige De­mobe­ob­ach­te­r:in­nen sind, die über Demonstrationen berichten. Sie schließen laut RSF eine Lücke, wo große Medienhäuser nicht regelmäßig berichten. Die Be­ob­ach­te­r:in­nen hätten ihre Arbeit im letzten Jahr zunehmend professionalisiert und machten etwa Übergriffe von Po­li­zei­be­am­t:in­nen sichtbar. Gegenüber RSF äußerten sie den Wunsch nach größerer Anerkennung und kritisierten rassistische Mechanismen innerhalb der deutschen Medienlandschaft, etwa die Ablehnung gegenüber migrantisierten Berichterstattenden.

Besonders freiberufliche Jour­na­lis­t:in­nen sowie Medienschaffende mit muslimischem, arabischem oder palästinensischem Hintergrund berichteten, dass sie für differenzierte oder kritische Perspektiven oft wenig Unterstützung erhielten und sich zunehmend an den Rand gedrängt fühlten.

Auch 2025 berichteten Medienschaffende RSF von grundsätzlichen Schwierigkeiten, Menschenrechtsverbrechen Israels in vergleichbarer Weise aufzugreifen wie bei anderen Kriegen. Deutschland ist zwar immer noch in den höchsten Rängen bei dem internationalen Ranking der Pressefreiheit. Doch die Entwicklungen des Jahres 2025 zeigen, wie fragil diese Position geworden ist – und wie sehr Pressefreiheit auch hier unter Druck steht.

Gemeinsam für freie Presse

Als Genossenschaft gehören wir unseren Leser:innen. Und unser Journalismus ist nicht nur 100 % konzernfrei, sondern auch kostenfrei zugänglich. Alle Artikel stellen wir frei zur Verfügung, ohne Paywall. Gerade in diesen Zeiten müssen Einordnungen und Informationen allen zugänglich sein. Unsere Leser:innen müssen nichts bezahlen, wissen aber, dass kritischer, unabhängiger Journalismus nicht aus dem Nichts entsteht. Dafür sind wir sehr dankbar. Damit wir auch morgen noch unseren Journalismus machen können, brauchen wir mehr Unterstützung. Unser nächstes Ziel: 50.000 – und mit Ihrer Beteiligung können wir es schaffen. Setzen Sie ein Zeichen für die taz und für die Zukunft unseres Journalismus. Mit nur 5,- Euro sind Sie dabei! Jetzt unterstützen

Mehr zum Thema

0 Kommentare

  • Noch keine Kommentare vorhanden.
    Starten Sie jetzt eine spannende Diskussion!