Einladung palästinensischer Künstlerin: Grundsatzstreit um Hochschulautonomie
Die Einladung der Künstlerin Basma al-Sharif an die Kunstakademie Düsseldorf bewegt die Landespolitik. Einige fordern den Rücktritt der Rektorin.
Am Mittwoch öffnet die Kunstakademie Düsseldorf ihre Türen für ihren traditionellen „Winterrundgang“. Vier Tage lang stellen die Studierenden ihre Werke aus, die Arbeitsräume sind ganztägig geöffnet. Erwartet werden, wie in den Jahren zuvor, rund 40.000 Besucher. Doch Düsseldorfs Oberbürgermeister Stephan Keller (CDU) wird kein Grußwort sprechen, weil er im Ausland weilt, und schickt bewusst keinen Vertreter. Grund sei die Einladung der palästinensischen Filmemacherin Basma al-Sharif an die Kunstakademie vor einigen Tagen, heißt es aus dem Rathaus.
Die Kunstakademie Düsseldorf ist eine der ältesten und bedeutendsten Kunstschulen Europas. Künstler von Weltrang wie Gerhard Richter, Jörg Immendorff und Markus Lüpertz haben dort gewirkt. Immer wieder kam es aber auch zu Konflikten mit der NRW-Landesregierung um Fragen der Hochschulautonomie.
Der prominenteste Fall war die fristlose Kündigung von Joseph Beuys durch den damaligen SPD-Wissenschaftsminister und späteren Bundespräsidenten Johannes Rau 1972, nachdem der Professor aus Protest gegen den Numerus clausus mit abgewiesenen Studenten das Sekretariat der Akademie besetzt hatte. Doch nun gibt es wieder einen Grundsatzstreit um Fragen der Hochschulautonomie – diesmal im Zusammenhang mit Antisemitismusvorwürfen.
Seit Studierende der Hochschule die Künstlerin Basma al-Sharif zu einer Veranstaltung einluden, ist die Kunstakademie zum Ziel von Angriffen geworden. Schon vor dem Termin forderten die Jüdische Gemeinde Düsseldorf, die Deutsch-Israelische Gesellschaft und andere die Akademie öffentlich auf, al-Sharif auszuladen, und NRW-Kulturministerin Ina Brandes (CDU) riet ihr in einem Schreiben explizit, die Veranstaltung „zu überdenken“.
Doch die Akademie unter ihrer Rektorin Donatella Fioretti stellte sich hinter ihre Studierenden und hielt an der Veranstaltung fest. Sie erklärte sie aber für hochschulintern, sodass es eine reine Lehrveranstaltung war, die am 21. Januar laut Akademie ohne größere Zwischenfälle und in ruhiger Atmosphäre „konzentriert und sicher“ stattfand.
Grüne Ministerin bei Protest vor der Tür
Fioretti begründete den Ausschluss der Öffentlichkeit mit „massiven Drohungen“, denen sich die Studierenden, die al-Sharif eingeladen hatten, ausgesetzt sähen. „Es war uns wichtig, den Diskursraum, den die Veranstaltung bot, zu erhalten.“ Das sei leider nur „mit außergewöhnlichen Sicherheits- und Ordnungsmaßnahmen“ möglich gewesen, so die Rektorin.
Dennoch demonstrieren am Abend des 21. Januar rund 80 Menschen vor der Kunstakademie gegen die geschlossene Veranstaltung – darunter die stellvertretende NRW-Ministerpräsidentin und Wirtschaftsministerin Mona Neubaur von den Grünen. Und weil die Veranstaltung nicht ganz abgesagt wurde, fordert die Jüdische Gemeinde der Stadt nun den Rücktritt der Rektorin. Notfalls müsse die Landesregierung die Professorin Donatella Fioretti abberufen, verlangt sie – auch wenn das rechtlich nicht möglich ist.
NRW-Kulturministerin Brandes (CDU) nennt die Rücktrittsforderung gegenüber der taz „nachvollziehbar und verständlich“. Sie hat Fioretti am heutigen Dienstag zum Rapport ins Ministerium bestellt. Im Gespräch wolle sie „die klare Erwartung formulieren, dass die Kunstakademie öffentlich Stellung beziehen und in den Dialog mit ihren Kritikern treten muss“. Fiorettis bisherige Stellungnahmen seien für sie „nicht ausreichend und nicht nachvollziehbar“, sagt Brandes.
Worum aber geht es? Die 43-jährige Künstlerin Basma al-Sharif verarbeitet in ihren Filmen die Erfahrung von Flucht und Exil, sie arbeitet dabei mit Fotografien, Collagen und Installationen. Al-Sharif wurde in Kuwait geboren, hat in den USA studiert und lebt in Berlin. Ihre Werke wurden vielfach ausgezeichnet: Erst im November erhielt sie beim Kurzfilmfestival Winterthur den hoch dotierten Hauptpreis für ihren Film „Morgenkreis“. Aus diesen Gründen hatten die Studierenden sie nach Düsseldorf eingeladen.
Ein rotes Cape als getarntes Hamas-Dreieck?
Doch um al-Sharifs Werk geht es in der Debatte nicht. Sondern um einzelne Instagram-Posts, in denen sie nach Ansicht ihrer Kritiker das Existenzrecht Israels infrage gestellt und den Terrorangriff der Hamas am 7. Oktober 2023 relativiert haben soll. Das Instagram-Profil von Basma al-Sharif zeigt überwiegend künstlerische Beiträge. Zumindest einmal hat sie dort Israel jedoch als „zionistische Entität“ bezeichnet, was als Leugnung des Existenzrechts ausgelegt wird. Außerdem hat sie sich mehr als einmal, direkt oder indirekt, für einen Israel-Boykott ausgesprochen.
Zudem wird ihr vorgeworfen, das „Hamas-Dreieck“ verwendet zu haben. Der Vorwurf bezieht sich wohl auf einen mehrteiligen Post zu Halloween. Er zeigt unter anderem ein Foto von einem Kind in einem dreieckigen roten Cape sowie ein Kostüm mit einem kleinen dreieckigen roten Aufnäher.
Al-Sharif hat sich bisher nicht zu den Vorwürfen geäußert. Dennoch ist Wirtschaftsministerin und stellvertretende Ministerpräsidentin Neubaur überzeugt: „In ihren Arbeiten und öffentlichen Positionierungen werden Narrative bedient, die Gewalt relativieren und antisemitische Deutungsmuster reproduzieren“, sagt die Ministerin der taz. „Für mich ist vollkommen klar: Werk und Künstlerin lassen sich hier nicht voneinander trennen.“
Donatella Fioretti, Rektorin der Kunstakademie Düsseldorf
Neubaur engagiert sich stark für Israel. Erst im November hielt sie bei einer Veranstaltung der Lobby-Organisation ELNET im renommierten Düsseldorfer Industrie-Club einen Impuls-Vortrag. Förderer des Vereins diskutierten dort laut Veranstalter mit „Multiplikatoren aus Wirtschaft und Gesellschaft“ sowie politischen Entscheidungsträgern über „politische Bildungsarbeit“ und ELNET-Aktivitäten.
„Ich habe nicht vor zurückzutreten“, sagt die Rektorin Donatella Fioretti der taz entschieden. „Wir haben uns an die Prinzipien der Freiheit der Kunst und der Wissenschaft gehalten, die im Grundgesetz verankert sind.“ Auch der akademische Senat ihrer Hochschule weist die „Angriffe auf das Rektorat sowie Rücktrittsforderungen entschieden zurück“, wie es in einer aktuellen Stellungnahme heißt, und die Studierendenvertretung der Akademie stärkt ihrer Rektorin ebenfalls den Rücken.
Rektorin Fioretti will nicht weichen
„Für uns sind zwei Dinge entscheidend“, sagt Fioretti: „Erstens: Wir wollen unsere Hochschule als Ort des Dialogs erhalten, weil es zu unserem institutionellen Auftrag gehört, künstlerische Positionen zu zeigen, die komplex sind und Widerspruch und Kritik auslösen können. Wir müssen die Positionen nicht teilen.“ Eine Kunstakademie sei ein Ort der Auseinandersetzung. „Zweitens: Wir verstehen unsere Hochschule als Ort des komplexen Denkens. Wir diskutieren über die Arbeit einer Künstlerin nicht anhand von Instagram-Posts, sondern indem wir uns ihre Werke anschauen.“ Das habe man auch in diesem Fall getan.
„Unsere Studierenden sollen die Freiheit haben, einzuladen, wer für sie wichtige zeitgenössische Fragen stellt, und das wollen wir auch so beibehalten.“ Die Filme von Basma al-Sharif hätten zudem weniger mit Palästina zu tun und mehr mit dem Leben als Flüchtling, und dass man sich nirgends zu Hause fühle, fügt sie hinzu. „Solche Fragen beschäftigen auch unsere Studierenden, von denen viele einen Migrationshintergrund haben“, betont Fioretti.
Die Architektin Fioretti, die in Düsseldorf Baukunst lehrt, ist seit 2023 im Amt. Schon nach ihrer Wahl im Dezember 2022 hatte sich das NRW-Wissenschaftsministerium quergestellt und die Wahl wegen angeblicher Verfahrensfehler für ungültig erklärt. Studierende stellten sich damals mit einer Protest-Blockade hinter Fioretti. Im April 2023 wurde sie in einem erneut angesetzten Wahlgang zur Rektorin gewählt. Das Verhältnis zum Ministerium ist dadurch aber bereits belastet.
NRW-Hochschulgesetz soll geändert werden
Die Rücktrittsforderungen an Fioretti fallen nun just in eine Zeit, in der Nordrhein-Westfalens schwarz-grüne Regierung das Hochschul- und Kunsthochschulgesetz des Landes ändern will. Kulturministerin Brandes bedauerte im Wissenschaftsausschuss des Landtags am 21. Januar, sie sei „extrem frustriert“, dass ihr die Hände gebunden seien. Die Kunstakademie Düsseldorf habe keine rechtswidrigen Handlungen begangen. Sie verwies aber auf die geplante Novellierung des Hochschul- und Kunsthochschulgesetzes in Nordrhein-Westfalen, mit dem sich die Möglichkeiten erweitern könnten, in solchen Fällen einzuschreiten.
Ein erster Gesetzentwurf machte bereits vor mehr als einem Jahr die Runde und sorgte für Empörung. 46 Verfassungsrechtlerinnen und Verfassungsrechtler aus verschiedenen juristischen Fakultäten des Landes kritisierten in einem offenen Brief bereits im Dezember 2024, ein solches Gesetz könne dazu führen, alle Hochschulen Nordrhein-Westfalens im Namen des vorgeblichen Schutzes vor Diskriminierung „mit einem System des institutionalisierten Misstrauens“ zu überziehen und die Wissenschaftsfreiheit „ernsthaft und nachhaltig zu beschädigen“.
Hochschulen würden sich damit „von Orten des gemeinsamen Wagnisses auf der Suche nach Wahrheit zu Orten des Verdachts und der Disziplinierung“ verwandeln, so der Brief. Fast 200 weitere Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler schlossen sich diesem Schreiben an.
Der Streit um die Kunstakademie Düsseldorf wird vor diesem Hintergrund zu einer Probe aufs Exempel, wie weit die Politik gegenüber den Hochschulen gehen kann.
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