EU-Bericht zum nachhaltigen Pendeln: Städte unternehmen zu wenig gegen Autos
Nachhaltiges Pendeln wird EU-weit gefördert. Der Europäische Rechnungshof kritisiert, dass Kommunen nicht genug daraus machen.
Europäische Städte haben für PendlerInnen Bahn und Radwege ausgebaut, zögern aber, Autos zurückzudrängen. Das ist das Ergebnis eines Berichts des Europäischen Rechnungshofs, der am Mittwoch veröffentlicht wurde. Der Rechnungshof hat überprüft, wie attraktiv der Umstieg vom Auto auf alternative Verkehrsmittel für PendlerInnen in europäischen Ballungsräumen ist. Die Bilanz: Besonders auf lokaler Ebene tun Städte nicht genug, damit PendlerInnen vom Auto aufs Rad, in die Regional- oder Straßenbahn umsteigen.
Der Rechnungshof hat Pläne für nachhaltige Mobilität der EU-Kommission mit Stichproben in den sechs Ballungsräumen Budapest, Katowice, Lissabon, Prag, Sevilla und Lille überprüft. Das Ergebnis fällt gemischt aus. Einerseits sei der Umstieg zwischen Rad, Bahn, Leihauto einfacher geworden, die CO2-Emissionen hätten sich reduziert. Die AutorInnen kritisieren aber die lokalen Behörden. Sie müssten ambitionierter den Autoverkehr in den Städten stärker eindämmen und Informationen zu Alternativen zugänglicher bereitstellen.
Die Europäische Union fördert von 2014 bis 2027 den Umstieg von Autos auf alternative Verkehrsmittel im Pendlerverkehr. Das Geld fließt in bessere Regionalzüge, den Ausbau des Straßenbahnnetzes, den Bau von Radwegen zwischen Umland und Zentrum und in die Installation von Verkehrknotenpunkten, an denen PendlerInnen nahtlos von einem Verkehrsmittel ins andere wechseln können. 2024 hat die EU-Kommission 431 Städten Pläne für eine nachhaltige Mobilität vorgeschrieben. „Sustainable urban mobility planning and monitoring“ nennt sie das.
„Viele EU-Bürger nutzen im städtischen Raum täglich das Auto, häufig weil es keine attraktiven Alternativen gibt“, sagt Carlo Alberto Manfredi Selvaggi, zuständig für die Prüfung beim Europäischen Rechnungshof. „Nur dann können wir auf weniger Staus, eine bessere Luftqualität und eine insgesamt bessere Lebensqualität hoffen.“
Auto schnellstes Verkehrsmittel
In Vororten mit einer Dreiviertelstunde Fahrtzeit mit dem Auto zum Zentrum seien PendlerInnen selbst zu Stoßzeiten immer noch schneller am Ziel als mit den Alternativen, heißt es im Bericht des Rechnungshofs. Die AutorInnen monieren, dass Zuständigkeiten oft an kommunalen Grenzen enden oder Behörden nicht genug tun, um Autos unattraktiver zu machen, indem sie etwa autofreie Zonen schaffen oder Parken verteuern.
Auch hierzulande hat das Auto noch immer einen großen Anteil am Pendelverkehr. „In Deutschland fahren sechs von zehn Personen mit dem Auto zur Arbeit“, sagt Philipp Kosok vom Think Tank Agora Verkehrswende. Das Thema Pendeln fände inzwischen mehr Beachtung. „Eine konsequente Politik zugunsten von Alternativen zum Auto fehlt jedoch in den meisten Regionen.“
Wie der Rechnungshof fordert Ann-Kathrin Schneider, Geschäftsführerin des Vereins Deutsche Plattform für Mobilitätsmanagement (Depomm), einen ganzheitlichen Ansatz. Es brauche sowohl die Förderung eines nachhaltigen öffentlichen Personennahverkehrs (ÖPNV) wie auch die strengere Reglementierung von Autos in Ballungszentren, etwa durch höhere, sozialverträgliche Parkgebühren. „Wir kritisieren an der Verkehrspolitik, dass sie in einzelnen Verkehrsmitteln, Fahrzeugen und Maßnahmen gedacht wird. Dabei sollten wir Mobilität vom Menschen aus denken.“ Eine Frage sei zum Beispiel: Welche Verkehrsmittel, Tarifsysteme und Apps brauchen die Menschen, sodass sie die Alternativen zum Auto nutzen?
Anders als der Bericht sieht Schneider das Problem eher an anderer Stelle als den Behörden: „Wir erleben, dass in den Verwaltungen deutscher Städte die Bereitschaft für alternative Mobilität hoch ist. Doch leider erleben wir gerade politisch Gegenwind, indem Finanzierungen teilweise wieder gestrichen werden.“
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