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Michel FoucaultEin Mann der Metro und der Menge

Michel Foucault wollte nicht für andere sprechen, sondern sie selbst zum Sprechen bringen. Sein Intellektuellenprogramm vereinte Theorie und Aktivismus.

Michael Foucault in seinem Arbeitszimmer im Collège de France, Paris, 1970 Foto: Jacques Violet/akg-images/picture alliance

Die Elemente jener Zeichen, die später für den aktivistischen Foucault der siebziger Jahre ikonisch werden sollten, waren zu Beginn des Jahres 1978 bereits voll entwickelt. Die glattrasierte Kopfhaut, der helle Rollkragenpullover und jenes Lachen, das sein Gesicht zu zerschneiden schien, gaben seinem Aufenthalt auf dem Tunix-Kongress an der TU in Westberlin wie auf einer Demonstration gegen Berufsverbote und die Suspendierung des Sozialpsychologen Peter Brückner in Hannover seine Signatur.

Barbara Sichtermann, die damalige Partnerin von Peter Brückner, erinnerte sich später, dass Foucault in Hannover kein Wort über seine Bücher und Arbeiten verlor, dafür aber die Fellzeichnung ihres Katers Mescalero akribisch studierte.

Aus Sichtermanns Kurzbeschreibung geht eine der beeindruckenden Eigenschaften des körperlich anwesenden Foucault hervor: die radikale Abwesenheit jeder Großspurigkeit und die höfliche Zurücknahme seiner körperlichen Präsenz. Er sei „ein Mann der Metro und der Menge“ gewesen, wird Alain Badiou im Juli 1984 in seinem Nachruf für Foucault schreiben.

Wahrscheinlich auch wegen dieser überhaupt nicht einschüchternden Präsenz störte es mich nicht, dass ich den weltberühmten Philosophen schon zweimal gesehen, aber noch nie auch nur einen Satz von ihm gelesen hatte. Der politische Aktivist erschien mir so organisch, wie mir der Theoretiker fremd war.

Foucault hatte es nicht mit Widersprüchen

Für Foucault selbst waren sein Aktivismus und seine strengen philosophischen Analysen, die er in Büchern wie „Überwachen und Strafen“, „die Geburt der Klinik“ und „die Ordnung der Dinge“ entfaltet hatte, zwei nebeneinander existierende Bewegungen, die weder notwendig auseinander hervorgingen, noch in Widerspruch zueinander treten konnten. Mit Widersprüchen, und das war philosophisch in seiner Zeit neu, hatte es Foucault nicht.

Die Dialektik, das Denken in Widersprüchen und deren vermeintliche Auflösungen in Synthesen, schien ihm schlicht nicht in der Lage zu sein, entscheidende Momente der Wirklichkeit und deren Geschichte überhaupt in den Blick zu nehmen. So treffend aber seine Einwände gegen Friedrich Engels’ „Dialektik der Natur“ oder seine Beispiele aus der Naturgeschichte waren, nach denen es zwar Antagonismen, aber eben keine Widersprüche in der Natur gab, so wenig wirkten seine naturgeschichtlichen Analysen politisch.

Politisch hingegen wirkte jener auch nur als Gerücht weltberühmte letzte Satz der „Ordnung der Dinge“, nach dem der Mensch, wenn die Dispositionen seiner Konstruktion offengelegt seien, „verschwindet wie am Meeresufer ein Gesicht im Sand“. Diesen „Tod des Menschen“ haben und werden sie ihm nie verzeihen. Genauso wenig wie sie seinen offensichtlichen Irrtum zu Chomeinis Iran nie ruhen lassen werden.

1984 starb er an den Folgen von Aids

Auch wenn es erstaunlich ist, dass ein Autor, der bereits 1984 an den Folgen von Aids gestorben ist, noch heute für den aktuellen Horror im Iran verantwortlich sein soll, kann man eines dabei bestimmt nicht übersehen: an Feinden mangelte es ihm nie.

So hat man ihn über die Jahre mit Hass und Neid verfolgt, mit Gehässigkeiten und Niedertracht übergossen, dass man sich schon fragen kann, woher eigentlich seine ungebrochene Wirkkraft kommt. Und die kommt aus einem so traditionellen wie verschwindenden Verständnis dessen, was ein Intellektueller ist.

Dabei begriff er sich als französischen Intellektuellen in der Tradition des 18. Jahrhunderts, der denen auf die Nerven gehen wollte, denen das Wort Intellektueller Übelkeit verursacht. Foucault hatte eine klare Vorstellung davon, dass jede Barbarisierung der Gesellschaft mit Intellektuellenfeindlichkeit einhergeht.

Sein Intellektuellenbegriff war allerdings auch eine Überforderung. Ein Intellektueller sollte nicht nur ein kritischer Rationalist sein – Foucault bezeichnete sich als „glücklichen Positivisten“ –, er sollte auch ein politischer Zeuge sein, mit polymorpher Neugier imprägniert und dazu noch ein Schriftsteller, der Schwierigkeiten mit der Sprache hat. Ein Programm, dem Foucault einen Inhalt gab, der bis heute in diesen niedrigen Zeiten als Barriere gegen die Dummheit taugt.

Gefängnisse und Psychatrien waren Gegenstand seiner Philosophie

Da war der Professor auf dem Lehrstuhl für die Geschichte der Denksysteme am ehrwürdigen Collège de France, der als Lehrer ohne Schüler die Erhabenheit seines Lehrstuhls genoss und gleichzeitig nach Anschlussstellen für die Banalität des Gefängnisses suchte. Foucault hatte nicht nur die Welt der Gefängnisse, Kliniken und Psychiatrien zu Gegenständen der Philosophie gemacht, wie er es in der „Ordnung der Dinge“ mit dem Geld, der Botanik und der Linguistik getan hatte.

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Er hatte auch über seine Gefängnisgruppe nach neuen Formen des Aktivismus gesucht. Eines Aktivismus, der nicht den Inhaftierten ihre Welt erklären, sondern sie selbst zum Sprechen bringen wollte. Die 1971 von Foucault, Deleuze und anderen gegründete „Groupe d’information sur les prisons“ versuchte, zum einen auf die katastrophalen Zustände in den französischen Gefängnissen hinzuweisen und zum anderen den Gefangenen und ihrer Sicht der Lage Raum zur Artikulation zu geben.

So sehr Foucault das Scheitern der Gefängnisgruppe auch persönlich getroffen hat, so nachhaltig hatte er doch darauf hingewiesen, wie würdelos es ist, für andere sprechen zu wollen, wenn die selbst es auch können.

Diskurse der Anderen der Gesellschaft enthüllen

Und vielleicht ist das eine der tiefsten und nachwirkendsten Erkenntnisse des französischen Denkens der siebziger Jahre überhaupt, die Foucault und Gilles Deleuze 1972 in dem Gespräch über „die Intellektuellen und die Macht“ auf die Formel bringen, die Intellektuellen müssten versuchen, die Diskurse der Anderen der Gesellschaft zu enthüllen und zu erkennen. Die bis heute anhaltende Bezugnahme emanzipatorischer Bewegungen auf Foucault und auch Deleuze haben in dieser Forderung der beiden ihren Grund.

Dabei hatte Foucault sehr klare Vorstellungen von dem, was er unter einem Diskurs verstand. Man müsse, meinte er, gerade wenn man an den Rändern der Diskurse agiere, genauer sein als die, die im Zentrum herrschen. Was ein Diskurs aber ist, das lässt sich nur über die diskursiven Praktiken selbst beschreiben.

Es sind immer auch plastische Beschreibungen aus der Wissensgeschichte, die Foucaults Texten etwas Agiles geben

Was es aber heißt, außerhalb eines Diskurses zu agieren, dafür hatte Foucault ein trauriges Beispiel: den pflanzenzüchtenden Mönch Gregor Mendel. Weil der Biologie zu Mendels Zeiten das Vokabular und die diskursiven Praktiken fehlten, überhaupt etwas in den Experimenten zu erkennen, wurde der Mönch zum Idioten, zum Privatmann erklärt, dem man seine Experimente verbot und den auch seine Wiederentdeckung nach ein paar Jahrzehnten kaum getröstet haben wird.

Es sind immer auch plastische Beschreibungen aus der Wissensgeschichte, die Foucaults Texten etwas Agiles geben, das sie in verschiedenen Zeiten nicht verstauben lassen. Wie wenn er vom Hermaphrodismus spricht und darauf hinweist, dass in den alten Wunderkammern Hasen mit den Merkmalen beider Geschlechter der Normalfall waren. Erst die Aufklärung mit der Verwandlung der Naturgeschichte in die moderne Biologie macht aus den zwittrigen Hasen einen Fall für die Medizin.

Das Wissen der Ethik unterordnen

Und mit dem Wandern des Blicks in der modernen Medizin und Biologie von der Oberfläche ins Innere der Körper kommt eine für Foucault unumgängliche Forderung in die Praxis der Wissenschaften: nämlich die Unterordnung der Wissensregime unter die Ethik.

Eine solche Forderung, da macht Foucault sich keine Illusionen, ergibt nur Sinn, wenn man sich auch über die Macht keine falschen Vorstellungen macht. Von daher insistiert er darauf, die Macht nicht immer nur negativ zu beschreiben, als eine, die ausschließt, unterdrückt, verschleiert, verdrängt usw. Die Macht sei, so Foucault nachdrücklich, produktiv. Sie produziere Wirkliches, wie zum Beispiel die Menschen, die sie brauche. Deshalb sei es falsch, die Macht nur oben, an den Schaltstellen zu suchen.

Die Macht ist überall, sie diffundiert besonders gern nach unten. Die Macht bringt aber auch jene Gegenstandsbereiche und Wahrheitsrituale hervor, die die Wissenschaften konstituieren und die man nur mit anderen Geschichten, Gegengeschichten und Gegenorten irritieren kann. Wenn man so will, kann man darin Foucaults ewiges Vermächtnis sehen: Einen Diskurs erweitert oder unterminiert man nur mit einem besseren Diskurs, dessen Wahrheitsversprechen von unten kommt, aus einem anderen Ort oder einer anderen Geschichte.

Am 15. Oktober dieses Jahres würde Michel Foucault 100 Jahre alt. Aus diesem Anlass bringen wir bis dahin jeden Monat zum 15. einen Artikel zu einem Aspekt des Wirkens dieses einflussreichen Philosophen.

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