: „Sie benötigen eimerweise Gleitmittel“
Die 59-jährige kanadische Wahlberlinerin Peaches im Gespräch über hängende Brüste, reaktionäre Politik, Jüdischsein und sexy Texte auf ihrem neuen Album
Interview Julian Weber
taz: Peaches, kennen Sie die Berliner Share-Autofirma „Miles“?
Peaches: Selbstverständlich!
taz: Hilft das massenhafte Entfernen des unteren Querbalkens vom E aus dem Firmenlogo an den Autotüren Ihrem Anliegen?
Peaches: Sie meinen, wenn die Autos als „MILFS“ (Mother I’d Like To Fuck) durch die Gegend fahren? Das ist wunderbar!
taz: Ihr neues Album heißt „No Lube So Rude“, „Lube“ ist die Abkürzung von Lubrication, Gleitmittel. Ein probates Mittel gegen die Verspießerung?
Peaches: Da die Welt immer tiefer im Chaos versinkt, entsteht auch mehr Reibung, das scheuert gewaltig und fühlt sich unangenehm an. Angesichts der geistigen Versteppung brauchen wir dringend Klebstoff, um wieder zurück zueinander zu finden und besser aufeinander einzugehen. Und so ist das Gleitmittel meine Allegorie auf die betrübliche Weltlage. Als Anwendung hilft Gleitmittel vor allem Frauen nach der Menopause. Sie fühlen sich vertrocknet, verschwinden aus der öffentlichen Wahrnehmung, werden unsichtbar. Eigentlich benötigen sie eimerweise Gleitmittel, um wieder Spaß haben zu können. Gleitmittel ist nicht für Milfs gut, es hilft der Menschheit insgesamt beim innigeren Umgang miteinander.
taz: Drogen oder Gewalt waren schon oft titelgebend für Popalben, Gleitmittel bis jetzt noch nie. Wie kamen Sie darauf?
Peaches: Ich will einfach, dass die Leute trotz allem Alltagswahnsinn den Kopf über Wasser halten. Wenn es um Sex geht, dann geht es nur einvernehmlich. Wer ohne Gleitmittel zum Tête-à-Tête aufkreuzt, liegt genauso falsch, wie jemand, der ohne Kondom kommt. So läuft das doch nicht!
taz: „Hanging Titties“ heißt Ihr Auftaktsong, der mich gleich abgeholt hat. Die biologische Uhr tickt unaufhaltsam, ob Haarausfall oder hängende Brüste …
Peaches: Ja, die Titties sind halt immer noch niedlich, sie haben auch eine Funktion …
taz: Sie setzen Ihr Alter als Waffe ein und die Brüste sind Ihre Granaten?
Peaches: Ja, finde dich mit ihnen ab, dann wirst du sie lieben! Besser so als „Oh nein, was baumelt denn da?“ oder „Nicht schon wieder ein Glatzkopf!“
taz: Wobei das Rock’n’Roll-Klischee besagt, dass wir für immer jung bleiben müssen. Alter ist kein Thema, das wird ausgespart.
Peaches: Dabei ist Rock’n’Roll längst ein alter Sack.
taz: Urviecher wie die Rolling Stones sind im Alter reaktionär geworden. Bei Ihnen ist es genau umgekehrt. Ihre Haltung ist mindestens so radikal wie vor 25 Jahren. Die Musik ist gut gealtert und Ihre Songtexte sind eher relevanter als früher.
Die Künstlerin: Peaches, geboren 1966 als Merrill Nisker in Toronto. Bevor sie Ende der 90er Jahre nach Berlin kam, hat sie als Musiklehrerin in Kanada gearbeitet.
Das Album: Ihr siebtes Album „No Lube So Rude“ (Killrockstars/Bertus) erscheint am 20. 2. 2026
Die Tour: 27. 4. 26 Große Freiheit 36, Hamburg 28. 4. 26 Live Music Hall, Köln 30. 4. 26 Zoom, Frankfurt 5. 5. 26 Astra Kulturhaus, Berlin
Peaches: Gefühlt wird alles immer reaktionärer. Man muss sich nur in Deutschland umschauen, wie konnte es zum Aufstieg der AfD kommen? Es sollte doch „nie wieder“ passieren. Wir müssen uns gegen die fatale Entwicklung mit allen Kräften wenden und das Unheil zurückschlagen. Revolution klappt nur, wenn wir als gewachsene Gemeinschaft zusammenhalten. Wenn ich ein neues Album plane und aufnehme, dann bringe ich verschiedene Leute zusammen, und alle fühlen sich gemeinsam in die Musik ein. Wenn alles im Kasten ist, hoffe ich, dass ich wenigstens meinen Teil für die Gemeinschaft beigetragen habe, dass meine Sounds und Worte dann wiederum andere inspirieren.
Theoretisch sollten Demokratien beim Voranschreiten in der Zeit progressiv sein. Gleichberechtigung sollte ein Grundrecht sein, und wir sollten es nicht ständig neu verhandeln müssen. Warum werden Uhren dann zurückgedreht und jede Generation muss diese Auseinandersetzungen erneut ausfechten?
Peaches: Es geht nicht nur um Gleichberechtigung, auch das Recht auf Abtreibung ist umkämpft. Mancherorts steht selbst Gesundheitsvorsorge zur Disposition. Allgemein ist Wohlstand immer ungerechter verteilt, dieses Gefälle muss eingeebnet werden. Das Problem ist nur, dass White Supremacy immer noch als Standardmodell gilt, alles andere wäre somit eine Provokation. Das stimmt natürlich nicht so!
taz: Sie bleiben trotzdem in den Songtexten höflich: „If you say sneeze / I say bless you …“ reimen Sie.
Peaches: Und weiter: „If you beg / I will fist you up your ass / Pass the tissue / I’ve got issues“.
taz: Ja, das habe ich mir exakt so aufgeschrieben. Wenn ich es lese, dann ergibt es eine Art Limerick übers Fisten. Aber dadurch, dass Sie den Reim auf bestimmte Weise singsprechen, entsteht große Songkunst.
Peaches: Das geschieht durch die Kadenz. Dass sich die Zeilen reimen, ist gar nicht der Punkt. Wichtiger ist, dass ich die Zeilen mit Verve rüberbringe.
taz: Der Motor ist Ihre No-Nonsense-Haltung?
Peaches: Attitude und Feeling sind mindestens so wichtig wie die Wortwahl, genau.
taz: Sie sind eine Nichtrapperin, die über Melodien und Kadenzen reimt, wie eine Surferin über die Wellen reitet?
Peaches: Ob Rap oder Non-Rap, die Art des Sprechgesangs mache ich so seit Anfang meiner Karriere. Mit dem Ziel, Dinge in den Songtexten ohne Umschweife darzustellen. Ich will Reime raushaun, ohne dass sie von einem Schleier der Schönheit verdeckt werden. Meine Hörer:Innen sollen mich anhand der Reime beurteilen. Oder dadurch wenigstens auf andere Gedanken gebracht werden. Ich will mich nicht hinter meinen Texten verstecken. Deshalb strippe ich die Melodien soweit runter, dass die Texte anschaulich bleiben. So wird die Textpoesie erst deutlich.
taz: Die Prüderie, mit der teilweise über die Themen Ihrer Songs verhandelt wird, mutet dadurch nur noch seltsamer an. Denn eigentlich rationalisieren Sie Themen dadurch, dass Sie sie explizit beschreiben.
Peaches, Sängerin und Produzentin
Peaches: Normalisieren heißt, ich sage den Menschen nur, es ist okay, dies oder jenes zu tun. Bestimmte Worte unverblümt auszusprechen, auch das ist okay. Falls die Leute frustriert sind, dann verlocken meine Texte vielleicht dazu, den Frust abzubauen.
taz: Haben sich, gesamtgesellschaftlich betrachtet, Prüderie und Doppelmoral eigentlich merklich verschlimmert, seit Sie angefangen haben?
Peaches: Es ist besser und zugleich schlechter. Ich fühle mich wie Sisyphus, der den Felsen den Berg hoch rollt. Das Leben ist kein Zuckerschlecken und Realpolitik auch nicht. Hoffentlich werde ich beim Runterrollen dann nicht vom Felsen erschlagen. Gefühlt stauen sich auf meiner Agenda immer mehr Themen, mit denen ich fertig werden muss. Wenigstens verleiht das meiner Kunst eine gewisse Dringlichkeit.
taz: Im Song „Grip“ reimen Sie Heiserkeit mit Mariah Carey.
Peaches: „Throat high / Throat hairy / Same height / Mariah Carey“.
taz: Und später „Nipple covers never stick“.
Peaches: Diese Nippelpatches, mit denen wir auf der Bühne unsere Brustwarzen verdecken, sie halten leider nie.
taz: Hilft Ihnen Humor dabei, den Stress besser auszuhalten?
Peaches: Humor tut nicht nur mir gut, er spielt auch eine wichtige Rolle für meine Fans. Viele sind verunsichert und haben regelrecht Angst, bestimmte Dinge auszusprechen. Ich suche immer nach Wegen, um sie in eine Situation zu bringen, in der sie sich wohl fühlen. Humor, wenn er richtig dosiert ist, entspannt die Menschen.
taz: Würden Sie sagen, dass Ihre Musik und Ihr Haltung typisch jüdisch sind?
Peaches: Jüdisch ist, dass die Musik aus mir selbst kommt. Sie ist mein ganz eigenes Ding. So bin ich halt. Meine Kindheit und Jugend in Toronto waren sehr konservativ geprägt. Ich habe eine konfessionelle Schule besucht. Was mir da vermittelt wurde, war teils propagandistisch angehaucht. Das hat mit meinem Jüdischsein gar nichts zu tun. So wurde mir in der Schule ein unrealistisches Bild von Israel vermittelt. Ich möchte betonen, nur, weil mich an Israel manches stört, deshalb bin ich noch lange nicht antijüdisch.
taz: Ihre Musik hat Anteile bei HipHop, Rave und Punk, dazu kommen Ihre feministischen Texte. Wie haben Sie das alles unter einen Hut gebracht?
Peaches: Das hat auch mit meinen älteren Geschwistern zu tun. Meine beiden Brüder waren in der Punkszene, meine Schwester fühlte sich eher in der Disco zu Hause. Da habe ich schon zu Hause viel mitbekommen. Ich selbst habe elektronische Musik zuerst in den frühen 90ern über den Umweg England gehört. Generell habe ich Musik gar nicht so ernst genommen. Mehr als Punksound mochte ich schon immer die Haltung. Und dann war es eben so, dass der männliche Blick, der aus den meisten Songtexten spricht, mit meiner Lebenswirklichkeit nix zu tun hatte. Ich habe also die Punkenergie genommen, und den direkten Reimstil vom HipHop. Was Elektronik angeht, fand ich den Purismus immer langweilig und so habe ich alles munter vermischt.
taz: Ihr letztes Album ist 2015 erschienen. Was ist eigentlich in der Zwischenzeit passiert?
Peaches: Ich bin für drei Jahre um die Welt getourt. 2020 hätte ich dann auf Anniversary-Tour gehen sollen, das hat die Pandemie verhindert. Was sich hingezogen hat, ist die Arbeit am Dokumentarfilm „Peaches Goes Bananas“, an dem ich insgesamt 17 Jahre gewerkelt habe. Jetzt ist er endlich fertig. Außerdem gab es diverse Kunst- und Performanceprojekte, jedenfalls war ich in den letzten Jahren nicht untätig.
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