: Papier auf der Flucht
Ein Junge, seine Familie und die Mudschaheddin, die in dem Land das Kalifat ausrufen. Der Roman „Der letzte Sommer der Tauben“ von Abbas Khider funktioniert wie eine Flaschenpost
Von Dirk Knipphals
Schließlich verbieten die Mudschaheddin selbst den Tauben das Fliegen. „Der Himmel war schon immer ein Ort, an dem sich Götter und Vögel begegnen“, heißt es an einer Stelle, doch nun „scheint die Alleinherrschaft eines einzigen Gottes Standard zu sein“.
Dieser Roman hat einen riesigen Hintergrund, doch er macht sich erst einmal klein. In „Der letzte Sommer der Tauben“ erzählt Abbas Khider vom Alltag einer Familie in einem nicht näher bezeichneten Land – die Hinweise weisen auf Afghanistan –, in dem Gotteskrieger die Macht übernahmen und ein Kalifat ausriefen. Die Tauben gehören dem 14-jährigen Jungen, der das alles erzählt. Schlichte Sätze. Keine breit ausgemalte Psychologie. Vielmehr wie blitzartig aufgeblendet kurze Abschnitte. Familienalltag. Details der Taubenzucht. Straßenleben.
Am Motiv des verbotenen Taubenflugs sieht man, wie raffiniert hier die Bildlichkeit und das Handfeste miteinander verwoben sind. Denn zum einen verbieten die Mudschaheddin ihn, weil sie alles verbieten: Alkohol, Tabak, Handys, freizügige Bilder, Kartenspiel. Die Tauben als Symbol für die Schönheit des Lebens, die Mudschaheddin als deren Zerstörer. Zum anderen geht es aber auch um konkrete Machtdurchsetzung. Denn die Taubenzüchter der Stadt schmuggelten – „Operation Wandertaube“ – Nachrichten von den Repressionen aus dem Land heraus. Wie sich die Gewalt selbst immer weiter in den Alltag dreht, macht Abbas Khider dabei gekonnt deutlich. Dabei braucht er die Gewalt nur anzutippen, um sie aufrufen: Eine Frau wird gesteinigt, Menschen werden erschossen und verhaftet. Der Erzähler registriert das wie unter Schock.
Abbas Khider: „Der letzte Sommer der Tauben“. Hanser, München 2026. 216 Seiten, 24 Euro
Warum berührt dieser Roman so? Abbas Khider findet plastische Bilder. Einmal beobachtet der Ich-Erzähler seine Mutter, wie sie kraftvoll Teig knetet. „Es sieht aus, als würde sie ihre Sorgen in den Teig drücken.“ Später hält er das in den Augen der Mudschaheddin gotteslästerliche Manuskript seines Onkels Ali, der fliehen muss, in den Händen: „Die Blätter zittern, als wäre selbst das Papier vor dem Inhalt auf der Flucht.“ Und zugleich ist die Figurenanlage differenziert. Bakir, der ältere Bruder, wird selbst zum Mudschaheddin (rettet dann aber den Onkel). Eine Freundin des Erzählers wird, gerade 16-jährig, mit einem Mann namens Abu Islam verheiratet, der tatsächlich Ralf Becker heißt und aus Mülheim an der Ruhr kommt: ein Deutscher, der sich dem gewaltsamen Kampf für den Islam verschworen hat – aber selbst Tauben sehr mag. „Wie kann jemand gleichzeitig ein freundlicher Taubenliebhaber und ein Gotteskrieger sein?“, fragt sich der Erzähler.
Vor allem aber berührt einen das Vertrauen ins Lesen, das der Roman vermittelt. Abbas Khider drückt nicht auf die Tube. Er will nicht glänzen und einen nicht beeindrucken. Er poetisiert nicht (nur manchmal beim Flug der Tauben). Er berichtet. In die Grausamkeiten der Gegenwart und in die Traditionen der Literatur wirft er diese Geschichte eines 14-jährigen Jungen, seiner Familie und seiner Tauben wie eine Flaschenpost. Und er vertraut darauf, dass es Leser*innen gibt, die sie finden. Einmal steht die Mutter des Erzählers am Fenster und schaut in die Ferne, „als würde sie einen Teil von sich vermissen“. Solche Bilder wachsen beim Lesen.
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