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Nina Warken über das Frausein in der CDU„Wir müssen uns aufdrängen“

Seit 2025 ist Nina Warken Bundesgesundheitsministerin und Vorsitzende der Frauenunion. Junge Christdemokratinnen fordert sie auf, öfter mal stur zu bleiben.

Das Angebot, Gesundheitsministerin zu werden, kam zunächst überraschend für Nina Warken Foto: Doro Zinn
Sabine am Orde
Anna Lehmann

Interview von

Sabine am Orde und Anna Lehmann

taz: Frau Warken, „ohne ausgeprägten Machtsinn kann man sich nicht freudvoll und erfolgreich politisch engagieren.“ Das hat die Politikwissenschaftlerin Ursula Münch vor einiger Zeit für die Frauen Union geschrieben. Fehlt christdemokratischen Frauen der Machtsinn?

Nina Warken: Das kann man so pauschal nicht sagen. Wir haben ganz viele Frauen in der Partei, die sich auf unterschiedlichen Ebenen engagieren. Aber es ist immer wieder zu beobachten, dass sie den entscheidenden Schritt nicht machen, wenn es um eine Kandidatur geht oder darum, den nächsten Posten anzustreben. Frauen sind eher der Meinung, dass sie sich in der Sache engagieren, aber nicht unbedingt mehr Verantwortung übernehmen wollen. Da können wir sicher noch offensiver werden.

taz: Sind die Frauen also selbst schuld?

Warken: Nein, wir brauchen bessere Rahmenbedingungen, damit Frauen überhaupt den Wunsch bekommen, Verantwortung zu übernehmen.

Im Interview: Nina Warken

Die 46-Jährige ist seit 2025 Bundesgesundheitsministerin und Vorsitzende der Frauen Union. Bei der vergangenen Bundestagswahl holte sie in ihrer Heimat Tauberbischofsheim die meisten Stimmen aller baden-württembergischen Direktkandidat*innen. Vor ihrem Einzug ins Gesundheitsministerium arbeitete sie als Anwältin und war unter anderem Generalsekretärin der CDU in Baden-Württemberg und stellvertretende Bundesvorsitzende der Jungen Union, der sie quasi direkt nach dem Abi beitrat.

taz: Sie haben erlebt, wie schwierig es sein kann, wenn man als Frau nach vorn will. 2021 wollten Sie als Direktkandidatin für den Bundestag antreten, aber Ihr Kreisvorsitzender wollte unbedingt Ihren männlichen Gegenkandidaten durchsetzen.

Warken: Ich war zu diesem Zeitpunkt zweimal über die Landesliste in den Bundestag eingezogen und wollte dann für das Direktmandat kandidieren. Und plötzlich hieß es, ich als Frau könnte doch wieder über die Landesliste kandidieren und der Mann für das Direktmandat …

taz: … das in Ihrem Wahlkreis Odenwald-Tauber bislang sicher an die CDU ging.

Warken: Genau. Ob in Baden-Württemberg die Landesliste überhaupt zieht, das ist eben sehr unsicher. 2013 war unser Zweitstimmenergebnis so gut, da bin ich über die Liste in den Bundestag gekommen, 2017 konnte ich aber erst nach einem Jahr nachrücken.

taz: Sie haben sich durchgesetzt. Was haben Sie aus dieser Erfahrung mitgenommen?

Warken: Man muss immer gewappnet sein. Es ist ein stetiges Arbeiten und Netzwerken.

taz: Was würden Sie jüngeren Christdemokratinnen raten?

Warken: Konsequent und auch einmal stur bleiben. Nicht zu lange zögern und Gelegenheiten ergreifen, wenn sie sich ergeben. Ein gutes Netzwerk bilden, um sich eine breite Machtbasis zu verschaffen. Das klappt am besten durch verbindliche Absprachen.

„Wenn man gefragt wird, dann muss man diese Chance ergreifen“, sagt Nina Warken Foto: Doro Zinn

taz: Sind die Frauennetzwerke im Vergleich zu denen der Männer immer noch zu schwach in der CDU?

Warken: Sie sind nicht zu unterschätzen. Luft nach oben ist immer.

taz: Der Frauenanteil der CDU-Mitglieder ist mit 26,5 Prozent im Vergleich zu anderen demokratischen Parteien auffallend gering. Und bei den Posten gilt: Je näher man der Macht kommt, desto weniger Frauen gibt es. Der Kreis um Merz im Kanzleramt ist eine reine Männerrunde.

Warken: Wir sollten nie davon ausgehen, dass der Weg für uns wie selbstverständlich geebnet ist. Wir müssen schon in die Auseinandersetzung gehen und uns aufdrängen. Wir brauchen mehr Frauen in Führungsgremien, auch mit Blick auf den Koalitionsausschuss

taz: … in dem für die Union sechs Männer sitzen. Und keine einzige Frau.

Warken: Ja, das ist unbestritten ein Problem. Aus meiner Sicht sollte zusätzlich eine Frau, etwa eine der stellvertretenden Vorsitzenden, teilnehmen. Aber mit dem Vorschlag sind wir noch nicht durchgedrungen.

taz: Mit welchem Argument wurde er zurückgewiesen?

Warken: Dass das Gremium nicht zu groß sein soll. Aber wir bleiben dran.

taz: Die CDU hat 2022 etwa für Vorstandsämter stufenweise eine Quote eingeführt. Macht sich das bemerkbar?

Warken: Ja und nein. Auf dem Parteitag im Februar dürfte ein ausgewogener Vorstand gewählt werden. Da zeigt sich, dass es sich lohnt, eine Quote zu haben. Für Parteigremien können wir die Quote verbindlicher festschreiben als beispielsweise für Landeslisten. Wir sind jetzt gespannt auf den Gleichstellungsbericht des Generalsekretärs.

taz: Die Quote wurde befristet für fünf Jahre eingeführt. Sehen Sie Versuche, sie gleich wieder abzuschaffen?

Warken: Allen muss klar sein, dass wir nach fünf Jahren noch nicht da sein werden, wo wir sein wollen. Deshalb sollten wir die Quote gegebenenfalls nachbessern, aber nicht abschaffen. Mir sind keine solchen Bestrebungen bekannt. Wir würden auch konsequent dagegenhalten.

taz: Auf dem Bundesparteitag sollen wegen der Quote drei statt zwei stellvertretende Parteichefinnen gewählt werden, weshalb ein neuer Vizeposten geschaffen wird. Ist es den CDU-Männern nicht zuzumuten, dass sie im Zuge von Parität Einfluss abgeben?

Warken: Für uns ist das Ergebnis gut, wenn die Wahlen so laufen wie vorgeschlagen. Dann haben wir drei Frauen, die stark sowie sehr unterschiedlich aufgestellt und jeweils Aushängeschilder sind.

CDU-Bundesparteitag

Die CDU trifft sich am 20. und 21. Februar zum Bundesparteitag in Stuttgart. Zwei Tage lang debattieren die 1.001 Delegierten und wählen den gesamten Bundesvorstand inklusive Präsidium und Vorsitz neu. Für Friedrich Merz stimmten vor zwei Jahren knapp 90 Prozent.

443 Seiten ist das Antragsheft für den Parteitag lang. Es zeigt, dass die Regierung Merz umstritten ist. Die Junge Union will das Rentenalter für Be­schäftigte hochsetzen und für Aus­län­de­r:innen die Dauer bis zur Einbürgerung wieder auf acht Jahre erhöhen. Andere Gruppen fordern eine noch schärfere Migrationspolitik. Die Frauen Union setzt sich für eine Legalisierung der Eizellspende in engen Grenzen ein.

Angela Merkel kommt erstmals seit 2019 wieder persönlich zum Parteitag.

taz: In manchen Ländern merkt man gar nicht, dass die CDU inzwischen eine Quote hat. In Sachsen-Anhalt hat der Landesvorstand für die Landtagswahl im September eine Liste vorgeschlagen, bei der die erste Frau auf Platz zehn stand. Ein klarer Verstoß gegen die Quotenregel. Warum hat das keine Konsequenzen?

Warken: In der Satzung stehen Zielvorgaben für die Aufstellung von Landeslisten. Das hängt mit dem Wahlrecht zusammen. Das ist nicht im Sinne dessen, was wir vereinbart haben und nicht genug. Wir werden gezielter im Vorfeld von solchen Listenaufstellungen auf die CDU-Landesvorsitzenden zugehen, mit dem Ziel, Frauen angemessen zu platzieren. Die Repräsentanz von Frauen sollte gemeinsames Anliegen sein, das muss sich in Zukunft stärker abbilden.

taz: Und ist es ein gemeinsames Anliegen?

Warken: Es gibt Landesverbände, in denen es längst selbstverständlich ist. Insgesamt gelingt es deutlich besser als früher. Dort, wo es nicht der Fall ist, werden wir immer wieder daran erinnern. Wir sprechen auch auf der kommunalen Ebene gezielt Frauen an und ermutigen sie, zu kandidieren. Von dort geht es ja oft weiter auf die Landes- oder Bundesebene. Es ist eine Kärrnerarbeit für die gesamte Partei.

wochentaz

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taz: Eine Stärke der CDU ist, dass sie breit aufgestellt ist, mit der Mittelstandsvereinigung MIT, dem Arbeitnehmerflügel CDA, der Frauen Union. Jetzt hat sich die MIT ziemlich stark durchgesetzt – mit Posten und Themen. Verspielt die CDU gerade eines ihrer Pfunde?

Warken: Wir sind weiterhin breit aufgestellt. Und wir sollten auch in der Debatte um die Reformagenda für unser Land noch stärker auf geeinte Konzepte setzen, in denen sich die beiden Flügel – MIT und CDA – verständigen. Dadurch zeigen wir, dass uns Wirtschafts- wie Sozialpolitik am Herzen liegt und wir in beiden Bereichen eine hohe Kompetenz haben. Wir werden uns da als Frauen Union aktiv einbringen.

taz: Die MIT und auch der parteinahe Wirtschaftsrat der CDU haben im Vorfeld des Parteitags Forderungen formuliert, die eher Zweifel aufkommen lassen, wie sehr ihnen die Sozialpolitik am Herzen liegt. Die Forderung nach der Ausgliederung der Zahnarztversorgung aus dem Leistungskatalog der gesetzlichen Krankenversicherung haben Sie in Ihrer Funktion als Gesundheitsministerin sofort abgeräumt. Schießt der Wirtschaftsflügel übers Ziel hinaus?

Warken: Im Vorfeld von Parteitagen gibt es immer Vorschläge, die für Kontroversen sorgen – ganz besonders in Zeiten so großer Reformbedürftigkeit. Ich begrüße Debatten um den besten Weg auch grundsätzlich. Wenn jedoch an den Grundpfeilern unseres Solidarsystems gerüttelt wird, muss ich Position beziehen – auch im Sinne meiner Partei. Eine Abkehr vom Kerngedanken unseres Solidarsystems wird es mit der CDU nicht geben.

taz: Sie sind auch Gesundheitsministerin. Wie viel Zeit bleibt Ihnen für den Vorsitz der Frauen Union?

Warken: Es bedarf guter Organisation, alles unter einen Hut zu bringen. Ich kann mich zu jeder Zeit bei meinen Aufgaben auf die jeweiligen Teams verlassen. Zudem habe ich von Anfang an gesagt, dass der Vorsitz der Frauen Union keine One-Woman-Show ist. Ich habe Stellvertreterinnen, die Termine wahrnehmen, Arbeitsgruppen leiten und sich eigenständig um Themen kümmern. Wir haben hier ein sehr produktives Miteinander.

taz: Wären Sie eigentlich lieber Frauenministerin geworden?

Warken: Ich habe nicht zu Hause gesessen und mir überlegt, was ich werden wollen könnte. Das Angebot für das Amt als Gesundheitsministerin kam in der Tat überraschend für mich. Ich komme ja aus der Innen- und Rechtspolitik. Aber wenn man gefragt wird, dann muss man diese Chance ergreifen.

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