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UrananreicherungGronau grundsätzlich atomwaffentauglich

Im westfälischen Gronau wird Uran für Atomkraftwerke angereichert. Auch die Produktion von Uran für Atombomben ist dort zumindest technisch möglich.

Und hier sehen Sie die Anreicherungsautoklaven (Archivbild) Foto: Uta Rademacher/picture-alliance/dpa

Noch kommen sie vereinzelt, aber zu vernehmen sind sie schon, die Rufe nach einer deutschen Atombewaffnung. Zuletzt forderte etwa Brigadegeneral Frank Pieper im Stern taktische Atomwaffen für die Bundeswehr. Konventionelle Rüstung reiche zur Abschreckung nicht mehr aus. Pieper ist, immerhin, Direktor Strategie an der Führungsakademie der Bundeswehr. Er betonte, er äußere sich als Privatperson.

Der Historiker Harald Biermann, Präsident der Stiftung Haus der Geschichte in Bonn, sieht ebenfalls Handlungsbedarf: „Die nukleare Frage ist der Kern der nationalen Souveränität eines Staates. Auch Deutschland muss sich dieser Frage stellen“, sagte er, ebenso im Stern. Dort verwies außerdem Chemiker, Reaktorsicherheitsexperte und Whistleblower Rainer Moormann auf die technische Machbarkeit. Prinzipiell könne die Urananreicherungsanlage (UAA) im westfälischen Gronau zum Atombombenbau genutzt werden. Moormann veröffentlichte 2008 eine kritische Neubewertung der Sicherheit von Kugelhaufenreaktoren und sorgte über die Medien und durch Vorträge für die Verbreitung seiner Kritik.

Die Gronauer UAA ging 1985 in Betrieb und ist bundesweit die einzige Fabrik dieser Art. Betreiber ist das Unternehmen Urenco (Uranium Enrichment Company), einer der weltweit führenden Anbieter im Bereich der Uranreicherung. Urenco gehört zu gleichen Teilen dem britischen Staat, dem niederländischen Staat und den beiden deutschen Energiekonzernen E.ON und RWE. Außer in Gronau betreibt der Konzern drei weitere Urananreicherungsanlagen in Almelo (Niederlande), Capenhurst (Großbritannien) und Eunice (USA).

Tausende Zentrifugen

Die Anlagen von Urenco, auch die in Gronau, arbeiten mit dem Gaszentrifugenverfahren, um den Anteil des spaltbaren Uran-Isotops U-235 zu erhöhen. Im Natururan ist U-238 mit einem Anteil von 99,3 Prozent das mit Abstand häufigste Isotop, es ist im Gegensatz zu U-235 nur schwer durch thermische Neutronen spaltbar. U-235 kommt dagegen nur zu etwa 0,7 Prozent vor. Für den Betrieb in Atomkraftwerken muss der Anteil von U-235 auf dreieinhalb bis fünf Prozent erhöht werden.

Erster Schritt in dem Verfahren ist die Umwandlung des festen Urans in gasförmiges Uranhexafluorid (UF₆). Das geschieht nicht in den UAA, sondern in speziellen Konversionsanlagen in Frankreich und Nordamerika. In den UAA wird das Gas durch schnell rotierende Zentrifugen gejagt, dabei werden die schwereren Uran-238-Isotope an die Außenwand gedrückt, während sich das leichtere Uran-235 in der Mitte ansammelt.

Da eine einzelne Zentrifuge das Uran nur geringfügig anreichert, werden Tausende von ihnen in sogenannten Kaskaden hintereinander geschaltet. Mit derselben, auch von Iran genutzten Technik und vielen weiteren Zentrifugen kann Uran hoch angereichert werden, auf 80 oder 90 Prozent U-235. Damit wäre es atomwaffentauglich.

Das übrige abgereicherte, schwach radioaktive Uran, das in Gronau in großen Mengen anfällt, wird bislang neben der UAA in großen Containern gelagert. In der Vergangenheit wurde es auch nach Russland exportiert, wo es nach Recherchen des Bundesverbandes Bürgerinitiativen Umweltschutz (BBU) und russischer Um­welt­schüt­ze­r:in­nen großenteils unter freiem Himmel aufbewahrt wird. Russland liefert seinerseits angereichertes Uran für die Brennelementfabrik im niedersächsischen Lingen.

Die Gronauer Anlage verfügt über eine unbefristete Betriebsgenehmigung. Der BBU und andere Initiativen fordern schon seit Langem ihre dauerhafte Stilllegung: Seit fast 40 Jahren demonstrieren Ak­ti­vis­t:in­nen jeden Monat – mit einem Sonntagsspaziergang am Tor der UAA.

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