Schwarze Bürgerrechtler in den USA: Die Black Panthers sind zurück
In US-Städten protestieren bewaffnete Mitglieder der „New Black Panther Party“ gegen die Einwanderungsbehörde ICE. Das wirft alte Fragen über gewaltfreien Widerstand auf.
S eit Wochen protestieren in vielen US-Städten Menschen gegen die Anti-Einwanderungs-Politik der Trump-Regierung. Bisher war der Widerstand gegen ICE, in Minneapolis und anderswo, dezidiert gewaltfrei. Die meisten Gruppen, welche die Bürger-Überwachung der Abschiebetruppen organisieren, wollen vermeiden, der Bundesregierung Grund für eine weitere Eskalation zu liefern. Man möchte das Recht auf seiner Seite behalten.
So sorgte es für einiges Unbehagen unter den Demonstranten, als vorletzte Woche bei Kundgebungen in Minneapolis und Philadelphia Truppen mit Sturmgewehren, Lederjacken und Barretts auftauchten. Zwar hatte der am 24. Januar von Bundespolizisten erschossene Alex Pretti auch eine Pistole zur Selbstverteidigung bei sich getragen und er war in Minneapolis und an anderen Orten nicht der Einzige. Auch wird die Diskussion, ob sich der Widerstand bewaffnen soll, unter den Menschen in Minneapolis längst offen geführt. Doch dies war eine neue Dimension der Provokation.
Die martialisch auftretenden, ausschließlich schwarzen Männer und Frauen, gehörten der „New Black Panther Party“ an – der selbsternannten Nachfolgegeneration jener Organisation, die, inspiriert von Malcom X, während der Bürgerrechtskämpfe der 60er und 70er Jahre das Recht für sich reklamierten, sich gegen Polizeigewalt mit Waffen zu wehren. Eines der erklärten Ziele der Panthers damals war es, die Polizei zu überwachen und durch Präsenz zu versuchen, Übergriffe zu verhindern.
So erscheint die Wiederkehr genau im jetzigen Moment durchaus schlüssig. Die neuen Panthers, von denen sich die ursprünglichen Panthers wie Bobby Seal und die Erben von Mitbegründer Huey Newton allerdings distanzieren, glauben, dass dieser Moment wie für sie geschaffen ist. Wie der Widerstand gegen ICE entstanden die Panthers aus der Erkenntnis, dass man vom Staat keinen Schutz zu erwarten hat und dass man sich im Gegenteil gegen die Gewalt einer rechtlos agierenden Regierung wehren muss.
Im November 2024 gewann Donald J. Trump zum zweiten Mal eine Präsidentschaftswahl in den USA und amtiert seit Januar 2025 als 47. Präsident. Er treibt den Umbau öffentlicher Einrichtungen und einen Kurswechsel in der Außenpolitik voran.
Philosoph Cornel West ruft zu gewaltfreiem Widerstand auf
Die New Panthers demonstrierten damit, was man in schwarzen Communitys seit dem Beginn der ICE-Aktionen in verschiedenen US-Städten immer öfter hört. Unter der Trump-Regierung erlebt das weiße Mainstream-Amerika, was Afroamerikaner schon lange kennen. Der schwarze Bürgerrechtler und Philosoph Cornel West sprach in einem viel beachteten Instagramvideo von der „N****rization of America“. Das weiße Amerika erfahre nun, was es bedeute, „dämonisiert, traumatisiert und terrorisiert“ zu werden. „Die Schokoladenerfahrung läuft nun auf die Vanilleseite des Landes über.“
In dieser Lage, so West, könne das Land viel von den „Blues People“ lernen. Dabei ist seine Lektion jedoch eine andere als die der New Panthers. West war immer ein Vertreter des gewaltfreien Widerstands, ein Anhänger Martin Luther Kings. Für ihn gibt es keinen anderen Weg als den „massenhaften zivilen Ungehorsam“. Die Alternative wäre Bürgerkrieg. „Wenn gewaltfreier Wandel unmöglich ist, dann wird gewalttätiger Wandel unausweichlich.“
So hat die „Resistance“ gegen ICE eine alte Debatte wieder aufflammen lassen: West vs. New Panthers, King vs. Malcolm X, Gewaltfreiheit vs. bewaffneter Widerstand. Und vielleicht ist die Tatsache, dass ihnen das nur allzu vertraut ist, auch ein Grund dafür, dass Afroamerikaner bislang im Widerstand gegen ICE unterrepräsentiert sind. Bei den „No Kings“ Märschen und den Demonstrationen der vergangenen Wochen marschierten schwarze Amerikaner nicht an vorderster Front.
Es gibt laute afroamerikanische Stimmen, die schon seit der ICE-Invasion von Los Angeles im vergangenen Sommer sagen, dies sei nicht ihr Kampf. Das afroamerikanische Portal The Root veröffentlichte ein Editorial darüber, dass nun, da Weiße wahllose Polizeigewalt erfahren, es auf einmal die ganze Nation in Aufruhr bringt. Dass dies für Afroamerikaner Normalität sei, habe man jahrzehntelang ignoriert.
Strukturen von Black Lifes Matter halfen bei Mobilisierung
Ein anderer Aspekt ist das komplizierte Verhältnis von Afroamerikanern zu lateinamerikanischen Einwanderern. So weist etwa William Dickens, Direktor der Vereinigung „American Descendants of Slavery“ in North Carolina darauf hin, dass Latinos zu 48 Prozent für Trump gestimmt hätten. Jetzt bekämen sie das, was sie sich gewünscht hätten. Zudem findet er, lateinamerikanische Einwanderer nähmen insbesondere jungen schwarzen Männern die Jobs weg.
In Minneapolis, das in so vielerlei Hinsicht zum Vorbild für die Proteste im ganzen Land geworden ist, scheint das Verhältnis zwischen afroamerikanischen Gruppen und dem Rest der Bewegung harmonisch zu sein. Viele der Organisationsstrukturen, die jetzt eine so rasche Mobilisierung ermöglicht haben, stammen noch von den Protesten nach dem Mord an George Floyd im Mai 2020. Die Bewegung, die damals als Black Lives Matter (BLM) firmierte, war von Anfang an multiethnisch.
So helfen auch jetzt BLM-Gruppen bei den Einsatzteams mit, welche die ICE-Bewegungen überwachen. Über das Gebot der Gewaltfreiheit ist man sich allem Druck zum Trotz bislang noch einig. Die Panthers bleiben vorerst eine Randerscheinung.
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