Politischer Mord in Libyen: Warum Saif al-Islam jetzt erschossen wurde
Unter Gaddafi war Diktatorensohn Saif al-Islam Scharfmacher, im Chaos der Gegenwart hofften manche wieder auf ihn. Sein Mord nützt Libyens Mächtigen.
Saif al-Islam, der Sohn von Libyens einstigem Herrscher Muammar al-Gaddafi, ist tot. Am Dienstagabend wurde er in der Stadt Zintan von vier Attentätern erschossen. Die Täter hatten die Kabel der Überwachungskameras seines normalerweise von zahlreichen Sicherheitskräften bewachten Hauses gekappt und flohen unerkannt.
Videoaufnahmen zeigen die Leiche des 53-Jährigen auf einem Pick-up der Polizei in der südwestlich von Libyens Hauptstadt Tripolis gelegenen Stadt. Am Mittwoch bestätigten die Justizbehörden von Tripolis seinen Tod und übergaben den Leichnam seiner Familie.
In Zintan und den umgebenden Nafusa-Bergen lebte Saif al-Islam mit seiner Frau und dem gemeinsamen Kind seit zehn Jahren zurückgezogen. Nur vor Gericht und während seines Präsidentschaftswahlkampfs Ende 2021 – die Wahlen wurden dann in letzter Minute abgesagt – trat er öffentlich auf.
Den noch immer noch zahlreichen Anhängern seines Vaters, der „Grünen Bewegung“, galt das „Phantom von Zintan“ weiterhin als charismatischer Hoffnungsträger. Muammar al-Gaddafi, der Libyen ab 1969 diktatorisch regiert hatte, war 2011 in einem Bürgerkrieg von Rebellen gestürzt und getötet worden, seitdem hat das Land nicht mehr zur Stabilität zurückgefunden.
Die einen feiern, die anderen trauern
Schon das Gerücht über die Ermordung führte jetzt landesweit zu heftigen Reaktionen. In der Hafenstadt Misrata, der Hochburg des Aufstandes gegen Gaddafi 2011, fuhren Milizen feiernd durch die Straßen. In Sebha und anderen Orten in der südlichen Sahara-Provinz Fezzan versammelten sich viele Menschen in Trauer.
Libyen ist seit Jahren faktisch geteilt, seit dem Ende des jüngsten Krieges 2020 herrscht zwischen den rivalisierenden Machtblöcken in Ost- und Westlibyen Waffenstillstand und eine Art politisches Vakuum. Das Mandat des in Ostlibyen tagenden Parlaments und einer Schattenregierung ist ebenso abgelaufen wie die Amtsperiode des international anerkannten Übergangspremiers Abdelhamid Dbaiba in Tripolis im Westen des Landes.
Als die wahren Machthaber gelten andere. Feldmarschall Chalifa Haftar und dessen Söhne kontrollieren den Osten und Süden mit ihrer hochgerüsteten LNA (Libysch-Arabische Nationalarmee). Im Westen haben die Milizenkartelle von Tripolis und Misrata den größten politischen Einfluss.
Absurderweise lassen sich alle Kriegsparteien von der libyschen Zentralbank bezahlen. Die reichlich sprudelnden Öleinnahmen halten Libyens Teilung aufrecht. Derweil können einfache Bürger nur noch begrenzt Geld von ihren Bankkonten abheben, die Lebenshaltungskosten sind stark gestiegen, die Löhne nicht. „Erstmals gibt es Armut in Libyen“, sagt der Journalist Mohamed Masri aus Tripolis. „Viele Leute wollen die gesamte politische Elite loswerden und einen Neuanfang.“
Saif al-Islam stand in den Augen vieler für einen möglichen Neuanfang. Auch Gegner Gaddafis sahen in seinem Sohn eine der wenigen Persönlichkeiten, die das Land wieder vereinen könnten. Denn Haftar, der vor 2020 jahrelang Tripolis belagert und angegriffen hatte, gilt im Westen als unwählbar, in Ostlibyen wiederum gilt Dbaiba als Handlanger von Islamisten.
Finstere Rolle im Arabischen Frühling
Dabei hatte Saif al-Islam im Februar 2011 den bewaffneten Aufstand gegen seinen Vater Muammar erst richtig entfacht. Regimewillkür, Korruption und wirtschaftliche Sorgen hatten damals viele Menschen in Bengasi und Tripolis auf die Straßen getrieben, ermutigt vom Sturz der Autokraten in den Nachbarländern Tunesien und Ägypten durch die Volksaufstände des Arabischen Frühlings.
Drei Tage nach Beginn der zunächst friedlichen Straßenproteste in Libyen und wütenden Drohungen seines Vaters trat Saif al-Islam vor die Kameras. Die Libyer hofften, er werde den harten Kurs seines Vaters abmildern oder sogar dessen Amt übernehmen. Doch mit seiner sogenannten „Ströme von Blut“-Rede ging auch er auf Konfrontationskurs mit den Demonstranten.
„Wir werden euch Strom, Wasser und Gas abstellen“, warnte der Gaddafi-Sohn, während bereits eine kilometerlange Panzerkolonne nach Misrata und Bengasi unterwegs war. Die Rede und der Marschbefehl der Panzer führten wenige Monate später zu einem Haftbefehl gegen Saif al-Islam durch den Internationalen Strafgerichtshof (ICC) in Den Haag.
Gaddafis Panzer wurden von französischen Mirage-Kampfflugzeugen gestoppt, die Nato half Libyens Aufständischen. Ein halbes Jahr später bezahlte Muammar al-Gaddafi mit seinem Leben. Revolutionäre aus Misrata quälten ihn zu Tode und stellten seine Leiche öffentlich aus. Saif al-Islam versuchte mit ein paar Vertrauten, sich als Tuareg verkleidet in den Süden Libyens durchzuschlagen.
Doch in Zintan wurde die kleine Gruppe entdeckt. Aufständische schnitten ihm die drei Finger ab, die er in seiner berüchtigten TV-Rede in die Kameras gehalten hatte. Er wurde nicht nach Den Haag überstellt; das ICC gestand Libyen zu, Saif al-Islam in Tripolis vor Gericht zu stellen.
2015 wurde er per Video aus Zintan in den Gerichtssaal zugeschaltet. Er wurde wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit zum Tode verurteilt, aber seine Bewacher weigerten sich, ihn zu übergeben. Er blieb in Zintan. 2021, als in Libyen Wahlen angesetzt wurden, bewarb er sich als Präsidentschaftskandidat und galt als Favorit. Die Wahlen wurden wegen Drohungen von Milizen kurzfristig abgesagt.
„Er bleibt ein Symbol, so absurd es scheint“
Saif al-Islam hatte in London studiert, noch 2008 dort einen Doktortitel erworben und mit seinem Programm „Neues Libyen“ seit Mitte der 90er Jahre gut ausgebildete Exillibyer ins Land gelockt. Investoren aus aller Welt folgten. Er hätte das Symbol eines neuen, modernen Libyen werden können, zumindest sah er sich einst selbst so.
Doch gut informierte Kreise aus Zintan, mit denen die taz sprach, winken ab. Saif al-Islam sei durch die lange Haft in Zintan und die Folter zuletzt nur noch ein Schatten seiner selbst gewesen. „Aber er bleibt, so absurd es erscheint, das Symbol für viele Libyer, die ein Ende der Milizenherrschaft wollen“, sagt ein Journalist aus Zintan.
Die Machthaber in Tripolis und Bengasi sind mit dem Tod des Gaddafi-Sohnes einen Konkurrenten los. Vom Tod Saif al-Islam al- Gaddafis dürfte vor allem Haftar profitieren, der einst unter Gaddafi als Armeechef gedient hatte. Er hat viele Angehörige der „Grünen Bewegung“ in seine Armee integriert.
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