Unser Fenster nach Russland: Wie Telegram-Propaganda die Menschen lenken soll
Novaya Gazeta Europe hat Millionen Beiträge russischer Pro-Kreml-Kanäle ausgewertet. Sie zeigt, wie Stimmung unter anderem gegen Migranten gemacht wird.
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Am 04. Fabruar 2026 öffnet Novaya Gazeta Europe mit dem folgenden Beitrag ein Fenster nach Russland.
Novaya Gazeta Europe hat mehr als fünf Millionen Beiträge aus nahezu hundert russischen Pro-Kreml-Kanälen auf Telegram ausgewertet. Ziel dieser Analyse: nachzuzeichnen, wie sich die Feindseligkeit gegenüber der politischen Opposition, Migranten und Menschen mit sogenannten „nicht traditionellen Werten“ in Russland entwickelt hat.
Die zwischen 2019 und 2024 veröffentlichten Inhalte zeigen ein auffallend konsistentes Muster: Hetze nimmt regelmäßig im Vorfeld repressiver Gesetzesinitiativen zu, erreicht in Phasen politischer Unsicherheit ihren Höhepunkt und richtet sich bevorzugt gegen Gruppen, die sich am schwersten zur Wehr setzen können.
Die ganze Recherche des Mediums können Sie hier auf Englisch nachlesen.
Homophobie als Waffe
Bereits 2019 erlebte Russland eine neue Welle der Unterdrückung von LGBT-Personen. In Tschetschenien dokumentierten Menschenrechtsorganisationen erneut Massenverhaftungen, Folter und Ehrenmorde. In Moskau fand das LGBT-Filmfestival „Side by Side“ zum letzten Mal statt, begleitet von Angriffen rechtsextremer Gruppen, die mit stillschweigender Zustimmung der Behörden operierten. Im selben Jahr sah sich die Sportbekleidungsmarke Reebok nach einer koordinierten Gegenreaktion gezwungen, eine feministische Werbekampagne zurückzuziehen.
Im Jahr 2019 waren 46 Prozent der Beiträge, die sich auf LGBT-Personen oder Frauenrechte bezogen, negativ. Bis 2022 war dieser Anteil auf 65 Proznet gestiegen.
Als im Februar 2022 die vollständige Invasion Russlands in der Ukraine begann, geriet die Berichterstattung über LGBT-Themen kurzzeitig ins Hintertreffen, überschattet von der Fixierung der Medien auf die Ukraine. Trotzdem erreichte der Anteil negativer Beiträge über LGBT-Personen in der ersten Hälfte des Jahres mit 72 Prozent einen historischen Höchststand.
Nur wenige Wochen später begannen die Gesetzgeber mit der Diskussion über ein Gesetz zum vollständigen Verbot der sogenannten „LGBT-Propaganda“. Während regierungsfreundliche Medien den Westen weiterhin als einen Ort darstellen, der „von Perversen erobert“ wurde, ist ihre Sprache gegenüber LGBT-Personen innerhalb Russlands deutlich härter geworden – und zunehmend explizit.
Migranten als politisches Ziel
Im September 2021 markierte ein Mord in der Region Moskau einen Wendepunkt. Im Dorf Buzhaninovo vergewaltigten und töteten zwei Menschen aus Tadschikistan eine lokale Rentnerin. Die Nachricht von dem Verbrechen löste spontane Proteste der Einwohner aus, die die Ausweisung aller Migranten aus einem nahe gelegenen Arbeiterwohnheim forderten. Die Behörden kamen dieser Forderung innerhalb eines Tages nach – obwohl sich später herausstellte, dass die Täter des Verbrechens nie dort gewohnt hatten.
Dieser Fall war einer von Dutzenden, die Migranten betrafen und im Spätsommer und Herbst 2021 die Schlagzeilen auf föderale Ebene beherrschten. Verbrechen, die von „Nicht-Slawen“ begangen wurden, erhielten unverhältnismäßig viel Aufmerksamkeit. Während russische Staatsbürger zunehmend als Opfer dargestellt wurden – nicht nur im eigenen Land, sondern in der gesamten ehemaligen Sowjetregion.
Infolgedessen stieg der Anteil negativer Berichterstattung über Migranten. Jede dritte Erwähnung von Migranten oder ethnischen Minderheiten hatte einen negativen Tonfall.
Laut einer gemeinsamen Untersuchung der unabhängigen Medien iStories und Novaya Gazeta begehen Migranten etwa halb so viele Straftaten wie russische Staatsbürger.
Polizeirazzien gegen Migranten wurden dennoch zur Routine, darunter auch Einsätze in Moscheen, bei denen die Gläubigen gezwungen wurden, sich mit dem Gesicht nach unten hinzulegen, während ihre Dokumente überprüft wurden, manchmal sogar während des Gebets.
Normalisierung der Unterdrückung
Nach dem Einmarsch in die Ukraine wurde die Kategorie „innerer Feind“ erweitert. An die Stelle von Alexej Navalnys Anhängern traten „Verräter“ – Russen, denen vorgeworfen wurde, sich auf die Seite der Ukraine und des Westens zu stellen. Im Frühjahr 2022 enthielt jeder fünfte Beitrag über die Opposition Vorwürfe des Verrats sowie Entmenschlichung oder die Billigung von Repressionen.
Heute beschreiben zwischen 50 und 70 Prozent aller Beiträge über die Opposition Verhaftungen, Gerichtsverfahren oder andere Formen der Bestrafung. Die Politikwissenschaftlerin Jekaterina Schulmann argumentiert, dass diese Sichtbarkeit Absicht ist: „Wenn man sich (als Staat, Anm. d. Red.) nicht auf Unterstützung durch die Bevölkerung verlassen kann, muss man Repressionen so öffentlich wie möglich demonstrieren.“
Erfundene Feinde
Die Mobilisierung von Hass ist ein bekanntes Merkmal autoritärer Systeme. Laut dem Politikwissenschaftler Ilya Matveyev ist sie für das russische politische Modell unverzichtbar geworden. „Alles basiert auf Hass“, sagt er. „Die Unterstützung wird durch das Bild eines gemeinsamen Feindes erzeugt.“
Die langfristigen Folgen können schwerwiegend sein. Schulmann warnt davor, dass der Krieg Gewalt und kollektive Aggression normalisiert hat. „Eine große Anzahl von Menschen hat gelernt, wie man Waffen benutzt und sich an organisierter Gewalt beteiligt. Wohin wird diese Energie fließen, wenn der Krieg vorbei ist?“Eines der wahrscheinlichsten Szenarien, warnt sie, ist eine Funktionsverschlechterung des politischen Systems, begleitet von Brutalisierung: Eine Fragmentierung, in der Gewalt lokal begrenzt zur Gewohnheit wird und sich zunehmend der formellen politischen Kontrolle entzieht.
Es gibt jedoch Grund zu vorsichtigem Optimismus. Propagandistische Narrative schlagen oft keine tiefen Wurzeln. Matveyev argumentiert, dass Toleranz in den großen Städten Russlands weiter zunimmt, aber ständig unterdrückt werden muss. „Homophobie ist kein natürlicher Zustand“, sagt er. „Sie muss ständig verstärkt werden.“
Die gleiche Logik gilt für Migranten. Wenn die staatlich geförderte Feindseligkeit verschwindet, sagt Menschenrechtsanwältin Valentina Chupik, werden sich die Einstellungen schnell ändern. „Ohne Propaganda hören die Menschen auf zu hassen.“
Hören Sie dazu auch den Podcast „Freie Rede“ der taz Panter Stiftung. Er beschäftigt sich mit dem russischen Imperialismus, seiner Vergangenheit, Gegenwart und Verantwortung. Im Mittelpunkt des Gesprächs steht die wiederkehrende Straflosigkeit staatlicher Gewalt in Russland und ihre historischen wie aktuellen Folgen.
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