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Flüchtlingstod vor Chios„Das Küstenwachboot fuhr über uns hinweg“

15 Geflüchtete sind am Dienstag gestorben. Autopsieberichte ziehen die offizielle Version der griechischen Küstenwache in Zweifel.

Gedenken für die von der griechischen Küstenwache ermordeten Geflüchteten Foto: Konstantinos Anagnostou/reuters

Aus Athen

Ferry Batzoglou

Mindestens 15 tote Geflüchtete: So lautet die Bilanz nach der Kollision mit einem Patrouillenboot der griechischen Küstenwache vor der Insel Chios am vergangenen Dienstag. Mittlerweile wachsen die Zweifel an der Version der Küstenwache, wie es zur Tragödie kam.

Die Küstenwache behauptet, am Dienstag gegen 21 Uhr Ortszeit habe eins ihrer Patrouillenboote „eine planmäßige Patrouille durchgeführt und dabei ein Schnellboot mit ausländischen Passagieren entdeckt, das in Richtung der Ostküste von Chios fuhr.“

Der Fahrer des Schnellboots habe die Licht- und Tonsignale des Schiffes L.S. 1077 der griechischen Küstenwache ignoriert. Das mit mindestens 39 Migranten besetzte Boot „kehrte stattdessen um und rammte die rechte Seite des Schiffes der Küstenwache.“ Durch „die Wucht des Aufpralls“ sei das Migrantenboot gekentert, „wodurch alle Insassen ins Meer fielen“.

Kamera ausgeschaltet

Der Betrieb der an Bord befindlichen Wärmebildkamera im Moment der Kollision sei „nicht mehr nötig“ gewesen, nachdem das Migrantenboot bereits zuvor entdeckt worden sei, so die Version der Küstenwache. Das weckt Erinnerungen an den katastrophalen Schiffbruch im Juni 2023 vor der südwestgriechischen Küstenstadt Pylos, bei dem mutmaßlich rund 600 Geflüchtete ums Leben kamen. Auch vor Pylos war die Kamera des dort operierenden Küstenwachbootes L.S. 920 ausgeschaltet.

Wie die Athener Nachrichtenseite Tvxs.gr unter Berufung auf eine Quelle der EU-Grenzschutzagentur Frontex nun enthüllt, habe Frontex die griechischen Behörden „wiederholt aufgefordert“, Videoaufzeichnungen bei den Einsätzen ihrer Küstenwache durchzuführen.

Dies würden die griechischen Behörden „systematisch nicht umsetzen“ und sich dabei auf den Schutz personenbezogener Daten von Migranten berufen – im Mittelmeerraum ein Sonderfall. Und dies, obgleich es Gelder für die Beschaffung der Kameras aus gleich zwei EU-Töpfen gebe.

Starke Schläge

Derweil stellten Gerichtsmediziner zudem durch Autopsien fest, dass alle 15 Toten vor Chios durch starke Schläge hervorgerufene schwere Schädel-Hirn- sowie Brustkorb-Verletzungen aufgewiesen hätten. Bei einigen Opfern sei der Tod sofort eingetreten, also unmittelbar nach der Kollision.

Keiner der 15 Todesfälle sei auf Ertrinken zurückzuführen. Ferner berichteten Personen nach Gesprächen mit Überlebenden, dass die L.S. 1077 „mitten in der Nacht auftauchte und über das Boot der Migranten hinweg fuhr“. Obendrein habe es vor der Kollision keine akustischen und optischen Signale vom Patrouillenboot gegeben, wie die Küstenwache behauptet.

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