Olympische Eröffnungsfeier: Ansehnliches Friedenstheater
Die Olympischen Winterspiele in Norditalien werden mit einer Popshow heiter eröffnet. Doch nicht alles kommt gut an. Pfiffe gibt's für Israel und JD Vance.
Dann war es also doch geschafft. Nach dreieinhalb Stunden zähen Programms, brannte das Olympische Feuer endlich in Mailand und Cortina d’Ampezzo. Längst waren nicht mehr alle der zu Beginn anwesenden 67.000 Leute im Mailänder San-Siro-Stadion, als Italiens Skiheldinnen Alberto Tomba und Deborah Compagnoni das Feuer in Mailand entzündeten.
In Cortina, wo die alpine Speedspezialistin Sofia Goggia die letzte Fackel trug, waren nur noch wenige Olympiafreunde auf der Straße. In Predazzo und Livigno, den beiden anderen Orten, an denen die Athletinnen ihre Parade abgehalten hatten, war die Show zu diesem Zeitpunkt um halb zwölf eh schon vorbei.
Es ist gewiss nicht einfach, olympische Stimmung zu transportieren bei diesem Experiment, das da gerade in Italien stattfindet. Die Wettbewerbe sind von Mailand bis über den ganzen italienischen Alpenraum verteilt. In Mailand zogen die Sportlerinnen ins Stadion, in Cortina, Predazzo und Livigno durch die Orte. Das brauchte eben seine Zeit.
Stadt und Berge sollen in Harmonie die Welt beherbergen. „Armonia“, das war der Titel der Eröffnungsshow, die der erfahrene Eröffnungsfeiergestalter Marco Balich ins Stadion und die drei Alpenorte gebracht hat. Klar, eine Friedenstaube darf da nicht fehlen. Die wurde gegen Ende der Show von den Tänzern der Mailander Scala mit ihren Körpern auf den Boden gezeichnet.
Dann redete Starschauspielerin Charlize Theron in ihrer Rolle als UN-Friedensbotschafterin der Welt noch ins Gewissen, indem sie ihren Landsmann Nelson Mandela zitierte. „Frieden ist nicht nur die Abwesenheit von Konflikten; Frieden ist die Schaffung eines Umfelds, in dem alle Menschen unabhängig von Rasse, Hautfarbe, Glaubensbekenntnis, Religion, Geschlecht, Klasse, Kaste oder anderen sozialen Unterschiedsmerkmalen zur Blüte gelangen können.“
Nun soll also der Sport, den IOC-Präsidentin Kristy Coventry so gerne als völlig losgelöst von der Politik sähe, doch den Frieden auf der Welt bringen? Schön wär’s.
Proteste vor der Feier
Doch die Spiele können nicht einmal in den Gastgeberstädten für Zusammenhalt sorgen. Zwei Stunden vor der Eröffnungsfeier hatten sich gut 300 linke Aktivistinnen unweit des Stadions versammelt, um auf die Umweltzerstörung, die Gentrifizierung und die Vertreibung der angestammten Bevölkerung für olympische Neubauprojekte aufmerksam zu machen. Auch die Anwesenheit der US-Miliz ICE in der Stadt wurde in Sprechchören kritisiert. Die hatte die US-Delegation um Vizepräsident JD Vance nach Italien mitgebracht, auf dass sie für Sicherheit sorge.
Dessen Auftritt passt so gar nicht zu den olympischen Friedensbotschaften. Der Meinung war auch ein Großteil der bürgerlichen Olympiafreundinnen im Stadion. Als beim Einzug des US-Teams der Vizepräsident auf der Stadionleinwand eingeblendet wurde, hallten Pfiffe durch die Arena. Noch lauter wurde gepfiffen, als das Team aus Israel die Stadionrunde gemacht hat.
Den sportlichen Vertreterinnen von wahren Schurkenstaaten wie der Islamischen Republik Iran, Saudi-Arabien oder der Volksrepublik China wurde dagegen höflich applaudiert. Immerhin schien sich die Menge einig gewesen zu sein, dass dem Team aus der Ukraine besonders große Unterstützung zusteht. Mehr und lauter wurde nur geklatscht, als das italienische Team den Laufsteg der Athletinnen betrat.
So hat sich die kriegerische Welt eben doch abgebildet bei der olympischen Friedensshow. In der präsentierte sich Italien als popkulturelle Superpower. Die großen klassischen Komponisten Gioachino Rossini, Giuseppe Verdi und Giacomo Puccini tanzten da zu schlimmstem Italo-Diskopop, Andrea Bocelli zeigte, wie weit seine Stimme noch trägt und Mariah Carey, dass man auch als Weltstar um die Italianitá nicht herumkommt.
Die ansehnlichsten Models des Landes trugen in Armani-Klamotten die italienische Fahne zum Mast und natürlich wurde auch der typischen Mokkakanne gehuldigt. Das alles war angenehm heiter. Die Ponchos im Schlafsackdesign, die man dem deutschen Team zum Einzug in die Arena über die Schultern geworden hatte, konnten angesichts der insgesamt sehr ansehnlichen Inszenierung gottlob keinen größeren Schaden anrichten.
Gemeinsam für freie Presse
Als Genossenschaft gehören wir unseren Leser:innen. Und unser Journalismus ist nicht nur 100 % konzernfrei, sondern auch kostenfrei zugänglich. Alle Artikel stellen wir frei zur Verfügung, ohne Paywall. Gerade in diesen Zeiten müssen Einordnungen und Informationen allen zugänglich sein. Unsere Leser:innen müssen nichts bezahlen, wissen aber, dass kritischer, unabhängiger Journalismus nicht aus dem Nichts entsteht. Dafür sind wir sehr dankbar. Damit wir auch morgen noch unseren Journalismus machen können, brauchen wir mehr Unterstützung. Unser nächstes Ziel: 50.000 – und mit Ihrer Beteiligung können wir es schaffen. Setzen Sie ein Zeichen für die taz und für die Zukunft unseres Journalismus. Mit nur 5,- Euro sind Sie dabei! Jetzt unterstützen
Starten Sie jetzt eine spannende Diskussion!