Bomben- und Morddrohungen in Frankreich: Eine Brandmauer gegen links
Der junge Rechtsextremist Quentin Deranque wurde gewaltsam getötet. Französische Rechtspopulisten versuchen jetzt, daraus Kapital zu schlagen.
D ie Place de la République mit ihrer zehn Meter hohen Mariannen-Statue hat schon viele Demonstrationen gesehen. Auch die Linkspartei La France Insoumise (LFI) veranstaltete hier Kundgebungen, zuletzt im vergangenen Frühjahr gegen den rechtspopulistischen Rassemblement National (RN). In dieser verregneten Februarwoche ist kaum jemand auf dem großen Platz zu sehen. Nur Matteo steht in Regenjacke und mit Schirm vor dem Métro-Ausgang.
Der 25-Jährige mit dem hochgesteckten Pferdeschwanz weiß vom gewaltsamen Tod des Rechtsextremisten Quentin Deranque in Lyon. Der Mathematikstudent war vergangene Woche von Vermummten zu Tode geprügelt worden, von denen einige der Antifa-Gruppe Jeune Garde angehören. „Das, was passiert ist, ist sehr traurig“, sagt Matteo, der seinen Nachnamen nicht nennen will.
Der junge Marketingexperte hat in Lyon studiert und kennt die Stadt gut. „Lyon ist für seine Rechtsextremisten bekannt, die auf Schwarze und Araber einschlagen“, berichtet er. Diesmal sei mit Quentin ein Rechtsextremist gestorben, doch es hätte auch anders herum passieren können, mutmaßt Matteo.
Der RN zeigt seit der Tat mit dem Finger auf LFI, die laut ihrem Anführer Jean-Luc Mélenchon in der Jeune Garde einen „Verbündeten“ sieht. Der RN hat sich dagegen offiziell von rechtsextremen Milizen wie der Groupe Union Défense (GUD) distanziert. Nachdem Parteigründer Jean-Marie Le Pen jahrzehntelang auf Radikalisierung gesetzt hatte, versuchte seine Tochter Marine le Pen, ihre Partei als normal erscheinen zu lassen. Zugleich stempelte die RN-Frontfrau LFI und Mélenchon als extremistisch ab.
Bombendrohung in der Parteizentrale
„Ich rufe dazu auf, eine Brandmauer gegen die France Insoumise zu errichten, auch mit Blick auf die Kommunalwahlen“, forderte RN-Chef Jordan Bardella am Mittwoch bei einer Pressekonferenz. Jahrzehntelang hatten die anderen Parteien Wahlbündnisse gegen das Le-Pen-Lager gebildet, um ihnen Mandate zu verwehren. Ein solcher „Front Républicain“ hatte zuletzt bei den Parlamentswahlen 2024 eine Mehrheit für den RN verhindert.
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Vor der ersten Runde der Kommunalwahlen am 15. März dreht der RN nun den Spieß um. „Die extreme Rechte nutzt das Ereignis aus“, kritisiert Matteo, der sich selbst als „modéré“, also gemäßigt, bezeichnet.
Räumung wegen Bombendrohung
Die Parteizentrale von LFI liegt nur eine Viertelstunde zu Fuß von der Place de la République entfernt beim Bahnhof Gare de l’Est. Am Sonntag hatten Unbekannte das Gebäude mit roter Farbe bespritzt, um zu zeigen, dass LFI für den gewaltsamen Tod von Quentin Deranque verantwortlich sei. Zwei Parlamentsmitarbeiter des LFI-Abgeordneten Raphaël Arnault waren bei dem Angriff auf den 23-Jährigen zugegen. Einer von ihnen gab nach seiner Festnahme Gewaltanwendung zu, will Deranque aber nicht die tödlichen Schläge verpasst haben.
Am Mittwoch räumte die Polizei die Parteizentrale wegen einer Bombendrohung. „Ihr werdet hundertfach dafür bezahlen, Quentin ermordet zu haben“, stand in einer Drohmail. LFI-Koordinator Manuel Bompard wies jede Verantwortung seiner Partei für den Tod Deranques zurück. Er forderte, La France Insoumise nicht weiter zu beschuldigen. „Diese Anschuldigungen haben Konsequenzen und bewegen eine gewisse Zahl extrem gefährlicher Aktivisten zu Drohungen, Einschüchterungen und Angriffen gegen Wahlkreisbüros“, sagte Bompard vor dem LFI-Sitz.
Seit dem Tod von Deranque am 14. Februar erhielten mehrere LFI-Mitglieder Morddrohungen; Wahlkampfveranstaltungen mussten abgesagt werden. Die Spannungen dürften vor den Präsidentschaftswahlen 2027 noch steigen, bei denen der RN laut Umfragen deutlich vorn liegt. „Die Polarisierung im politischen Wettbewerb kann sich in Zusammenstößen zwischen militanten Gruppen niederschlagen“, warnte der Historiker Marc Lazar in der Zeitung Libération.
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