piwik no script img

Krieg in der UkraineWeiterleben, trotz allem

Anastasia Rodi

Essay von

Anastasia Rodi

Vier Jahre Vollinvasion haben das ukrainische Volk mürbe gemacht. Trotzdem bleiben die Menschen stark – um ihrer Würde und der Gerechtigkeit willen.

Illustration: Katja Gendikova

A n einem Abend im Januar fiel Iryna und ihrer Tochter nichts Besseres ein, als ein Symphoniekonzert in der Philharmonie zu besuchen. „Krieg, Alarm, Beschuss … Wer besucht in dieser Zeit Konzerte? Wer gibt überhaupt Konzerte? Wahrscheinlich sind nur wir beide als zwei Verrückte dort“, überlegte die 55-Jährige leise, während sie vor dem Spiegel stand, beleuchtet vom Licht einer Taschenlampe, als stünde sie im Scheinwerferlicht auf der Bühne.

Sie zog zwei Pullover übereinander und setzte sich kokett eine Baskenmütze schräg auf den Kopf, um ihr nicht ganz frisches Haar zu verdecken. Es war bereits zwei Wochen her, seit die Russen ihre massiven Angriffe auf die Energieinfrastruktur von Kyjiw wieder aufgenommen hatten. Tausende Häuser waren nicht nur ohne Strom, sondern auch ohne Wasser und Heizung bei zweistelligen Minustemperaturen. In Irynas Wohnung fiel nach dem ersten Angriff die Heizung aus, und es gab nur noch sporadisch für zwei bis drei Stunden am Tag Strom.

Als die Frauen in der Philharmonie ankamen, gingen sie, ohne die Mäntel auszuziehen, an der Garderobe vorbei direkt in den Saal. Ihre Überraschung kannte keine Grenzen! Der Saal war voller Menschen, die – wie sie selbst – erschöpft von den Umständen waren, aber inspiriert, trotz allem weiterzuleben. Der Saal der Philharmonie war auch nicht beheizt. Die Gäste trugen Jacken und Handschuhe. Sie hielten sich gegenseitig warm.

Um selbst durchzuhalten und andere zu unterstützen, braucht man Kraft. Dazu muss man zumindest kurzzeitig die Illusion eines normalen Lebens haben

„Musik wirkt Wunder“, sagt Iryna. Um selbst durchzuhalten, andere zu unterstützen und zu arbeiten, braucht man Ressourcen. Dazu muss man zumindest kurzzeitig die Illusion eines normalen Lebens haben. Man muss seine eigenen Batterien wieder aufladen. Der Besuch eines Konzerts mitten in der Apokalypse ist Teil dieses Prozesses.

Das Logo der taz: Weißer Schriftzung t a z und weiße Tatze auf rotem Grund.
taz debatte

Die taz ist eine unabhängige, linke und meinungsstarke Tageszeitung. In unseren Kommentaren, Essays und Debattentexten streiten wir seit der Gründung der taz im Jahr 1979. Oft können und wollen wir uns nicht auf eine Meinung einigen. Deshalb finden sich hier teils komplett gegenläufige Positionen – allesamt Teil des sehr breiten, linken Meinungsspektrums.

Beten, dass es nicht das eigene Haus trifft

Iryna versteht die Leute nur zu gut, die nach einer weiteren Nacht voller Beschuss eine Raveparty auf dem gefrorenen Dnipro veranstalten. Man müsse sich das nur einmal vorstellen: Es ist drei Uhr nachts, in der Wohnung sind weniger als zehn Grad Celsius, und man liegt im Dunkeln auf dem Boden im Flur, weil dies der einzige Ort ohne Fenster ist. Man hört die Sirene heulen, dann, wie sich eine Drohne nähert und in den Sturzflug übergeht. Man liegt da und betet, dass es nicht das eigene Haus trifft.

Dann gibt es einen lauten Knall – entweder hat die Luftabwehr dieses tödliche Gerät abgeschossen, oder es ist irgendwo eingeschlagen. In diesem Moment erstarrt man, der Körper pulsiert vor Adrenalin – und das mehrmals in einer Nacht. So dieser Aufregung freut man sich einfach auf den Sonnenaufgang. Man ist froh, dass man überlebt hat. Man freut sich über das Leben, bis man die Nachrichten liest und von den Folgen des Angriffs erfährt.

Vier lange Jahre sind seit jenem Morgengrauen vergangen, als die Ukrainer im ganzen Land zum ersten Mal von den Explosionen russischer Raketen am Himmel aufgeweckt wurden. Am 24. Februar 2022 hätte kaum jemand gedacht, dass dieser brutale Krieg so lange dauern und der Wille der Ukrainer so weit reichen würde. Heute kann sich kaum jemand vorstellen, wann dieser Krieg enden und wie lange der ukrainische Widerstand noch anhalten wird.

Die Welt beobachtet mit Bewunderung, wie die Ukrainer und Ukrainerinnen den schwersten Schlägen standhalten, die Russland ihnen seit 1.461 Tagen blutigen, umfassenden Kriegs zufügt. Es gibt immer noch Menschen im Land, die bereit sind, es zu verteidigen. Trotz des massiven Drucks der russischen Armee hält die Front dank ihrer Ausdauer weiterhin stand. Es gibt auch weiterhin ein Hinterland, das die Front unermüdlich unterstützt.

Schlaflose Nächte in der U-Bahn

Dazu gehört der Junge, der am Wochenende an der U-Bahn Gitarre spielt und Spenden für die Einheit seines Vaters sammelt, ebenso wie die Großmutter, die alte Pullover auftrennt und aus den Fäden warme Socken für die Soldaten an der Front strickt. Trotz der Millionen von Geflüchteten, die ins Ausland gegangen sind, gibt es im Land immer noch diejenigen, die das Leben dort aufrechterhalten – von der Kindergärtnerin und dem Lokführer bis hin zu Wissenschaftlern, Sportlern und Geschäftsleuten.

Trotz der Tausenden Toten an der Front und im Hinterland werden im Land immer noch Familien gegründet und Kinder geboren. Trotz der Unsicherheit über die eigene Zukunft gibt es Menschen, die bereit sind, Verantwortung für andere zu übernehmen und den Schwächeren zu helfen. So lässt die Nachfrage nach Tieren aus Tierheimen nicht nach. Trotz des Verlustes von Soldaten kehren diese nach Amputationen mit Prothesen zum Militär zurück, um weiter einen Beitrag zur Verteidigung des Landes zu leisten.

Die Ukrainer beeindrucken durch ihre Resilienz. Das ändert nicht daran, dass die Belastung für sie schmerzhaft ist. Hinter ihrer Standhaftigkeit verbergen sich enorme Anstrengungen. Nach schlaflosen Nächten in der eiskalten U-Bahn geht man am Morgen zur Arbeit, als hätte es den Lärm der Drohnen und Raketenexplosionen nie gegeben. Man geht komplett angezogen ins Bett, weil es in der Wohnung aufgrund der durch Beschuss zerstörten Energieversorgung nur wenige Grad warm ist und weil man immer auf einen Angriff mit einer Drohne oder einer Rakete gefasst sein muss.

Eine warme Dusche, ein heißes Mittagessen, frisch gewaschene Wäsche, eine sauber gesaugte Wohnung, aufgeladene Handys und Laptops – all diese einfachen Dinge erfordern in Zeiten des Kriegs eine sorgfältige Planung. Ein Leben in ständiger Anspannung, vor dem Hintergrund immer stärker werdender Angriffe und begleitet von politischen Aussagen, die weder ein Ende dieser Qualen noch Gerechtigkeit versprechen, kann selbst den härtesten Stahl durchschlagen.

Weder Superhelden noch Roboter

Schließlich sind die Ukrainer weder Superhelden noch Roboter. Sie sind Menschen wie alle anderen, nur dass ihre Seelen von den Kugeln des Kriegs durchbohrt sind. Ja, sie haben sich als resistenter erwiesen, als man erwarten konnte. Sie lassen nicht die Hände sinken und gehen nicht in die Knie, auch wenn sie anstelle von Gliedmaßen Prothesen haben. Doch jede Resilienz hat auch ihre Grenzen und erschöpft sich irgendwann. Sie erholt sich nicht allein durch Bewunderung oder Applaus als Zeichen des Respekts.

Dabei ist klar, dass eine Kapitulation der Ukraine noch längst nicht das Ende des Kriegs bedeuten würde. Die Ukrainer sind keine typischen Opfer, die stillschweigend jede Hilfe annehmen und mit allem einverstanden sind. Sie sind zu laut und unbequem. Ständig haben sie Forderungen und zeigen dabei eine von manchen als unangenehm empfundene unbeugsame Haltung. Und sie sind bereit, bis zum Ende zu gehen. Das kann irritierend sein, denn es verhindert die weit verbreitete Sehnsucht nach einer raschen Rückkehr zum gemütlichen „Business as usual“.

Trotz zunehmender Ermüdung und schmerzlicher Verluste bleiben die Ukrainer in ihrer Haltung gegenüber der eigenen Würde und ihrem Streben nach Gerechtigkeit unerschütterlich. Genau darin liegt der Ursprung der heutigen Resilienz des ukrainischen Volks. Die Verteidigung der eigenen Würde wurde zum Symbol des Euromaidan. Im Februar 2014 hatten die Demonstranten kaum noch Hoffnung, dem autoritären damaligen Präsidenten Wiktor Janukowitsch die Stirn bieten zu können.

Doch die Anstrengungen Tausender stellten das Vertrauen in die eigenen Kräfte wieder her und verhinderten schließlich die Diktatur. Heute wie damals sind diese Hände auch Schutzschild gegen Russland. Das ist einer der Gründe, warum das russische Regime einen so brutalen Terror gegen die Zivilbevölkerung der Ukraine führt. Und dass Russland selbst einen so hohen Preis zu bezahlen bereit ist. 156 russische Soldaten finden im Durchschnitt für jeden eroberten Quadratkilometer den Tod.

Kompensation für den Schaden

Die Brutalität der russischen Kriegsführung ist erstaunlich. Die für die Verbrechen Verantwortlichen müssen bestraft und die Ukraine mit ihrer Bevölkerung für den Schaden gerecht kompensiert werden. Vor einem Jahr setzten viele ihre Hoffnungen auf Friedensverhandlungen. Inzwischen erwartet die Mehrheit der Ukrainer nichts Gutes mehr. Die Menschen verstehen nicht, warum das Opfer der Kriegsverbrechen zu Zugeständnissen gezwungen wird, während der Angreifer sogar noch belohnt wird.

Nach diesem Winter sagen die Ukrainer zwei Dinge: „In der Dunkelheit sieht man die hellen Menschen am besten“, und: „Selbst in der Dunkelheit sieht man, dass Russland keinen Frieden will.“ Die Ukrainer und Ukrainerinnen haben den schwersten Winter in der Geschichte ihres Überlebenskampfs überstanden. Der demokratische Teil der Welt ist von ihrer Resilienz beeindruckt, aber die Kräfte lassen nach.

Demokratische Politiker sind jetzt aufgerufen, mutig angemessen zu handeln. Applaus ohne Taten beschleunigt nur die Annäherung an die eigene Resilienzprüfung. Denn Putin wird nach dem Ausbluten der Ukraine nicht lange warten, bis er die Europäer auf den Prüfstand stellt.

Gemeinsam für freie Presse

Als Genossenschaft gehören wir unseren Leser:innen. Und unser Journalismus ist nicht nur 100 % konzernfrei, sondern auch kostenfrei zugänglich. Alle Artikel stellen wir frei zur Verfügung, ohne Paywall. Gerade in diesen Zeiten müssen Einordnungen und Informationen allen zugänglich sein. Unsere Leser:innen müssen nichts bezahlen, wissen aber, dass kritischer, unabhängiger Journalismus nicht aus dem Nichts entsteht. Dafür sind wir sehr dankbar. Damit wir auch morgen noch unseren Journalismus machen können, brauchen wir mehr Unterstützung. Unser nächstes Ziel: 50.000 – und mit Ihrer Beteiligung können wir es schaffen. Setzen Sie ein Zeichen für die taz und für die Zukunft unseres Journalismus. Mit nur 5,- Euro sind Sie dabei! Jetzt unterstützen

Anastasia Rodi
Anastasia Rodi (eh. Magazova) wurde 1989 auf der Krim (Ukraine) geboren. Sie studierte ukrainische Philologie und Journalismus in Simferopol. Seit 2013 schreibt sie als freie Autorin für die taz. Von 2015 bis 2018 war sie Korrespondentin der Deutschen Welle (DW). Sie ist Absolventin des Ostkurses 2014 sowie des Ostkurses plus 2018 des ifp in München. 2016 absolvierte sie als Marion-Gräfin-Dönhoff-Stipendiatin ein Praktikum beim Flensburger Tageblatt. Von 2019 bis 2020 war sie Stipendiatin des Europäischen Journalisten-Fellowships an der Freien Universität Berlin. 2023 schloss sie ihr Studium am Osteuropa-Institut der Freien Universität Berlin mit einem Master of Arts in Politikwissenschaft mit Auszeichnung ab. 2025 nahm sie am Programm „Digitalisierung und Demokratie“ des Aspen Institute Germany teil. Seit 2025 ist sie Doktorandin an der Humboldt-Universität zu Berlin. In ihrer Forschung untersucht sie die Auswirkungen der großangelegten russischen Invasion Russlands auf die Demokratie in der Ukraine. Als Journalistin liegt ihr Schwerpunkt auf der Politik Osteuropas sowie den deutsch-ukrainischen Beziehungen. Seit den ersten Tagen der Annexion der Krim hat sie mehrere hundert Reportagen über den russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine verfasst. Zudem ist sie Ko-Autorin von zwei Büchern.
Mehr zum Thema

0 Kommentare