Obdachlosigkeit bei Frauen: „Haltet zusammen und verratet euch nicht“
Obdachlose Frauen sind eine gefährdete Gruppe. Umso wichtiger seien für sie Schutzräume und Solidarität, erzählt Dilek, die selbst wohnungslos ist.
Die Frau, die sich der taz als Dilek vorstellt, ohne Nachnamen, ohne Alter, ist regelmäßig anzutreffen in Evas Haltestelle, einem Tagestreff für wohnungslose Frauen. Sie können hier waschen, duschen, etwas essen oder einfach ausruhen. Sehr gern möchte Dilek über Solidarität sprechen:
Also erst mal: Ich kann mir selbst helfen. Aber es ist traurig, dass manche 70- oder 80-Jährige am Wochenende gezwungen sind, die ganze Nacht Ringbahn zu fahren, weil es keine Unterkunft gibt. Es gibt Frauen, die sind blind oder schwanger. Sie bräuchten eine ganz andere Versorgung, und es macht mich wütend, dass es die nicht gibt.
Unter der Woche gibt es viele Orte, aber am Wochenende hat nur am Sonntag der Tagestreff Sophie wenige Stunden geöffnet. Dabei brauchen wir Schutzräume, brauchen Räume spezifisch für Frauen und auch mehr davon. Und die Orte, die es gibt, brauchen mehr Gelder, damit sie nicht nach Jahrzehnten wie der Warme Otto kaputtgehen.
Soziale Einrichtungen geben uns Halt, sonst wären wir alle unter einer Brücke. Und ohne Schutzräume sind Übergriffe, Vergewaltigung und sogar Tötung vorprogrammiert. Das erlebe ich immer wieder: Sobald wir auf der Straße sind, werden wir als Freiwild gesehen. Wir haben immer unseren Radar überall.
Ich ziehe hin und her. In der einen Notunterkunft kannst du drei Wochen bleiben und hast dann eine Woche Sperre. In der nächsten sind es dann je zwei Wochen. Woanders sind es dann drei Wochen Sperre. Ich sage oft: Verlasst euch nicht darauf, dass die Notunterkunft immer auf ist. Jemand kann mal krank sein, da sollte man auch nicht drauf herumhacken. Generell versuchen die Sozialarbeiterinnen aber alles, damit wir nicht auf der Straße schlafen müssen.
Wenn es hart auf hart kommt, hält man zusammen
Meine Gefährtinnen nenne ich Sisters oder Kumpelinen, manchmal auch gute Kolleginnen. Freundinnen würde ich nicht sagen, zu einer Freundschaft gehört ja viel. Mir reicht das so. Wenn es hart auf hart kommt, hält man zusammen und das ist das Schöne, das nenne ich solidarisch. Selbst wenn wir uns mal gezofft haben – sobald ein Ex kommt und Ärger machen will, haben wir uns voreinander gestellt. Dann war Ruhe.
Oder wenn jemand eine von uns anbaggert, sagen wir, lass das mal. Wer Gewalt erlebt hat, weiß, was das heißt und möchte das anderen ersparen. Klar gibt es auch Fälle, wo eine die anderen in die Pfanne haut. Aber dann nehmen wir uns die zur Brust. Ich sage immer allen: Haltet zusammen und verratet euch nicht. Wir sind solidarisch und wir unterstützen Schwächere.
Zum feministischen Kampftag am 8. März wird die wochentaz zur feministaz. Während Rechte von Frauen, trans, inter und nichtbinären Personen weltweit angegriffen und zurückgedreht werden, fragt die Ausgabe, was gegen Ohnmacht und Ratlosigkeit helfen kann. Unsere Antwort: Solidarität. Auf 52 Seiten zeigt die feministaz, wie Solidarität im Großen wie im Kleinen gelebt wird. Auch auf taz.de wird das Thema vier Tage lang begleitet. Das ganze Editorial können Sie hier lesen.
Viele von uns schämen sich, sie erzählen ihrer Familie nicht, dass sie wohnungslos sind. Oft sage ich es auch nicht. Aber letztens wollten wir im Späti lose Bonbons kaufen. Als ich dem Verkäufer die Tüte hinhielt, wollte er, dass wir sie abzählen. Da meinte ich: Guck mal, wir sind obdachlos und daher übermüdet. Komm du mal in unsere Situation, das kann schneller gehen, als viele denken. Dann sind wir gegangen.
Ich kann ja Berührungsängste nachvollziehen. Aber ich wünsche mir, dass andere sich selbst ein Bild davon machen, wer wir sind. Gerade Journalist*innen sollten sich informieren, bevor sie falsch berichten.
Unter uns sind Polizistinnen, Architektinnen, ich kannte auch mal eine, die war Kirchenrestauratorin. Hochgebildete, intelligente, selbstständige Frauen, und alles Menschen. Viele von uns arbeiten. Wir sind nicht alle psychisch krank. Und die, die vielleicht Psychosen haben, die brauchen besondere Hilfe. Das zu verallgemeinern mit Vorurteilen, sehe ich als Hasskriminalität.
Und selbst wenn eine um sich schlägt, oder die Sozialarbeiterinnen beschimpft: Dahinter steckt manchmal die nackte Angst, weggeschickt zu werden, weil Plätze fehlen. In den 1980er und 90er Jahren dachte ich mal, es wird besser. Stattdessen gibt es mehr Steinzeitdenken. Die Obdachlosigkeit wird zunehmen, anstatt sie bis 2030 abzuschaffen.
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